Nr. 29/2014 vom 17.07.2014

Holt euch die Kleider im Nachbardorf!

Die Skandale in der globalisierten Textilindustrie häufen sich. Wäre es möglich, Stoff und Kleider regional statt global zu produzieren?

Von Bettina Dyttrich

Rolf Traxler ist Medieninteresse gewohnt. Viele, die nach den letzten Zeugen des einstigen Textillands Schweiz suchen, landen beim Familienunternehmen Traxler im Thurgauer Dorf Bichelsee. Hier werden tatsächlich noch Kleider hergestellt: Traxler ist spezialisiert auf Strickwaren, vor allem aus Baumwollgarn, im Besonderen auf Pullover ganz ohne Nähte. Hauptabnehmerin ist Coop mit dem Label Naturaline; über siebzig Prozent der in Bichelsee verarbeiteten Baumwolle stammen aus indischem und tansanischem Bioanbau. Auch die Marke Erfolg gehört Traxler, und etwa ein Fünftel der Produktion geht an öffentliche Unternehmen wie Verkehrsbetriebe und Polizei.

Warum überlebt die Thurgauer Firma trotz der hohen Schweizer Lohnkosten? «Weil wir hochmechanisiert sind», sagt Geschäftsleiter Rolf Traxler. Die Hauptarbeit erledigen die Maschinen – bei nahtlosen Pullovern fällt keine Näharbeit an. Zwanzig Vollzeitstellen in der Produktion gibt es in Bichelsee noch. «Mit Portugal können wir mithalten, Osteuropa produziert etwa 25 Prozent billiger.» Traxler hat denn auch zwei Zulieferfirmen in Litauen, die ähnliche Ware herstellen. Der Unterschied zwischen den Kleidern aus Bichelsee und aus Litauen sei «weitgehend ein ideeller», aber er spricht die KundInnen an: Für Coop und das Erfolg-Label ist die Schweizer Produktion ein wichtiges Verkaufsargument. Mit den ganz billigen Importen, etwa aus Bangladesch, kann und will Traxler nicht konkurrieren.

Die Utopie einer Textilkooperative

Gäbe es Möglichkeiten, dem brutalen Konkurrenzkampf auszuweichen? Darüber hat eine Gruppe aus dem Umfeld der Zürcher Gemüsekooperative Ortoloco nachgedacht. Das Prinzip von Ortoloco schaltet den «freien Markt» aus: Die GenossenschafterInnen planen mit professionellen GärtnerInnen den Anbau, finanzieren gemeinsam den Betrieb und verteilen jede Woche die Ernte untereinander. Und dieses Prinzip liesse sich auch auf andere Produkte anwenden. Davon ist Tex Tschurtschenthaler von Ortoloco, von Beruf Buchhalter, überzeugt: «Ein Textilabo wäre denkbar: Man zahlt einen jährlichen Betriebsbeitrag und kann dafür zum Beispiel zwanzig Kilo Textilien in beliebiger Form beziehen – von Tischdecken über Unterhosen bis zu T-Shirts.» Zu einer Textilkooperative, wie sie Tschurtschenthaler vorschwebt, würden eine Designabteilung, ein Änderungsatelier und «ein Repair-Café für exzessives Selbermachen und Recyceln» gehören.

Ortoloco-Gemüse kommt vom Feld in Dietikon via Quartierdepots direkt zu den KonsumentInnen. Bei Textilien wäre die Produktionskette viel länger und komplizierter. «Eine Textilkooperative müsste grösser sein als ein Gemüsebetrieb – vielleicht 5000 Beteiligte statt 500. Und es wäre wohl sinnvoll, mit der Produktherstellung zu beginnen und erst später, wenn sie etabliert ist, auch die Stoffproduktion zu übernehmen.» Die Textilkooperative bleibt vorerst eine Utopie, die Gruppe ist zu sehr mit Projekten im Lebensmittelbereich beschäftigt. Doch Tex Tschurtschenthaler glaubt an die Idee: «Wir sollten verbindliche kooperative Formen entwickeln, statt uns permanent den sadistischen Launen des angeblich freien Markts auszusetzen.»

Zurück zum Flachs

Was den Stoff angeht, gäbe es zwei Möglichkeiten: entweder «interkontinentale Vertragslandwirtschaft» mit BaumwollbäuerInnen aus dem Süden oder Fasern verarbeiten, die auch in Europa wachsen, worauf eine andere Organisation, die IG Niutex, setzt.

In der IG Niutex haben sich Fachleute aus Forschung, Industrie und Landwirtschaft zusammengeschlossen, um Anbau und Verarbeitung von Naturfasern in der Schweiz zu fördern. Sie sorgen sich über die katastrophale Ökobilanz des Baumwollanbaus und propagieren Alternativen wie Hanf, Flachs oder Brennnesseln. Verschiedene Pflanzversuche laufen in Zusammenarbeit mit der Hochschule Zollikofen, und im unteren Emmental wächst dieses Jahr bei fünf Bauern auf insgesamt sechseinhalb Hektaren Flachs für die Leinenproduktion. Landwirt Adrian Brügger hat zu diesem Zweck die Hanf- und Flachs-Anbaugemeinschaft (Hafag) gegründet. «Wir setzen vorerst ganz auf Flachs. Das Interesse ist da, wir sind in Kontakt mit namhaften Firmen.»

Die benötigten Spezialmaschinen hat Brügger auf dem Internet-Occasionsmarkt gefunden – kein Mensch baut in der Schweiz mehr Flachs an. Für die Fasergewinnung wird das Erntegut nach Deutschland und Belgien gefahren; doch Niutex arbeitet daran, auch diesen Arbeitsschritt in die Schweiz zurückzuholen. Brügger ist überzeugt vom Naturfaseranbau: «Den Konsumenten ist der Bezug zur Rohstoffproduktion abhandengekommen – bei Textilien gilt das noch mehr als bei den Lebensmitteln. Das wollen wir ändern. Der Rohstoff ist heute bei den Kleidern ein winziger Teil des Preises. Wir zahlen viel mehr für die Marke als für das eigentliche Produkt, das ist doch ein Irrsinn.»

Rolf Traxler kennt die IG Niutex: «Die Schweizer Textilbranche ist so klein, da landet jede Idee auch auf meinem Tisch.» Er begrüsst das Projekt: «Wir wären froh um eine Schweizer Rohstoffquelle. Persönlich wäre mir Hanf allerdings lieber als Leinen. Wegen der Werbung. Schweizer Hanf – das tönt doch einfach gut.»

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