Nr. 47/2020 vom 19.11.2020

Pöbeln für den Patriotismus

Die «grösste patriotische Manifestation Europas» fiel dieses Jahr kleiner, aber umso aggressiver aus. Dass die rechtsextreme Mobilisierung in Polen harzt, liege bei weitem nicht nur an der Pandemie, wie linke AktivistInnen in Warschau erläutern.

Von Natalia WidlaMail an AutorIn, Warschau

Eine Viertelmillion Menschen, ein Fackelmeer vom Kulturpalast bis zur Weichsel, roter Rauch steigt zur Skyline empor, während Zehntausende rechte Parolen skandieren: Die Bilder, mit denen der Warschauer «Unabhängigkeitsmarsch» in den letzten Jahren für Schlagzeilen sorgte, sind überwältigend. Die «grösste patriotische Manifestation Europas» galt als ein Event der Superlativen: mehr Menschen, mehr Fahnen, mehr Delegationen neofaschistischer Gesinnungsgenossinnen aus Schweden, Ungarn oder der Slowakei als sonst irgendwo in Europa.

Der diesjährige 11. November beginnt mit Polizeisirenen. Seit den frühen Morgenstunden fahren Mannschaftswagen im Minutentakt durch die Innenstadt. Eigentlich war der Marsch aufgrund der Covid-19-Pandemie in diesem Jahr offiziell untersagt worden. Als Alternative kündigten die Veranstalter einen Autokorso an, der ebenfalls verboten wurde. Dass die NationalistInnen trotzdem marschieren würden, war dennoch beiden Seiten klar: Aus ganz Polen wurden Polizeieinheiten zusammengezogen, gegen Mittag sind die Strassen rund um den Kulturpalast abgesperrt und die U-Bahn-Eingänge von BeamtInnen in Kampfanzügen abgeriegelt.

Ebenfalls aus ganz Polen sind MarschteilnehmerInnen angereist. «Unsere Zivilisation, unsere Regeln», steht auf dem Flyer des «Marsz Niepodleglosci». Unter dem Slogan prangt ein Ritter, der mit seinem Schwert einen Stern zertrümmert – die eine zersplitterte Hälfte des Sterns ist rot, die andere regenbogenfarben. Eine nationale Manifestation gegen «Feminismus, Kulturmarxismus und die Homolobby» – dazu hatten die Organisatoren auf Twitter aufgerufen. Vordergründig will der alljährliche Marsch am polnischen Nationalfeiertag indes die 1918 wiedererlangte Unabhängigkeit des Landes und den Beginn der Zweiten Polnischen Republik zelebrieren.

«Dass denen etwas an der Geschichte liegt, kauf ich ihnen nicht ab», sagt Jana Kowalczyk* und zündet sich eine selbstgedrehte Zigarette an. «Dem Marsch geht es offensichtlich weder um Patriotismus noch um die Feier der Unabhängigkeit, sondern um den Kampf gegen den ‹Kulturmarxismus›», sagt die junge Frau und formt Anführungszeichen mit ihren Fingern. Die anderen in der Gruppe lachen. Die jungen Erwachsenen zwischen 17 und 28 Jahren sind zu zehnt zum Gespräch erschienen. Sie engagieren sich in anarchistischen und sozialistischen Gruppen, manche sind queer, manche transgender, allesamt sind sie aktive AntifaschistInnen. Mit ihren richtigen Namen in der Zeitung erscheinen möchten sie nicht: In Polen linkspolitisch aktiv zu sein, ist ein Wagnis.

«Gerade für Frauen und LGBTIQ*-Personen ist Polen ein Albtraum», sagt Kasia Krol*. Die rechtsnationale Regierungspartei «Recht und Gerechtigkeit» (PiS) bereite die Legitimationsgrundlage für all den Hass. Aber überall im Land seien Gruppierungen aktiv, die noch weiter rechts stünden und die von der Partei angedachten Ideen in die Tat umsetzten, die «handeln, statt zu reden», so Krol. Der Unabhängigkeitsmarsch gilt vielen dieser Gruppen als gemeinsamer Moment.

Massentauglich durch die PiS

In den nuller Jahren nahmen jeweils wenige Tausend Personen am Marsch teil. Doch mit dem Aufstieg der PiS um 2014 wurde der Event massentauglich: Familien aus ganz Polen reisten nach Warschau, Neonazis marschierten neben RegierungsvertreterInnen und SeniorInnen der Nachkriegsgeneration. Nahmen 2011 rund 20 000 Personen am Marsch teil, wurde 2018 mit 250 000 ein bisheriger Höhepunkt erreicht.

In den letzten Jahren war der Umzug die mit Abstand grösste Demonstration in Polen. Doch diesen Herbst brachten die Proteste gegen das restriktive Abtreibungsgesetz im ganzen Land Hunderttausende auf die Strassen (siehe WOZ Nr. 44/2020). Die DemonstrantInnen fordern nicht nur das Recht auf Abtreibung, sondern hinterfragen zugleich reaktionäres Gedankengut als Ganzes – Homophobie, Rassismus, Sexismus.

Familien, ältere Leute und gemässigtere PatriotInnen, die den Unabhängigkeitsmarsch zuvor Jahr für Jahr besuchten, haben nun begonnen, sich von der Veranstaltung zu distanzieren. «Die Organisatoren sind selber schuld, dass ihnen die Leute davonlaufen!», ruft Kacper Wrobel*, schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarze Maske bis hoch ins Gesicht gezogen. Der Mittzwanziger gehört der anarchistischen Szene Warschaus an.

Im letzten Monat kursierten zahlreiche Bilder und Videos im Internet, auf denen zu sehen ist, wie Frauenrechtsaktivistinnen angegriffen und ältere TeilnehmerInnen bedroht werden – von Exponenten des Unabhängigkeitsmarsches. «Plötzlich merken viele: Das sind nicht diese starken Männer, die ihre Frauen vor irgendeiner abstrakten Gefahr beschützen, sondern gewalttätige Antifeministen», sagt Julia Krawczyk* und fügt an: «Wer in Polen Omas schubst, macht sich unbeliebt.»

Hitlergrüsse und Schlaghandschuhe

Kurz vor zwei Uhr nachmittags bringen sich die Marschwilligen im Stadtzentrum in Stellung und skandieren «Gott, Freiheit, Vaterland!» und «Nicht rot, nicht regenbogenfarben – Polen ist nur national!»

Die Veranstalter sprechen von 50 000 bis 75 000 TeilnehmerInnen. Die tatsächliche Zahl dürfte tiefer sein. Das liegt mitunter an der Coronapandemie – es fehlen die Delegationen ausländischer NeofaschistInnen. Zudem sind insbesondere gemässigtere Rechte und Familien in grosser Zahl ferngeblieben.

Zwischen herausgeputzten Frauen, einigen älteren Kriegsfanatikern in Militäruniformen und «Corona is a lie»-Fahnenträgern dominieren Hooligans mit Keltenkreuzen auf ihren Sturmhauben den Marsch. Er gehe nur mit Handschuhen zur «Arbeit», raunt einer der sichtlich angetrunkenen Teilnehmer seinen Kollegen zu – an seinen Händen prangen Schlaghandschuhe, «arbeiten» will er hier am Marsch.

Ganz vorne im Zug reckt ein Mann in hellbrauner Tarnjacke und Polenschal immer wieder seinen Arm zum Hitlergruss in die Pressekameras. Viel religiöse Symbolik, Schilder mit Aufschriften wie «Jesus: Der König Polens» und Menschen in klerikalen Gewändern begleiten zudem den neofaschistischen Umzug.

Entlang der Route werfen Teilnehmende brennende Petarden auf einen Balkon, an dem eine Regenbogenfahne hängt. Sie verfehlen ihr Ziel und setzen die Wohnung zwei Stockwerke tiefer in Brand.

Eigene politische Agenda

Im Gegensatz zu den Vorjahren findet keine antifaschistische Gegendemo statt – auch keine Störaktionen oder Blockaden. «Der Warschauer Frauenstreik ruft dazu auf, zu Hause zu bleiben und an diesem Tag Selbstquarantäne zu üben», erklärt Julia Krawczyk zwei Tage vor dem Marsch. «Wir werden uns ausruhen. Die Frauenstreiks und Demos der letzten Wochen waren sehr kräftezehrend. Ausserdem ist damit zu rechnen, dass sich die Marschteilnehmer nicht an die Pandemieregeln halten.»

Die Marschierenden richten ihre Aggressionen also gegen E-Scooter, Blumentöpfe, eine Buchhandlung und die Polizei. Bis in die frühen Morgenstunden kommt es zu Auseinandersetzungen. Der Tag endet, wie er begonnen hat: mit Polizeisirenen.

«Das war eine Schlacht», sagt Sylwester Marczak, Sprecher der Warschauer Polizei. Solche Aggressionen am Unabhängigkeitsmarsch habe die Polizei noch nie erlebt. Ihre Bilanz: 300 Festnahmen, 600 Sanitätseinsätze, vierzig strafrechtlich relevante Ereignisse und 35 verletzte PolizistInnen. Mehrere Medienschaffende wiederum berichteten dem Magazin «Wprost», wie sie trotz Pressewesten von PolizeibeamtInnen tätlich angegriffen worden seien.

Anarchist Kacper Wrobel zieht sein eigenes Fazit: «Ich bin froh, dass AntifaschistInnen keine Gegenaktion gestartet haben. Das hätte sehr blutig geendet.» Am nächsten Tag ist der Spuk vorbei. Nur einige rechtsnationalistische Sticker stören noch das Stadtbild – die ausserparlamentarische Linke wird sich darum kümmern. Aber «die Zeit, in der wir den Nationalisten nur hinterherrannten und Schadensbegrenzung machten, ist vorbei», konstatiert Aktivistin Kasia Krol. «Wir haben eine eigene Agenda, und wir investieren unsere Energie lieber darauf.» Denn schon am Samstag findet die nächste feministische Aktion statt.

* Namen geändert.

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