Nr. 45/2020 vom 05.11.2020

Lieber nicht toxisch!

Im Hip-Hop rappen coole Macker allzu oft über hypersexualisierte Frauen: Der Österreicher Mavi Phoenix sucht nach seinem Trans-Outing nach einem neuen Männerbild.

Von Karin Cerny

Was bitte ist denn ein normaler Typ? Mavi Phoenix. Foto: Kyle Weeks

Mavi Phoenix, aus der Industriestadt Linz, galt lange als weibliche österreichische Nachwuchshoffnung, der man zutraute, mit ihrem Cloudrap auch international durchzustarten. Eine coole junge Frau, die ihr Ding durchzieht: feministisch, eigenwillig, selbstbewusst. Man merkte in Interviews aber auch, dass es dem angehenden Star irgendwie schwerfiel, diese Rolle zu erfüllen. «Ich habe mich immer gefragt, warum kann ich nicht wie andere Frauen voll für Pussy Power einstehen? Ich habe es einfach nicht gefühlt», sagt Mavi Phoenix nun retrospektiv.

Letzten Herbst hat sich Phoenix als trans Mann geoutet, auf seinem lang erwarteten Debütalbum «Boys Toys», das im April erschienen ist, sucht ein Alter Ego von Marlon Nader, wie der Sänger nun mit bürgerlichem Namen heisst, nach seiner Identität, erzählt von Einsamkeit, Wut und Furcht davor, was die anderen sagen werden. Aber auch von der Freude, endlich sein zu dürfen, wer er ist. Durch die Tracks auf dem Konzeptalbum führt die kindliche Kunstfigur Boys Toys, unsicher und auftrumpfend, sensibel und aufbrausend zugleich. Der Song «Bullet in My Heart» thematisiert die inneren Kämpfe; weitere die vielen Männerbilder, aber auch -klischees, die auf einen niederprasseln: vom Streitmacher («Choose Your Fighter») über den sexy Fuckboy («Strawberries») bis zum fürsorglichen Familienvater («Family»). Wo sich selbst verorten?

Ein Bart käme wohl ab

Mavi Phoenix betont, er möchte ein normaler Typ sein. Aber was ist schon normal? Männlichkeit gerät zunehmend als toxisch unter Kritik. Die #MeToo-Bewegung stärkt weibliches Selbstbewusstsein und Solidarität, das Patriarchat steht unter Erklärungszwang. In der Musikszene werden junge feministische Acts gefeiert. Gerade weil Männlichkeit einen schlechten Ruf hat, sieht Phoenix eine Chance, etwas anderes vorzuleben: «Teilweise fühle ich mich auch nicht wohl mit Machofreunden aus Linz. Mir ist die körperliche Veränderung wichtig. Innerlich bin ich sowieso der, der ich immer war. Man kann doch auch ein liebevoller, fürsorglicher und warmherziger Typ sein.»

Nicht nur durch Kleidung, auch durch Verhalten drücken wir aus, wer wir sein möchten – ist die Versuchung da nicht gross, Männlichkeit durch Klischees herzustellen? Breitbeinig dasitzen, laut reden, Bier trinken. «Klar habe ich auch übertrieben, und es ist mir noch immer peinlich. Manchmal macht man einfach zu viel, damit es eh jeder checkt», reflektiert Phoenix. «Es ist eine ständige Arbeit, zu hinterfragen, wie man sich verhält. Ich nehme mir auch als trans Mann heraus, etwas zum Thema Feminismus zu sagen.» Vom Look her hat er sich ohnehin wenig verändert: Er trägt blondierte Haare mit Mittelscheitel – eine Hommage an die Boybands der 1990er und 2000er Jahre. Nick Carter von den Backstreet Boys lässt grüssen! «Ich mag es, ein bisschen metrosexuell auszusehen. Selbst wenn ich einen Bart bekommen würde, ich würde ihn mir wahrscheinlich abrasieren.»

Misogynie macht nicht glücklich

Der Umgang mit Geschlechterrollen in Hip-Hop-Texten ist oft problematisch. «Mir gefällt die Musik teilweise schon, aber ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich manche Songs höre», gesteht Phoenix. «Aber man saugt auf, was einen umgibt, wird davon geprägt, ob man möchte oder nicht. Man ist gewohnt, dass Männer so reden. Ich merke im Studio hin und wieder auch, dass mir Sachen rauskommen, die zwar nicht auf derselben Stufe wie Kollegah oder Haftbefehl stehen, aber für meine Verhältnisse echt nicht okay sind.» Dann aber setzt die Reflexion ein: «Viele Hip-Hopper checken nicht, dass sie sich keinen Gefallen tun, wenn sie über sich und über Frauen so reden. Das kann ja kein glückliches Leben sein, wenn ich für meine weiblichen Mitmenschen verachtenswerte Rollen vorsehe.»

Phoenix ist so etwas wie ein Trans-Botschafter, jemand, der Brücken schlagen möchte, Leuten erklären, was das bedeutet, und damit auch Vorurteile abbauen. Dass er sich gerade jetzt geoutet hat, liegt auch an der aktuellen Aufbruchstimmung: Transidentitäten sind seit einigen Jahren in den Medien präsenter als je zuvor. «Es gibt nicht nur die eine Transgeschichte», sagt etwa die US-Schauspielerin und Transaktivistin Laverne Cox, die durch ihre Darstellung einer trans Figur in der erfolgreichen TV-Serie «Orange Is the New Black» einem breiten Publikum bekannt wurde. «Es geht darum, Individuen zuzuhören. Mehr und mehr trans Menschen sind bereit, ihre persönliche Geschichte zu erzählen.» Auch Phoenix hatte durch Outings von anderen das Gefühl, jetzt gebe es Zeit und Raum, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

Einfach ist das nicht immer. Letztens etwa, erzählt er, beim Beratungstermin in der Bank, fragt die Bankangestellte überraschend direkt: «Haben Sie denn jetzt vor, alle Operationen machen zu lassen?» Das ist schon ziemlich übergriffig. Man könnte zu Recht pikiert reagieren. Phoenix aber sagt: «Ganz ehrlich, mir sind solche Leute lieber, weil sie keine Angst haben, da kann ich reagieren. Viel schwieriger ist es, wenn sich wer krampfhaft bemüht, nur nichts falsch zu machen. Das geht meistens schief.»

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