Nr. 36/2020 vom 03.09.2020

Auf magische Weise gelingt ihr einfach alles

Ein radikales, zärtliches und glänzend geschriebenes Buch: In «Frausein» benutzt die Kolumnistin und Autorin Mely Kiyak ihr Leben, um zu zeigen, was Literatur vermag.

Von Milo Rau

Wo sie auftritt, gibt es keinen Safe Space: Die Schriftstellerin Mely Kiyak. Foto: Gregor Fischer, Keystone

Als Mely Kiyak Ende August für ihr neues Buch «Frausein» im «Spiegel Online»-Format «Spitzentitel» interviewt wurde, geriet das Gespräch schon gleich zu Beginn in eine Sackgasse. Der Interviewer fragte: «Sie sind das Kind kurdischer Einwanderer. In Deutschland waren Sie Kurdin, wenn Sie aber in die Türkei fuhren, sollten Sie Türkin sein. Seit wann sind Sie sich sicher, was Sie sind?» Und Kiyak antwortete: «Ich bin einfach Autorin.»

Man kann dem Interviewer seine Frage nicht verübeln. Das Buch von Kiyak handelt, zumindest dem Anschein nach, von ihr selbst: von ihrem Kurdischsein, ihrer Familie, von den Umwegen zum Schreiben, vom Hin und Her zwischen Deutschland und der Türkei, von Beziehungen, von Sex, von einem Augeninfarkt. Es ist ein Buch über eine durch Migration geteilte Herkunft, ein Buch über Erniedrigung, Zorn und Leidenschaft. Etwas allgemeiner gesagt handelt «Frausein» von der Seltsamkeit, zu sein, geboren zu sein, angeschaut zu werden – und vom unglaublichen Geschenk, das im Blick der anderen liegen kann. Es ist deshalb eigentlich ein Buch übers Anschauen: über den liebenden, den schreibenden, den schamvollen und den leidenschaftlichen Blick. Und es ist ein Buch übers Schreiben und seine Bedingungen, zum Beispiel die Einsamkeit.

Ich muss zugeben, dass der Titel mich zuerst verwirrt hat. «Frausein» oder entsprechend «Mannsein», das klingt irgendwie defensiv. Die Hyperintimität unserer Zeit, diese verletzlichen Egos überall, diese ständig präsentierte und dann beleidigte Scham: Sie verstören und engen mich ein. Aber gerade deshalb ist Kiyaks «Frausein» mein Buch der Saison. Warum? Vielleicht liegt im Missverständnis zwischen dem «Spiegel»-Interviewer und Kiyak eine Erklärung dafür. Hier spricht eine Autorin – eine Frau mit Migrationshintergrund, also die perfekte postmoderne Authentizitätsprojektionsfläche – offensiv über sich selbst. Und doch beharrt sie auf ihrer absoluten Unerreichbarkeit mit genau diesen Kategorien.

Teewurstbrötchen vom Amtsrichter

«Frausein» ist kein essenzialistischer Roman, es ist ein Entwicklungsroman: Wir schauen zu, wie eine ihr Leben benutzt, um Autorin zu werden. Denn das ist die Wahrheit, auch in Zeiten der Identitätspolitik: Jedes Leben ist in seinen Erklärungsmöglichkeiten universal. «Es wäre komisch, es zu negieren», wie Kiyak sagt. Und das ist die Grösse, der Humanismus des Buchs: Es negiert nichts. Es integriert alles, sogar einen prügelnden Rassisten, die Einsamkeit und die Missverständnisse, die so ein Leben mit sich bringt.

Die Schauspielerin Angela Winkler hat mal irgendwo gesagt: Ein Leben ist wie ein Eiswürfel, den man in den Ozean wirft. Die Frage ist nun: Was geschieht mit diesem Eiswürfel? Schmilzt er, verhärtet er sich? Was ist eigentlich das «Eiswürfelsein»? Und was erfährt der Eiswürfel, schmelzend, über den Ozean, in den er geworfen wurde? In «Frausein» ist das unglaublich viel, auch viel Deprimierendes. Eine deutsche Schriftstellerin hätte der «Spiegel» sicher nicht gefragt, «seit wann sie sicher ist, was sie ist». Kiyaks Buch ist voll von solch gut gemeinten Mikroaggressionen. In einer Anekdote beispielsweise tritt ein Amtsrichter auf und übergibt Kiyaks Mutter, die im Gericht als Putzfrau arbeitet, Tag für Tag ein übrig gebliebenes Teewurstbrötchen. Die Mutter zwingt ihre Kinder, die Brötchen aufzuessen. Kiyak kommentiert: «Vielleicht glaubte sie, dass er sie nur als arme und hungrige Frau mögen würde.»

Das ist nur eine Episode von zahllosen. Kiyaks Buch ist kaleidoskopisch organisiert, die Autorin geht – von Prolog und Epilog abgesehen, in denen sie anhand eines Augeninfarkts eine Poetik des Blicks entwickelt – chronologisch vor. Hier und da greift sie Beispielhaftes heraus, vertieft es analytisch, wechselt plötzlich die Stillage, vom sachlichen Ton geht es dann ins Poetische, vom Miniessay zurück zur Familiengeschichte und so fort.

Es ist das von Kiyak völlig souverän und minimalistisch inszenierte Hin und Her zwischen Rollen, Ländern, Erzähltraditionen, die ihr Buch so unglaublich dicht und fast erschlagend machen. Es geht auf 130 Seiten um alles, um einen aufdringlichen Lehrer, um die Verkupplungsversuche kurdischer Tanten, um den Abschied von den Eltern, um die existenzielle Rettung am Leipziger Literaturinstitut: All diese Dinge, denen Kiyak mit einem klaren Nein oder einem klaren Ja begegnet, da sie nun mal radikal veranlagt ist, mit einer «diabolischen Lust auf Eskalation» gesegnet. Parallel dazu ist «Frausein» das Gegenteil: ein Buch der ozeanischen Zärtlichkeit, des leidenschaftlichen, lebenserweiternden Sex zum Beispiel, ein Buch der Freundschaft unter Frauen, ein Vaterbuch auch.

Künstlerisch könnte man sagen: Kiyak hat Glück gehabt mit ihrem Leben. Aber in Wahrheit ist die Sache in «Frausein» viel grundsätzlicher. Endlich wieder schreibt jemand, am Ende unseres eintönigen Zeitalters der Identität, ein Buch, in dem im autobiografischen Sinn das meiste, vielleicht alles wahr ist – und trotzdem nur eine Erzählung. Die Autorin macht zugleich in totalster Hybris und vollkommener Demut Gebrauch von ihren Erfahrungen, von Deutschland, von den Möglichkeiten der Literatur, um sie – sorry, aber so ist es nun mal – in Schönheit, Wahrheit und Menschlichkeit zu verwandeln. «Die ignorierte Frau, die vergessene Frau, die geliebte Frau, die arbeitende Frau, die zusammengeschlagene Frau – das alles musste rein», sagt Mely Kiyak im «Spiegel»-Interview. Aber nicht, weil es besonders traumatisch war. Sondern weil es nötig ist, um die soziale, physische, seelische Gestalt von Kiyaks «Frausein» zu beschwören. Um zu schreiben, wie es ist, heute ein Mensch zu sein.

Ihre Zunge ist ein Jagdbomber

Aber das alles wäre nicht der Rede wert, wäre Kiyak nicht die glänzende, begnadete, elegante, geniale Stilistin, die sie ist. Falls es jemand nicht weiss: Mely Kiyak hat das vielleicht umfangreichste Kolumnenwerk der deutschen Literatur geschaffen. Ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, dass von den zehn klügsten und schärfsten Sätzen, die in den letzten fünfzehn Jahren in deutschen Zeitungen gedruckt wurden, die Hälfte von Mely Kiyak stammt. Ihre Urteile können vernichtend sein, ihre Stellungnahmen fassen Sachverhalte endgültig zusammen. Wo Kiyak auftritt, gibt es keinen Safe Space, nicht für sie und nicht für uns. Denn Kiyaks Zunge ist nicht nur der hegelsche Weltgeist, der das Konkrete ins Allgemeine verwandeln kann und umgekehrt. Ihre Zunge ist auch ein «Jagdbomber» – wie sie in «Frausein» ihrerseits über die gefürchtete und geliebte Grossmutter schreibt.

So ist Mely Kiyaks «Frausein» ein Buch, das einen hinreisst in seiner strahlenden, ruhigen, aber keineswegs versöhnlichen Menschlichkeit.

Ach ja, zum Schluss noch dies: Wie Kiyak es fertigbringt, sich völlig entspannt auf dem schmalen Grat zwischen den beiden deutschen Tälern der Rührseligkeit und der Moralkeulen einzurichten, ist unbeschreiblich. Auf magische Weise gelingt ihr in «Frausein» einfach alles. So schreibt Kiyak an einer Stelle doch tatsächlich: «Wer eine Schule eröffnet, schliesst ein Gefängnis.» Ich glaube, es gibt aktuell keine andere Autorin als Kiyak, die einen solchen Satz kaltblütig hinschreiben könnte, ohne dass ich das Buch augenblicklich zuklappen würde. Denn wäre es nicht wahr, wäre es nicht bewiesen und erlebt und durchdacht, dann hätte Kiyak es nicht aufgeschrieben.

Der Schweizer Theatermacher Milo Rau (43) ist mit seinen hochpolitischen Theaterstücken wie «Breiviks Erklärung», «Das Kongo Tribunal» oder «Orest in Mossul» international bekannt geworden. Zurzeit ist er Intendant des NTGent (Belgien). Kommendes Wochenende feiert sein Film «Das Neue Evangelium» am Filmfestival Venedig Premiere.

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