Nr. 35/2020 vom 27.08.2020

Eine Sprache gegen die Sprachlosigkeit

Beim Wettlesen um den Bachmannpreis brachte ihr Text die Jury zum Verstummen, gewann jedoch den Publikumspreis. Jetzt liegt Ronya Othmanns erster Roman «Die Sommer» vor.

Von Anne-Sophie Scholl

«Die Erinnerungen waren nicht mehr aufzuhalten»: Ronya Othmann. Foto: Cihan Cakmak

«Als Literaturkritikerin bleibe ich still», verkündete Jurorin Hildegard Keller beim letztjährigen Wettlesen um den Bachmannpreis zum Auftakt der Diskussion über den Text, den die Autorin Ronya Othmann vorgelesen hatte. Jurorin Nora Gomringer schloss sich ihr an und sagte, sie sei von «wahnsinnigen Hemmungen» ergriffen. Othmanns Text handelte vom Genozid, den IS-Kämpfer im Sommer 2014 an JesidInnen im Sindschargebirge verübt hatten. Dabei wurde ein Teil von Othmanns Familie ermordet. Die Erzählerin heisst Ronya, wie die Autorin. Der Text verhandelte Wirklichkeit.

Aber nicht nur: Der Text verhandelte zugleich, wie über ein solches Ereignis gesprochen werden kann. Oder: wie Literatur Sprachlosigkeit eine Sprache entgegensetzen kann. Es ist absurd, wenn der Literaturbetrieb auf einen solchen Text mit Sprachlosigkeit reagiert. Schlimmer noch, wenn er einen solchen Text aufgrund des erfahrenen Leids ausschliesst. Keller doppelte in der Diskussion nach und sagte, vor dem realen Hintergrund habe sie Hemmungen, zu sagen, der Akkusativ sei falsch. Das ist auch eine Absage an die Relevanz von Literatur.

Ein Land, das es nicht gibt

Beim Wettlesen gewann Ronya Othmann schliesslich den Publikumspreis – nun legt sie ihren ersten Roman vor. «Die Sommer» ist stark autobiografisch grundiert, die zentrale Figur trägt jedoch nicht den Namen der Autorin, sie heisst Leyla. Der Genozid an den JesidInnen im Sommer 2014 ist Dreh- und Angelpunkt im Roman, Othmann fasst den Fokus ihres Textes jedoch weiter.

Ihre Leyla hat einen jesidisch-kurdischen Vater und eine deutsche Mutter und wächst in Deutschland auf. Die Sommermonate verbringt sie seit frühester Kindheit im Dorf des Vaters. Dort taucht sie ein in eine archaische Welt im Norden Syriens nahe der Grenze zur Türkei. Das Haus der Grosseltern besteht aus zwei lehmverkleideten Räumen, Hühner laufen frei herum, und im Sommer schläft die Familie draussen auf zwei Hochbetten. In dieser Welt zahlen Männer Brautgeld für ihre Frauen, und die Grossmutter führt Leyla in den jesidischen Glauben ein. Dabei ist Leyla nicht wirklich Jesidin, die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft wird durch die Geburt bestimmt, beide Elternteile müssen JesidInnen sein.

Wenn jemand sie frage, wohin sie unterwegs seien, solle sie sagen, zu den Grosseltern, schärft der Vater Leyla ein: «Du darfst den Namen des Landes niemandem verraten.» Denn das Land, in dem sie die Sommer verbringt, ist Kurdistan, ein Land, das es offiziell nicht gibt. Genauso wie es dessen Bevölkerung offiziell nicht gibt. Seit je wurde die jesidische Glaubensgemeinschaft von Muslimen verfolgt. Unter dem syrischen Diktator Baschar al-Assad wurde den KurdInnen der Pass entzogen, so wurde Leylas Vater zum Staatenlosen. Einen Beruf konnte er nicht ausüben, und der Geheimdienst setzte ihn unter Druck. Die Hoffnung auf Freiheit, die sich im Jahr des Arabischen Frühlings 2011 mit den ersten Demonstrationen in Syrien verbreitete, zerschlug sich bald. Und mit den Bombardierungen und den Massakern, mit der physischen Auslöschung begann das Erinnern: «Die Erinnerungen breiteten sich immer weiter aus, nahmen überhand, waren nicht mehr aufzuhalten», schreibt Othmann. «Wie eine Wunde, aus der Blut sickert.»

Zerrissenheit und Radikalisierung

Diese Flut von Erinnerungen formt der Text nach. «Sie konnte die Sommer in keine Reihenfolge bringen, ihre Erinnerungen waren nichts als einzelne Szenen, in Teilen bruchstückhaft, alle völlig ungeordnet», schreibt Othmann. Und genau so, assoziativ, mit Zeitsprüngen, bald an- und abschwellend, selbst Erlebtes mit Erzählungen mischend, präsentiert sich der erste Teil des Buches. Die Autorin bleibt nah bei ihrer Figur, die rückblickend so viel wie möglich zu retten versucht, und vermittelt dabei viel über die Kultur und Geschichte der jesidisch-kurdischen Familie. Den meisten von uns dürfte das nicht bekannt sein.

Dabei war Leyla anfangs noch froh gewesen über die Aussicht, den Sommer für einmal mit ihrer besten Freundin in Deutschland zu verbringen, weil die Lage in Syrien zu gefährlich war. Doch als sie von ihren Cousins über Social Media von den Gräueltaten vor Ort erfährt, ist sie zunehmend befremdet über die Ignoranz und das Desinteresse ihrer deutschen Freundinnen.

So erzählt das Buch auch von der Zerrissenheit und von einer Radikalisierung. Die 27-jährige Autorin, die zwei Semester am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel besucht hat und seit 2014 in Leipzig studiert, engagiert sich kulturpolitisch und journalistisch, in der «taz» schreibt sie eine Kolumne über Nahostpolitik. Doch ihr Roman ist mehr als blosse ZeugInnenschaft. Das Buch ist bewusst gestaltet, es hat einen stark performativen Charakter, dramaturgisch flacht es dadurch allerdings ab. Doch der Autorin gelingt es, mit feinen Beobachtungen Anteilnahme für die jesidisch-kurdische Gemeinschaft und für das Aufwachsen in zwei Kulturen zu wecken.

«Eine Geschichte erzählt man immer vom Ende her. Auch wenn man mit dem Anfang beginnt», schreibt Ronya Othmann im Prolog zu ihrem Roman. Doch wo ist der Anfang, wo das Ende in einer Geschichte von fortgesetzter Unterdrückung und kontinuierlichem Widerstand? Auch danach fragt der Roman.

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