Nr. 47/2020 vom 19.11.2020

Fragmente einer Sprache des Schmerzes

Wie sagen wir, dass es wehtut? Die Lyrikerin Lisa Olstein hat ein Buch über die Sprache des Schmerzes geschrieben. Dabei zeigt sie, dass dieser sich ohne die Mittel der Poesie nicht beschreiben lässt.

Von Martina Süess

Ringsicht, filmische Sicht, Mosaiksicht: Bruchhafte Beschreibung einer chronischen Migräne. Foto: Juliane Thiere, Alamy

Wo tut es Ihnen denn weh? Mit dieser Frage beginnen viele medizinische Untersuchungen. Sie scheint so einfach. Doch wie findet man die richtigen Worte, um die eigenen Schmerzen so zu beschreiben, dass einem geholfen werden kann? Oder andersherum gefragt: Wie lassen sich aus der Schmerzbeschreibung einer Patientin die richtigen medizinischen Schlüsse ziehen?

Wer über die eigenen Schmerzen spricht, bewegt sich in einem Feld, in dem die Sprache an ihre Grenzen kommt. Dieses Feld ist das Spezialgebiet der Dichtung. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass ausgerechnet eine Dichterin ein phänomenales Buch über chronische Schmerzen geschrieben hat. Die US-Amerikanerin Lisa Olstein hat mehrere Lyrikbände veröffentlicht und wurde für ihre poetische Recherche der Wirklichkeit mehrfach ausgezeichnet. Ihre Migräne, an der sie seit der Jugendzeit leidet, war für sie bisher literarisch tabu. Nicht nur, weil ihr das Thema zu privat war, sondern auch, weil sie der Migräne nicht mehr Raum geben wollte, als diese sich sowieso schon nahm: «Jahrelang war meine Strategie eine Sorte Nulltoleranz, die ich strikt einhielt: Gib dem Monster nichts, nicht eine Minute mehr als die Zeit, die es sich mit List und Tücke oder Gewalt sowieso holt.»

Schmerz ist einfach da

Nun hat Olstein sich auf einen Kampf mit dem Monster eingelassen. Entstanden ist ein Buch, das die Grenzen zwischen Poesie, Sachbuch und persönlichem Bericht auflöst, um dem Wesen des Schmerzes auf die Spur zu kommen: «Weh. Über den Schmerz und das Leben». Sie fragt: Was ist Schmerz, und in welchem Verhältnis steht er zur Sprache, zur Wahrnehmung, zum Sinn? Die Forschungsreise führt durch die antike Philosophie, durch Literatur, zeitgenössische Kunst und Unterhaltungsliteratur sowie durch die eigenen Erinnerungen und Schmerzprotokolle. Ihr Fazit: Schmerz sagt uns nichts, er bedeutet nichts, er ist einfach da. Doch genau deshalb bestimmt er die Koordinaten, innerhalb derer wir die Welt wahrnehmen. Im Schmerz erleben wir auf intensive Weise, was es bedeutet, auf der Welt zu sein: «Wahrnehmung ist unsere Fähigkeit – unsere Notwendigkeit –, am eigenen Leib zu erleben, woraus der Körper und alles ringsum entstanden sind. Dieses Erlebnis ist eine Art Schmerz. Infolge dessen ist Schmerz oberhalb dieser Grundlinie, Migräne mit ihrem akuten Schmerz und ihrer erhöhten Wahrnehmung, eine grellbunte, auf volle Lautstärke gedrehte Version genau dieser unserer fundamentalen Natur und Umwelt, unserer Realität.»

Doch Olstein macht auch klar: Schmerz zu erleben, ist das eine – den Schmerz sprachlich zu fassen und einer Diagnose zugänglich zu machen, ist etwas ganz anderes. Für die medizinische Behandlung ist das wesentlich, vor allem dann, wenn Schmerz chronisch und die Ursachen unbekannt sind. Doch ist Schmerz überhaupt in Sprache übersetzbar?

Laute und Schreie

Nein, findet Olstein. Schmerz sträubt sich gegen die Sprache, er zerrüttet den Sinn der Wörter. Sie durchforstet die Literatur und findet ähnliche Einschätzungen bei zahlreichen AutorInnen. «Der körperliche Schmerz ist nicht nur resistent gegen Sprache, er zerstört sie; er versetzt uns in einen Zustand zurück, in dem Laute und Schreie vorherrschen, derer wir uns bedienen, bevor wir sprechen lernen», schreibt etwa die Literaturwissenschaftlerin Elaine Scarry. Für Virgina Woolf ist der Zustand des Schmerzes «ein unberührter Wald», «ein Schneefeld, wo selbst der Abdruck von Vogelfüssen unbekannt ist». In dieser einsamen Welt jenseits der vertrauten Zeichen sei die leidende Person «gezwungen, selbst Worte zu prägen und, den Schmerz in der einen Hand und einen Klumpen reinen Klangs in der anderen … beide so ineinanderzudrücken, dass am Ende ein ganz neues Wort herausfällt».

Olstein liest diese Texte und stellt fest: Schmerz mag unübersetzbar sein, doch heisst das nicht, dass wir nicht darüber sprechen können. «Kann es nicht sein», fragt Olstein, «dass Schmerz nicht vorsprachlich, sondern aussersprachlich ist, ausserhalb der Normen stehend, mit denen die herrschenden Sprachformen üblicherweise ordnen und Aussagen treffen?» Ihre Antwort ist eindeutig: «Schmerz wird oft fälschlich als Sprache gehört, die nicht kommuniziert; tatsächlich aber fügen sich die scheinbar chaotischen Fragmente, mit denen wir Schmerz beschreiben, wenn wir unter ihm leiden, zu durchaus sinnvollen Kategorisierungssystemen.» Doch um den Schmerz zu verstehen, müssen wir «den Suchscheinwerfer der Sprache über das unzugängliche Gelände des Schmerzes schweifen lassen»; wir müssen zwischen den Zeilen lesen, die medizinischen Protokolle gegen den Strich lesen, um die Spuren, die der Schmerz dort hinterlassen hat, richtig zu deuten.

Kränkung der Medizin

Was das konkret heisst, kann Olstein am Beispiel der Migräne eindrücklich zeigen. Migräne wurde lange als psychosomatisches Leiden eingestuft, aus zwei Gründen: Erstens sind vor allem Frauen von Migräne betroffen – und Selbstaussagen von Frauen haben in der Medizin bis heute besonders wenig Gewicht. Die Informationen, die man über den Schmerz gewinnen könnte, werden unterdrückt, weil die Stimme des Arztes sie übertönt. Die Beschreibungen der Migräneschmerzen werden nach wie vor von Deutungen bestimmt, die aus der Mottenkiste der Hysterieforschung stammen. So erklärt zum Beispiel der Neurologe Oliver Sacks, die sogenannte «aggressive Migräne» sei eine «Sublimierung ungestillter emotionaler Bedürfnisse in Form von Migräneattacken, die im Grunde Angriffe oder Racheakte» seien. Unverzeihlich findet Olstein, dass der Bestsellerautor Sacks mit solchen «verurteilenden Unterstellungen» Begriffe geprägt habe, die nach wie vor in der medizinischen Praxis kursieren.

Der zweite Grund, warum die Migräne bis heute den Ruf einer psychosomatischen Störung hat, liegt an ihrer Rätselhaftigkeit. Chronische Schmerzen, deren Ursachen im Dunkeln liegen, sind eine Kränkung für die Medizin. Olstein gibt uns ein paar Kostproben aus ihrer Leidensgeschichte: Als sie auf die Behandlung eines ehrgeizigen Arztes nicht anspricht, bezweifelt dieser, dass ihrem «allgemeinen Krankheitsgefühl», wie er es nennt, «überhaupt eine Ursache zugrunde liegt». Eine Heilpraktikerin blickt ihr nach erfolgloser Behandlung «bedeutungsvoll in die Augen» und sagt: «Sie werden einen anderen Weg finden müssen, um sich Gehör zu verschaffen.»

Langeweile des Chronischen

Chronische Schmerzen frustrieren, sowohl die Betroffenen als auch ihr Umfeld. «Mitgefühl liebt die Krise», schreibt Olstein. «Sie ist etwas Neues, sie hat Drama, sie ist von begrenzter Dauer, sie hat das Potenzial für Heldentaten. Im Umfeld einer Krise schiesst Gemeinschaft aus dem Boden, tief empfunden und tatkräftig, aber eben zeitlich beschränkt – vom Gipfel an geht es bergab.» Alles Chronische hingegen, «diese hartnäckig andauernde, gleichbleibende Bedürftigkeit – es langweilt». Auch deshalb werden die Stimmen der chronischen Schmerzen oft ignoriert oder unterdrückt.

Olsteins Buch leistet aber viel mehr als eine Kritik am medizinischen Umgang mit chronischen Schmerzen. Was ihre Streifzüge durch Kunst und Philosophie freilegen, sind jene Fragmente einer Sprache des Schmerzes, die auch dort zum Vorschein kommt, wo sie unterdrückt wird – dort, wo den Betroffenen nicht geglaubt wird, wo ihre Aussagen lächerlich gemacht oder einer verzerrenden Deutungsmacht unterworfen werden. Olstein sammelt die Fragmente ein und entwickelt eine Sprache, mit der sie sich ihren eigenen Schmerzen annähern kann: «Aura: Ringsicht, filmische Sicht, liliputanische Sicht, Mosaiksicht, Zoom-Sicht. Migräne: fremdartige Gerüche, Funkeln, Lichthass, Tonhass, seltsamer Tanz, Spezialvokabular, wie von Ameisen auf der Haut, wir sprechen von Phantomen, Zwangsdenken» und so weiter.

So entdeckt Olstein gerade in der Unübersetzbarkeit des Schmerzes ein kreatives Potenzial: «Ich stelle fest, dass ich hier verweilen möchte, in der Zerrüttung. Kann nicht neben der Zerstörung Schöpfung stehen? Sind nicht Bruchstücke das Material für Mosaike?» So gesehen ist sich die Lyrikerin Olstein treu geblieben: «Weh» ist nicht nur ein Buch über den Schmerz und dessen Verhältnis zur Sprache, es operiert selbst an den Rändern des Sagbaren. Es ist Poetik und Poesie des Schmerzes zugleich.

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