Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Ja, aber wie bloss?

Der Kampf um die globale Zukunft ist ein Kampf zwischen privat und gesellschaftlich verwaltetem Kapital, machen Beat Ringger und Cédric Wermuth in ihrem neuen Buch klar. Weniger deutlich ist dann aber, wie die Revolution gelingen soll.

Von Raphael AlbisserMail an AutorIn

Hier funktioniert der Service public. Aber wie kann die gesamte Wirtschaft dazu gebracht werden, den Menschen zu dienen, statt ihnen zu schaden? FOTO: PETER MOSIMANN

Es sei «eine Antwort auf die Krisen unserer Zeit», heisst es im Untertitel des Buchs, das Beat Ringger und Cédric Wermuth vor kurzem veröffentlicht haben. Entstanden ist es in den ersten Monaten der Coronakrise, die «ihr Licht auf die groteske Ungleichheit in der Welt» werfe, wie die beiden im Vorwort schreiben.

Der Impuls, dieses Buch zu schreiben, ist nachvollziehbar: Die Pandemie machte deutlich, welche Arbeit für das Funktionieren einer Gesellschaft wirklich essenziell ist – und wie niedrig ihr marktwirtschaftlicher Stellenwert dennoch ist. Ein seltener Moment der gesamtgesellschaftlichen Reflexion schien gekommen. Und damit eine plötzliche Anschlussfähigkeit für linke Visionen.

Problem und Alternativen

Zunächst widmen sich die Autoren von «Die Service-public-Revolution» dann aber sehr ausführlich der Problemstellung. Über fast hundert Seiten hinweg, also knapp die Hälfte des Buches, leiten sie her, wie die Welt werden konnte, was sie heute ist: ein überhitzter, weitgehend privatisierter Ort schreiender Ungleichheit, wo faschistische Tendenzen Aufwind haben. Diese Auslegeordnung ist nicht neu, entsprechend oft wird auf bereits bestehende Publikationen des Thinktanks Denknetz verwiesen, dessen geschäftsleitender Sekretär Ringger bis vor kurzem war. Sie führt aber schlüssig zum Fazit, wonach ein Ausweg nur darin bestehen kann, das über Jahrzehnte hinweg akkumulierte private Kapital wieder zu vergesellschaften. Eine «lokale und globale Care-Gesellschaft» – das ist der Horizont, den Ringger und Wermuth zeichnen. Die Service-public-Revolution ist das Mittel, um die Gesellschaft danach auszurichten. Es gehe darum, «dass die gesellschaftliche Rationalität die Oberhand gewinnt über die Rationalität des Kapitals».

Was das bedeuten könnte, wird in der zweiten Hälfte des Buchs mit einer langen Reihe von Alternativen illustriert, teils real und teils erst als Entwurf existierend: Service-public-Ansätze für die Pflege, das Gesundheitswesen, die Bekämpfung der Klimakatastrophe, den Verkehr, das Bankenwesen, die Post, die Forschung. Dabei tappen Ringger und Wermuth nicht in die Falle blinder Staatsgläubigkeit, ihre Vorschläge haben unterschiedlichsten Charakter. Dass mit der Zeit aber die Konjunktivformulierungen überhandnehmen, dass vieles passieren «sollte» und «müsste», lässt die grosse Umwälzung in immer grössere Ferne rücken.

«Was ist das Ziel?», heisst es noch in der Buchmitte. «Ganz einfach: Sämtliche für die Allgemeinheit relevanten Organisationen, Institutionen, Unternehmen und Weltkonzerne müssen das tun, was den Menschen dient, und das unterlassen, was ihnen schadet.» Leider lässt sich bald erahnen, dass das vor allem Wunschdenken ist. Denn die zentrale Frage bleibt unbeantwortet: Wie gelangt das Kapital nun im nötigen Ausmass vom privaten in den gesellschaftlichen Besitz zurück?

Die real existierende Gesellschaft

Was eine bürgerliche Gesellschaft dazu bewegen könnte, mit öffentlich verwaltetem Kapital auch wirklich solidarische Zwecke zu verfolgen, bleibt ungeklärt. Dem Buch fehlt etwa die Wegskizze, wie die Service-public-Revolution gemäss Vorwort «konsequent und internationalistisch» vonstattengehen sollte. Service public, das heisst in der Schweiz bislang schliesslich auch: gebührenfinanzierte geistige Landesverteidigung mit Skirennen und Schwingfest im Fernsehen. Und am Radio die Börsendaten als Dienstleistung vor den Nachrichten. Zwar zeigen die Autoren deutlich auf, wie sich die selbsterhaltende Macht des Kapitals in öffentlichen Diskursen niederschlägt – und wie wichtig es also wäre, die dominanten Narrative marktkapitalistischer Alternativlosigkeit zu durchbrechen. Aber ausgerechnet die Themenbereiche Bildung, Medien und Information sparen sie weitgehend aus.

Die versprochene «Antwort auf die Krisen unserer Zeit» fällt insgesamt zu kleinteilig aus, um sich nach einer Revolution anzufühlen. Und so hinterlässt einen das Buch am Ende etwas ratlos, fast schon ohnmächtig. Wobei, nicht ganz: Ringger und Wermuth erklären «die Widerspenstigkeit der Care-Arbeit» zum Prinzip, das auf möglichst alle Wirtschaftsbereiche auszuweiten sei, weil sich Care-Arbeit der marktwirtschaftlichen Verwertungslogik weitgehend entziehe. Dass das freilich zum allergrössten Teil auf dem Rücken der Frauen passiert, halten die Autoren unmissverständlich fest: «Die Etablierung der Herrschaft der Männer über die Frauen war von Beginn an verknüpft mit der Abwertung all dessen, was den Frauen überbürdet wurde, wie etwa die Führung des Haushalts und die Betreuung der Kinder.»

Das Argumentarium bleibt leider aber auch diesbezüglich reichlich unscharf. Wie lassen sich jene Eigenheiten der Care-Arbeit, die sie so widerspenstig machen, auf die gesamte Wirtschaft übertragen? Und wie hängt das mit gesellschaftlichen Fragen zusammen? Selbst wenn es im Buch nicht explizit so steht, lässt es letztlich nur einen Schluss zu: Das grösste revolutionäre Potenzial besteht – gerade in einem Land wie der Schweiz – im Kampf gegen patriarchale Strukturen.

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