Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Bern Tag und Nacht

Stefan Gärtner dreht eine Polit-Reality-Serie

Von Stefan Gärtner

Seit bald einem Jahr wohnen die jungen Politstars Andri Silberschmidt (26, FDP), Franziska Ryser (29, Grüne) und Mike Egger (28, SVP) in ihrer WG im angesagten Berner Monchichi-Quartier. Nachdem nun auch die «NZZ am Sonntag» zum Nachtessen da gewesen ist («Es wirkt alles sehr harmonisch in Ihrer WG. Wer nervt am meisten?»), verrät eine Reality-Serie, wie harmonisch es in der politischsten WG der Welt ist und wer darin am meisten nervt!

Folge 1: Chaos

Andri, Fränzi und Mike sitzen am Küchentisch. Überall Pizzakartons, volle Müllsäcke, leere Weinflaschen. Andri vor einem Blatt Papier, einen Stift in der Hand. Mike ist möglicherweise betrunken.

Andri: Also kommt und nervt nicht. Wir wohnen jetzt seit bald einem Jahr in dieser krass sympathischen WG und müssen endlich aufräumen! Laut Putzplan vom 1. Januar 2020 wäre zuerst Mike dran gewesen. Mike?

Mike (rülpst): Ich fange mit dem Aufräumen an, wenn ich Bundesrat bin: Dann wird aufgeräumt, schweizweit! Für eine saubere Schweiz! (haut mit der Faust auf den Tisch)

Fränzi (höhnisch): Na, wenn ich mich hier so umseh, muss sich da ja niemand fürchten.

Andri (listig): Guck mal, Mike, da hinten die Weinflaschen, die sind doch garantiert nicht von hier!

Mike (alarmiert): Wie, «nicht von hier»?

Andri: Na, das sind sicher Italiener.

Fränzi: Oder welche aus Chile.

Andri: Südafrika!

Mike: (dreht sich beim Stichwort Afrika ruckartig um)

Fränzi (ebenfalls listig): Ich schlage vor, wir stimmen über eine Ausschaffungsinitiative ab: Leere Nichtschweizer Flaschen haben unsere sympathische WG sofort zu verlassen. Sie nehmen uns den Platz weg, belasten den Haushalt und … und …

Andri: … stinken.

Fränzi (errötend): Genau. Nach Alkohol!

Mike: Wie kommen die überhaupt zu uns herein? Das ist doch garantiert wieder so eine europäische Sauerei!

Fränzi (verplappert sich): Nee, die sind aus dem Denner.

Andri (hellwach): Also praktisch von der Migros. Gewissermassen Migroanten! Illegale!

Mike: Schön. Angenommen, ich kümmere mich um das Pack. Wer sagt mir denn, dass mich unsere grüne Menschenrechtsanwältin nicht sofort bei der Presse verpetzt? Schlagzeile: «SVP-Egger wirft Migranten ins Altglas!»?

Fränzi (ausweichend): Migroanten.

Andri: Weil wir hier parteiübergreifende Synergien ausprobieren. Schon vergessen? Lueg (greift nach seinem Smartphone), hast du selbst gesagt: «Hier müssen wir parteiübergreifende Synergien nutzen, um solche Probleme lösen zu können. Wenn bei diesen Themen jede Partei alleine vor sich hin wurstelt, kommt das nicht gut. Das wollen wir mit dieser WG auch gegen aussen symbolisieren.»

Mike (haut wieder mit der Faust auf den Tisch): Genau, gegen aussen! Gegen die Scheiss-EU mit ihrem Bürokratie-Irrsinn! Diese (rülpst) Schweine! Diese Kartonköpfe!

Andri: Apropos: Ich als Liberaler habe nichts dagegen, wenn mal ein Dutzend Pizzakartons in der Küche schimmelt. Aber doch bitte nicht mit Restinhalt – so viel Konsens sollte doch unter Demokratinnen und Demokraten …, äh, Konsens sein!

Mike (wie nüchtern): Ich fress immer alles auf.

Fränzi (wiederum errötend): Ich auch!

Andri (lehnt sich in seinem Stuhl so weit nach hinten, bis er einen Karton vom Buffet zu fassen kriegt; öffnet ihn): Broccoli. Auf dieser Pizza war Broccoli. Hier ist sogar noch die Quittung drin: 12. April! Lasst mich das einmal in aller Entschiedenheit sagen: Igitt! Das hat mit modernem Freisinn nichts mehr zu tun!

Mike: Ich bin gelernter Metzger. Eh ich mir Broccoli auf die Pizza tun würde, würde ich … würde ich …

Andri: … eine dieser widerlichen, stinkenden Flaschen einbürgern?

Mike (haut auf den Tisch): Genau!

Andri: Also, Franziska …?

Fränzi (sehr rot jetzt): Das ist … das ist Biomüll! Und Biomüll ist gesund!

Mike (in kaltem Triumph): Und diese Küche, die ist linksgrün versifft.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch