Nr. 37/2020 vom 10.09.2020

Cancel-Gott am Werk

Das Kesseltreiben gegen die «Cancel Culture» geht weiter. Und was hat die Verschwörerplattform KenFM mit der NZZ zu tun?

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Cancel-Gott

Phantom «Cancel Culture» – nächste Runde. Milosz Matuschek, stellvertretender Chefredaktor des «Schweizer Monats», hat eine NZZ-Kolumne geschrieben. Ein etwas wirres Stück, in dem er Rape Culture und Holocaustleugner mit der «Cancel Culture», dem neuen Hobbybegriff der Rechten, pardon: FreidenkerInnen, verknotet. Um dann zu fragen: «Wer hat in der Kultur eigentlich das Sagen? Die Künstler und ihre Schaffensfreiheit oder die administrative Angst mittelmässiger Kulturbürokraten und die Antifa?»

Als Matuschek seine Kolumne schreibt und darin – einmal mehr – anprangert, dass die Kabarettistin und Autorin Lisa Eckhart von einem Hamburger Literaturfestival ausgeladen wurde, ist längst klar: Nicht die Antifa, sondern «besorgte Anwohner» mit wilden Spekulationen haben diese Ausladung forciert.

Stummgeschaltet?

Matuschek scheint das egal zu sein. Er will lieber «das Regime eines unsichtbaren Cancel-Gottes» am Werk sehen, «der erst Veranstaltungen ausknipst, aber bürgerliche Existenzen damit meint». Cancel-Gott? Wer druckt so was? Was die NZZ ebenfalls interessieren müsste: Matuschek macht hier Vorabschleichwerbung für seinen «Appell für freie Debattenräume», den er ein paar Tage später auf der Website «Intellectual Deep Web Europe» aufschalten wird. Unter der Überschrift «Befreien wir das freie Denken aus dem Würgegriff» sammelt er Geld und Unterschriften. «Personen des öffentlichen und kulturellen Lebens» würden reihenweise «stummgeschaltet und stigmatisiert». Namentliche Beispiele zu den Vorwürfen fehlen.

Zu den ErstunterzeichnerInnen gehören Michèle Binswanger («Tages-Anzeiger»), Alexander Kissler (NZZ), Robert Pfaller (Uni Linz) und natürlich Dieter Nuhr («Künstler»). Wer auf der Website den Link «Hintergrund» anklickt, landet bei einem Video mit dem Titel «Cancel-God». Untermalt von einer Grafik, die wie ein Wandschmuck für neurechte esoterische Teenies aussieht, wird doziert: «Die Dunkelheit schwebt über uns. Man kann sie fühlen, aber nicht sehen. (…) Der Cancel-Gott will dich canceln. Er will alle canceln, die du kennst. Er will die ganze Menschheit canceln. (…) Und er isst Wahrheit.»

Da hat Matuschek also seinen Cancel-Gott her, der tagelang auch prominent als Startbild auf seiner Website prangte. Haben die ErstunterzeichnerInnen einfach nicht hingeschaut, bevor sie ihren Namen hergaben? Oder glauben sie wirklich an den Cancel-Gott mit seinem unersättlichen Loch in der Brust, der Wahrheit und Menschheit auffrisst? Schwer zu sagen, was bedenklicher ist. Der prominenteste Erstunterzeichner, Alexander Kluge, hat seine Unterschrift bereits wieder zurückgezogen.

Matuschek wiederum hat bereits seine nächste NZZ-Kolumne publiziert. Darin behauptet er, die Massendemos gegen die Covid-19-Massnahmen würden zu Unrecht verunglimpft, denn die vermeintlichen «Covidioten» hätten recht: «Es gibt derzeit keine zweite Welle.» Europaweit. Weil die Todeszahlen vorläufig tief sind.

Erst als er seine Glosse auch noch auf der Verschwörerplattform KenFM («Gates kapert Deutschland!») lanciert, wird die NZZ unruhig. Auf Twitter fordert man KenFM unter Androhung juristischer Schritte auf, die Kolumne sofort zu entfernen. Matuschek beharrt auf seinen Urheberrechten. Es bleibe sein Text, twittert er. Oder doch nicht? Später ist dieser nur noch in Übersetzungen auf KenFM abrufbar, dann gar nicht mehr.

Trotzdem: eine ungemütliche Sache für die NZZ. Matuschek hat die Zeitung vor sich hergetrieben. Am Dienstag tat sie das Überfällige. Ohne Angst, nun selbst als Cancel-Gott gebrandmarkt zu werden, beendet sie nach sechs Jahren die Zusammenarbeit mit Matuschek.

Wirklich gecancelt

Eine saubere Demontage der «Cancel Culture» lieferte kürzlich übrigens – eher unfreiwillig – ebenfalls die NZZ. Das einzige überzeugende Beispiel, das in einer weiteren Abhandlung wider die «Cancel Culture» beschrieben wird, betrifft eine linke Lehrerin, die in den siebziger Jahren Arbeit und Wohnung verlor, weil sie mit ihrer Klasse ein Jugendbuch des «Honecker-Bewunderers» Walter Matthias Diggelmann las. Das war in der Tat die Zerstörung einer Existenz. Und durchaus nicht vergleichbar mit dem, was den jüngst als gecancelt Beschriebenen widerfahren ist: Von J. K. Rowling bis Lisa Eckhart tanzen diese weiterhin auf fast allen Plattformen.

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