Nr. 47/2020 vom 19.11.2020

Die Vielfalt im Hafen ertränken?

Von Bettina Dyttrich

Viele Pflanzen und Tiere lieben es trocken, sonnig und ungedüngt. Dass die Biodiversität in der Schweiz dramatisch zusammengeschrumpft ist, hat viel mit der Zerstörung dieser Flächen zu tun: 95 Prozent der Trockenstandorte, die es 1900 gab, sind inzwischen überbaut, zugewachsen, zu stark gedüngt oder bewässert worden. Dafür sind manche an unerwarteten Orten neu entstanden – zum Beispiel auf den Schotterflächen beim Badischen Bahnhof Basel. Fast 350 verschiedene Pflanzen, seltene Schmetterlinge und die skurrile Gottesanbeterin leben hier, Schlingnattern jagen Eidechsen. Für Pflanzen und Tiere sind diese zwanzig Hektaren so bedeutend, wie es ein grosser Umsteigebahnhof für Menschen ist: Alle Arten, die zwischen Hochrhein und Schweiz wandern und sich im Wald nicht wohlfühlen, müssen quer durch Basel. Das geht aber nur, wenn sie auf dem Weg Platz finden. Das Gebiet gehört denn auch zum Inventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung (TWW).

Genau hier soll ein riesiges Containerterminal mit neuem Hafenbecken entstehen, um die Frachtschifffahrt auf dem Rhein besser mit der Schiene zu verbinden. Güter auf die Bahn: Dieses Argument hat in Basel fast alle Parteien überzeugt, auch die Grünen. Basta! und Umweltverbände kämpfen trotzdem dagegen. Zu Recht: Es geht hier um viel mehr als eine Wiese – nämlich um die Frage, ob die Schweiz ihre Naturschutzgesetze ernst nimmt. TWW-Objekte von nationaler Bedeutung dürfen nur beeinträchtigt werden, wenn ein Projekt nur genau an diesem Standort möglich ist und in der Nähe ein gleichwertiger Ersatz für das zerstörte Gebiet geschaffen werden kann. Beides trifft auf das neue Hafenbecken nicht zu, über das am 29. November abgestimmt wird.

28 WissenschaftlerInnen haben ein Manifest für die Rettung des Gebiets unterzeichnet. Denn der globale Biodiversitätsverlust hat so schlimme Folgen wie die Klimaerhitzung, auch wenn er weniger im Fokus steht. Dass der Güterverkehr immer weiterwachsen muss, ist kein Naturgesetz. Dass Arten aussterben, wenn sie keinen Platz mehr haben, hingegen schon.

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