Nr. 36/2020 vom 03.09.2020

Apocalypse Now?

Vor 45 Jahren hat sich der aktuelle US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden um die Abschrift einer Rede von Hannah Arendt bemüht. Gut wäre es, er würde sie heute lesen.

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Joe Biden

Dear Miss Arendt, könnten Sie mir bitte Ihre Rede zum 200. Geburtstag der USA schicken? Am 28. Mai 1975 schrieb Joe Biden, damals Senator von Delaware, auf der Schreibmaschine an die berühmte politische Philosophin. Er war durch einen Artikel in der «New York Times» mit dem Titel «Die Lüge und das Bild» auf Arendts Vortrag aufmerksam geworden. Ob sie ihm ihre Ansprache je geschickt hat, ist unklar, sie starb noch im selben Jahr plötzlich an einem Herzinfarkt. Nun ist Bidens Brief wieder ausgegraben worden, rechtzeitig zum Parteitag der Demokratischen Partei, die Biden bekanntlich zum Herausforderer des amtierenden Präsidenten erkoren hat.

Verdampfte Inhalte

Wer Arendts 45 Jahre alten Vortrag heute liest, wünscht sich, Biden würde trotz Wahlkampf etwas Zeit opfern, um «Home to Roost» (übersetzt etwa: «Das Verdrängte rächt sich») zu studieren. Die zornige Ansprache wirft ein Schlaglicht auf die aktuelle politische Landschaft – und regt zum Weiterdenken an.

Arendts Thema: politische Krisen, Lügen und Imagekampagnen nach Vietnam und Watergate. Sie führt aus, wie es beim politischen Lügen seit jeher um ein Übertünchen von vergangenen Fehltritten und Verbrechen gehe. Lügen sind also rückwärtsgewandt, sie sollen flicken, was schiefgelaufen ist. Und Lügen lassen sich immer auch überführen.

Das – wie Arendt maliziös schreibt – von den Werbe- und PR-Fachleuten an der Madison Avenue abgeschaute «image making» wiederum ist zwar auch ein Übertünchen – aber mit dem Ziel, eine Parallelwelt erstehen zu lassen. Spinnt man Arendts Einsicht weiter, geht es dabei um nichts weniger als um eine Manipulation der Zukunft. Und während hinter der Lüge weiter die Wahrheit lauert, ist diese Unterscheidung beim Bildermachen praktisch aufgehoben: Hier wird nicht «bloss» gelogen, sondern eine ganz neue Realität erschaffen, die nun an die Öffentlichkeit verkauft wird wie ein Konsumprodukt. Arendts Beispiel: Die grausame Niederlage in Vietnam wurde überschrieben mit der Fiktion, dass die USA weiterhin eine unbesiegbare militärische Supermacht seien. In der Realität besiegelt wurde dieses Bild mit dem Zusammenbomben des kleinen, hoffnungslos unterlegenen Kambodscha.

Von da ist es nur ein kleiner Schritt zum selbsterklärten Verkaufsgenie Trump und zu seinem brachialen Umgang mit den Protesten gegen rassistische Polizeigewalt, um hier einfach das aktuellste Beispiel zu nehmen. Er schickt Armeeeinheiten, um «Recht und Ordnung wiederherzustellen», den mörderischen Rassismus als Ursache hinter den Protesten ignoriert er. Corona? Bis Ende Jahr überwunden! Die über 180 000 Toten als direkte Folge seiner desaströsen Pandemiepolitik bleiben unerwähnt.

Imagekaskaden gabs kürzlich auch an beiden Parteitagen zu beobachten. Republikaner wie Demokraten evozierten Bildwelten der Apokalypse, falls die andere Seite gewinnen sollte. Als wäre die Zukunft ein Katastrophenfilm. Politische Inhalte verdampfen hinter grell gemalten Drohkulissen.

Auch in vielen Medien läuft die alarmistische Bildermaschine heiss: Biden – oder der Untergang. Trump – oder das Ende von Amerika. Apocalypse Now. Arendt beschrieb dagegen den Journalismus – und die Gerichte – noch als Garanten einer Wahrheitsfindung im politisch motivierten Bilderkrieg. Ein Skandal wie Watergate war ursächlich dank hartnäckiger Recherchen der «Washington Post» aufgedeckt worden.

Wie Drogenabhängige

Doch viel entscheidender für die 1933 aus Nazideutschland geflüchtete Arendt ist etwas anderes. Ob verleugnet oder nicht – die Vergangenheit ist für sie nie vergangen: «Die Welt, in der wir leben, ist in jedem Moment die Welt der Vergangenheit.» Das Gestern bleibt Teil der Gegenwart – wie ein Gespenst, das uns immer wieder aufschreckt.

Das bedeutet aber auch: Was heute ist, wird uns morgen heimsuchen. Man mag da an Trump denken und an den Schaden, den seine Präsidentschaft für die kommenden Jahre bedeutet. Aber was heisst es, dass nun quasi die Vorvergangenheit, verkörpert im greisen Joe Biden, als Zukunftshoffnung der liberalen Welt gilt – als unsere Rettung vom Trump-Trauma? Schon 1975 nannte Arendt unsere Gewöhnung an von politischen PR-Profis beschworene Bilder so gefährlich «wie eine Drogenabhängigkeit».

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