Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Schwanger im Scheinwerferlicht

Die junge Frau als wandelnde Zielscheibe: Eliza Hittman zeigt in ihrem grossartigen neuen Film, was es heisst, als Mädchen in der US-Provinz aufzuwachsen. In New York ist es dann auch nicht besser.

Von Barbara Schweizerhof

Eingekeilt zwischen fremdem Zwang und eigenen Gefühlen: Sidney Flanigan als Autumn in «Never Rarely Sometimes Always».STILL: UNIVERSAL PICTURES INTERNATIONAL

Manchmal kann man wirklich nur noch den Kopf schütteln. Etwa darüber, dass im Jahr 2020, nachdem selbst das katholische Irland den Frauen per Volksabstimmung ein Recht auf Abtreibung zugestanden hat, ausgerechnet in den einst so fortschrittsgläubigen USA die politischen Weichen zunehmend dahingehend ausgerichtet werden, dieses Recht wieder abzuschaffen.

Die 41-jährige New Yorker Regisseurin Eliza Hittman, deren letzter Film «Beach Rats» in Locarno zu sehen war, liefert in ihrem dritten Film auch keine abschliessende Erklärung dafür. «Never Rarely Sometimes Always» vermittelt etwas fast Wertvolleres: einen Einblick in das Unausgesprochene, Uneingestandene einer Gesellschaft, die ihre BürgerInnen einerseits gerne sich selbst überlässt, sich andererseits aber in fast willkürlicher Weise den Zugriff auf ihre Körper vorbehält.

«Never Rarely Sometimes Always» ist, das kann man ohne Spoilerwarnung verraten, die Geschichte einer Abtreibung. Was Hittmans Film besonders spannend macht, ist eben nicht das, was passiert, sondern wie es passiert. Skizzenhaft wird zunächst die Protagonistin vorgestellt. Buchstäblich im Scheinwerferlicht sieht man Autumn (Sidney Flanigan), Teenager in einem Kaff in Pennsylvania, wie sie bei einer Schulfeier mit Retrothema auf die Bühne tritt und zur Gitarre den Song «He’s Got the Power» von 1963 singt. Ihre Stimme ist gar nicht mal so schlecht – dennoch hat ihr Auftritt etwas Peinliches und will nicht zum Rest des Abends passen. Ihre Interpretation bringt in fast unangenehmer Weise den Text zur Geltung: Der Song besingt das Joch der Liebe, das das lyrische Ich gegen den eigenen Willen dazu bringt, das zu tun, was «er» will.

Rache ist flüssig

Man wird sich über dieses Lied und seinen Text später im Film noch mal Gedanken machen. Im Moment der Schulfeier erklingt aus einer Jungsreihe der verächtliche Zwischenruf «Slut» (Schlampe), begleitet von einem Auflachen. Autumn singt erst mal weiter. Kurz darauf, beim Abendessen mit ihrer Familie im Diner, wird sie von einem Jungen am Nachbartisch – ist es derselbe? – mit einer obszönen Geste verspottet. Sie rächt sich, indem sie ihm im Vorübergehen ein Glas Wasser ins Gesicht schüttet. Am Tisch mit ihrer Mutter und den Geschwistern hat ihr Stiefvater eben noch Autumns Launenhaftigkeit problematisiert, die es schwer mache, ihr zum gelungenen Auftritt zu gratulieren.

Bis dahin sind erst wenige Minuten vergangen, aber es zeigt sich schon, wie Hittman durch prägnante Details und ein feines Gespür für Stimmungen ein dichtes Bild davon zeichnet, was es heisst, als Mädchen in der US-amerikanischen Provinz aufzuwachsen. Es ist eine ständige Gratwanderung zwischen den eigenen Gefühlen und dem Druck, anderen gefallen zu müssen. Man sieht deutlich, dass von Autumn viel Selbstständigkeit gefordert wird, dass aber gleichzeitig ihr Spielraum, ihre Möglichkeiten zur Autonomie verschwindend gering sind.

Bloss keine Gefühle zeigen

Autumns Lage spitzt sich zu, als sie mit dem Verdacht auf Schwangerschaft ärztliche Beratung sucht. Der Ton, in dem man ihr ein «wunderbares Baby» in Aussicht stellt, ist so freundlich wie zwingend: Beraten wird hier mit dem vorgegebenen Ziel, dass sie das Kind behalten soll. Autumn aber denkt gar nicht daran. Sie verheimlicht ihren Zustand, recherchiert ein wenig und beschliesst, ins benachbarte New York zu fahren, wo sie als Minderjährige auch ohne Zustimmung der Eltern abtreiben kann. Als ihre Cousine Skylar (Talia Ryder) kapiert, was mit ihr los ist, hilft ihr diese, das Geld für den Trip zusammenzuklauben, und schliesst sich ihr in verschwiegener Mädchensolidarität an.

Auch darüber wird man erst im Nachhinein so richtig staunen: wie klar einem beim Zuschauen die Entscheidungen der beiden Mädchen sind, obwohl sie den ganzen Film über kaum mehr als vier oder fünf Sätze miteinander wechseln und sich ausserdem in allen Umgebungen immer darum bemühen, wenig von ihren wahren Emotionen zu verraten. Das beginnt beim Ekel, wenn der Schichtleiter, dem sie bei ihrem Supermarktjob ihr Kassengeld übergeben müssen, ihnen beim Durchreichen die Hände abknutscht, setzt sich fort bei Autumns tonloser Zustimmung zu weiteren Antiabtreibungsberatungen – und es endet noch lange nicht in der New Yorker U-Bahn, wo sie es mit der Angst zu tun bekommt, als ein Mann sie anstarrt und zu masturbieren beginnt.

Dass man das alles «lesen» kann, liegt am grossartig zurückhaltenden und dabei durchsichtigen Schauspiel der beiden Darstellerinnen, mehr noch aber an Hittmans Inszenierungsstil, der nur an der Oberfläche wie dokumentarisch wirkt, in Wahrheit aber sorgfältig durchgeplant seine Aussagen macht. Sie zeigt, wie prekär diese jungen Frauen leben, wie ihre Jugend und ihre natürliche Schönheit sie zu wandelnden Zielscheiben für gierige und geile Interessen aller Art machen, und das nicht erst in einer Grossstadt wie New York. «Niemals – selten – manchmal – immer»: Die möglichen Antworten bei einer Befragung durch eine Sozialarbeiterin und vor allem das, was sie und Autumns Antworten implizieren, bekommt man nach dem Film nicht mehr so leicht aus dem Kopf.

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