Nr. 36/2020 vom 03.09.2020

Reicht es, wenn man als Biolieferant ein bisschen besser ist?

Die Baselbieter Agrargenossenschaft Agrico hat sich von einem idealistischen Projekt zum erfolgreichen Anbaubetrieb entwickelt. Das gelang vor allem deshalb, weil sich die Firma dem Markt geöffnet hat und eher tiefe Löhne bezahlt. Hat die Agrico ihre Ideale geopfert?

Von Renato BeckMail an AutorIn

Alexander Tanner ist angespannt. Die Kartoffeln müssen jetzt sofort eingelagert werden. Aber der Mann, der die Maschine bedienen kann, fällt aus. Also eilt Tanner, Geschäftsführer auf dem Therwiler Birsmattehof, zu seinen Mitarbeitern, mahnt zur Vorsicht.

Tanner fürchtet um Maschine und Kartoffeln, andererseits sieht er keinen Spielraum für Verzögerungen. Der Birsmattehof beliefert für die Genossenschaft Agrico jede Woche 4000 Haushalte im Raum Basel mit frischem, biologisch angebautem Gemüse. Jeder Tag auf den Feldern ist durchgetaktet, der Betrieb läuft effizient. Die einst kleine, von Idealismus angetriebene Initiative für eine solidarische Landwirtschaft ist heute ein hocherfolgreiches Anbauunternehmen, das sich im direkten Wettbewerb mit Grossverteilern wie Coop und Migros sieht.

Fehlende Mitsprache

Die Agrico besteht seit vierzig Jahren, 2020 sollte ein Jahr der Feierlichkeiten werden. Doch nicht nur die Coronapandemie drückt auf die Stimmung. In der Genossenschaft ist eine Debatte darüber entbrannt, wie viel von den ursprünglichen Idealen eigentlich noch in der Initiative steckt. Es geht um Grundsätzliches: um die andauernde Expansion, um fehlende Transparenz, um Genossenschaftsdemokratie – und um sehr Konkretes wie die Arbeitsbedingungen der über vierzig MitarbeiterInnen, darunter viele Flüchtlinge. Drei Parteien sind in den Konflikt involviert: eine kleine Gruppe von GenossenschafterInnen, die Veränderungen fordern; die Geschäftsleitung um Alexander Tanner, die an ihrem Kurs festhält; und die MitarbeiterInnen – die jedoch kaum Mitsprache haben.

«Das Ziel als Pionier und auch heute ist, gemeinsam an einer ökologischen und sozial vorbildlichen Landwirtschaft zu arbeiten und gesunde und frische Lebensmittel zu essen», proklamiert die Agrico. Doch während die Genossenschaft ihre KundInnen mit einer Fülle an ökologisch angebautem Gemüse beglückt, bleibt das soziale Ziel unerreicht. So sieht das jedenfalls eine Gruppe um den Basler Grünen-Präsidenten und Agrico-Genossenschafter Harald Friedl. Jahr für Jahr hat er als Genossenschafter gerne seine Feldtage abgeleistet. An die Arbeitsbedingungen der HofmitarbeiterInnen hat er lange keinen Gedanken verloren. «Ich bin einfach davon ausgegangen, dass die schon gut sind.» Wissen konnte er es nicht: Die Geschäftsleitung hielt die Löhne unter Verschluss.

Ein neues Lohnsystem

Erst auf sein Nachhaken hin fand Friedl schliesslich heraus: Die Löhne der MitarbeiterInnen auf dem Birsmattehof reichen ihnen kaum zum Leben. Die am schlechtesten Entlöhnten erhielten bis vor kurzem keine 4000 Franken pro Monat für eine Fünfzigstundenwoche. «Es kann doch nicht sein, dass sie auf Unterstützung angewiesen sind, um ihre Familie zu ernähren», sagt Friedl. Mit seinem Antrag, die Gehälter auf der tiefsten Lohnstufe um zehn Prozent zu erhöhen, scheiterte er an der Generalversammlung. Von 1000 GenossenschafterInnen nahmen daran allerdings nur 53 teil; Basisdemokratie ist kein Anliegen der Agrico-Mitglieder, solange der Gemüsekorb voll und der Hoftag kurzweilig ist.

Um die Lohndebatte zu beenden, änderte die Geschäftsleitung um Tanner das Lohnsystem. Bei einer 47,5-Stunden-Woche verdient nun kein Mitarbeiter unter 4000 Franken monatlich. Eine finanzielle Verbesserung bringt das jedoch kaum: Die vermeintliche Lohnerhöhung wurde grösstenteils durch das Streichen vieler Zusatzleistungen wie einer fünften Ferienwoche, einem 13. Monatslohn und Dienstalterzulagen kompensiert. Befragt hat Geschäftsführer Tanner die MitarbeiterInnen vor der Umstellung nicht.

Zum Beispiel Max Havelaar

Gemessen am minimalen Richtlohn in der Landwirtschaft, der bei skandalösen 3300 Franken pro Monat liegt, bezahlt die Agrico dennoch ordentliche Gehälter. Zusätzlich zum Grundlohn von 4000 Franken für AnfängerInnen ohne Ausbildung garantiert die Genossenschaft extra Kindergeld und weitere Vergünstigungen. Aber reicht das, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden? Ist das «sozial vorbildliche Landwirtschaft»? Tanner zieht einen Vergleich: «Bei Max Havelaar könntest du dich darüber aufregen, wie wenig mehr die Produzenten kriegen. Oder du sagst: Super, endlich macht mal einer etwas.» Zum fehlenden Einbezug der MitarbeiterInnen in die Lohndebatte sagt er: «Wenn ein Mitarbeiter mitentscheiden will, kann er Genossenschafter werden.» Das kostet allerdings 500 Franken, zudem können viele Angestellte nur leidlich Deutsch.

Tanners wichtigstes Argument gegen die verlangte Lohnerhöhung sind die Gesamtfinanzen. In den nächsten Jahren verbaut die Agrico fünf Millionen Franken, davon stammt eine Million aus eigenen Mitteln. Tanner betont, wie wichtig es sei, langfristig schwarze Zahlen zu schreiben. Die Genossenschaft hat da einschlägige Erfahrungen gemacht. Den Hofkauf konnte sie einst nur mittels Darlehen finanzieren, und als Mitte der neunziger Jahre die Grossverteiler Biogemüse entdeckten, sprangen der Agrico viele AbonnentInnen ab.

Als Reaktion darauf öffnete sich die Agrico dem Markt und verkauft ihr Gemüse seither auch an NichtgenossenschafterInnen. Seit diesem Entscheid geht es stetig aufwärts. Eine Abopreiserhöhung lehnt die Geschäftsleitung gemäss GV-Protokollen ab – aus Angst, AbonnentInnen zu verlieren. Immerhin soll ein neues GönnerInnenabo den Angestellten einen Zustupf bringen.

So machts Ortoloco

Der marktorientierte Ansatz ist vielleicht das Erfolgsgeheimnis der Agrico. In der Deutschschweiz hat ansonsten keine einzige Initiative aus der Anfangszeit der solidarischen Landwirtschaft in den achtziger Jahren überlebt. Und heute ist kein vergleichbares Projekt in der Schweiz so erfolgreich wie die Baselbieter Agrargenossenschaft. Die Rendite ist so hoch, dass die Agrico in Deutschland einen zweiten Betrieb pachten konnte.

Tex Tschurtschenthaler kümmert sich bei der Zürcher Gemüsekooperative Ortoloco um die Zahlen. Als sich die Genossenschaft vor zehn Jahren formierte, schaute sie sich den Betrieb auf dem Therwiler Birsmattehof genau an: «Wir haben die alten Dokumente der Genossenschaft angeschaut und uns total damit identifiziert.» Schnell wurde den InitiantInnen von Ortoloco dann aber auch klar: «Wir wollen uns nicht in die gleiche Richtung entwickeln.» Ortoloco hat sein Angebot im Gegensatz zur Agrico nie für NichtgenossenschafterInnen geöffnet. Und anders als im Baselbiet erhalten die Angestellten ein ordentliches Gehalt: Der Einheitslohn bei 45 Wochenstunden beträgt 5590 Franken monatlich.

Auch die Zürcher Initiative gedeiht, sie verteilt ihr Gemüse in mittlerweile 240 Haushalte in der Region. Eine dominierende Stellung wie die Agrico im Raum Basel wird sie aber kaum je erreichen. Das sei aber auch nicht das Ziel, sagt Tschurtschenthaler. «Wir wollten nie allzu stark wachsen, sondern ein Modell entwickeln, das sich überall in der Schweiz kopieren lässt. Ein Modell, das erfolgreich sein kann, ohne dafür die eigenen Ideale beiseitezuschieben.»

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