Nr. 38/2020 vom 17.09.2020

Beweisen, dass man Schweizerin ist?

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

Im öffentlichen Raum wahrgenommen hat man Schwarze Menschen erst seit den achtziger Jahren, als sie in zunehmender Zahl in die Schweiz kamen. Statistisch erfasst sind sie bis heute nur unzureichend und teilweise irreführend – als MigrantInnen aus afrikanischen Staaten. «Verdammt», entschlüpft es der jungen Schwarzen Bielerin Perpétue Kabengele, «ich bin hier geboren, eine bessere Integration gibt’s doch wohl nicht!» Auch Myriam Diarra, die als Mitherausgeberin von «I Will Be Different Every Time» Schwarze Frauen wie Kabengele porträtiert hat, ist in Biel geboren und aufgewachsen. Trotzdem muss sie immer wieder beweisen, dass sie Schweizerin ist.

Die Frage der Integration zieht sich als roter Faden durch viele der Porträts, die teils auf Englisch, teils auf Deutsch und Französisch aufgezeichnet worden sind. «Integration ist ein Wort, mit dem eigentlich immer gesagt wird: ‹Es ist nicht genug, du bist nicht genug›», sagt Juliet Bucher, die 1996 mit 29 Jahren als Au-pair aus Ghana in die Schweiz kam und hier ihren zukünftigen Mann kennenlernte. Integration, so ist sie überzeugt, «kann nicht nur in eine Richtung gehen und es kann nicht bedeuten, dass ‹wir› uns auf eine angeblich feststehende Schweizer Kultur einlassen, weil die gibt es ja nicht (…). Wir müssen alle aufeinander zugehen.»

Viele der Porträtierten sind sozial und politisch aktiv: auf lokaler Ebene in Schule und Gemeinde, innerhalb der wachsenden Schwarzen Communitys in der Schweiz, in der Schwarzen Diaspora weltweit. Zum Beispiel Saïda Yusuf, die 1993 schwanger und ganz allein in die Schweiz kam. In Somalia war sie Lehrerin, hier arbeitete sie als Putzkraft, bildete sich weiter, zog sechs Kinder gross, gründete den Somalischen Kinder- und Frauenverein in Biel. Sie engagiert sich in der Aufklärungsarbeit über Mädchenbeschneidung und hat eine Organisation aufgebaut, die gespendete medizinische Güter aus der Schweiz in Somalia verteilt.

Den Schweizer Pass hat man ihr bis heute verwehrt.

Fork Burke, Myriam Diarra und Juliet Bucher lesen und diskutieren im Kosmos, Zürich, am Freitag, 18. September 2020, 20 Uhr. Moderation: Franziska Schutzbach. www.kosmos.ch

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