Nr. 48/2020 vom 26.11.2020

Mit den Toten leben

Von Silvia SüessMail an AutorIn

«Wie haben Sie es geschafft weiterzuleben?», fragt der junge Mann die ältere Frau. Sie sitzen in deren spärlich beleuchteter Hütte in einem kleinen Dorf in Guatemala; draussen bellen Hunde. «Ich habe mich daran gewöhnt, mit meinen Toten zu leben», antwortet sie. «Aber jetzt bin ich müde, ich mag nicht mehr.»

Wie weiterleben mit all den Toten? Mit den unausgesprochenen Erinnerungen an bestialische Ermordungen, an Folter und Vergewaltigungen? Diese Frage steht im Zentrum des Spielfilms «Nuestras madres» von César Díaz, der zwar im Jetzt spielt, sich jedoch mit den Jahren 1982 und 1983 auseinandersetzt, der Amtszeit des Diktators Efraín Ríos Montt; sie gilt als die gewalttätigste während der Bürgerkriegsjahre von 1960 bis 1996. Ríos Montt liess indigene Männer systematisch ermorden und die Frauen vergewaltigen; man nannte ihn deshalb auch den «Schlächter der Indigenen».

So geschah es damals auch im Dorf von Nicolasa (Aurelia Caal), wo Ernesto (Armando Espitia) nun zu Besuch ist. Er arbeitet in der Stadt als Forensiker, gräbt Knochen aus und versucht, sie zu identifizieren. Nachdem Nicolasa ihn in seinem Büro in der Stadt aufgesucht hat mit dem Wunsch, ein Massengrab in ihrem Dorf zu öffnen, ist er ohne Erlaubnis seines Chefs hingereist. Denn er vermutet, dass auch sein Vater, ein Guerillero, den er nie kennengelernt hat, in diesem Grab liegt. Doch die Wahrheit ist eine andere, als er denkt – dies muss er auf brutalste Weise erfahren.

In «Nuestras madres» wird nur das Allernötigste gesprochen. Díaz setzt auf die Kraft der Bilder, die Kamera fängt das Spiel des starken Ensembles sorgfältig und wohlüberlegt ein – bei tragischen Szenen aus der Distanz, sodass einen nie das unangenehme Gefühl beschleicht, bei etwas zuzuschauen, bei dem man nicht dabei sein sollte. Doch immer wieder wechselt die Kamera zu Nahaufnahmen auf die Gesichter, sei es bei Dialogen oder – sehr eindrücklich – als die Frauen im Dorf ihre Zeuginnenaussagen vor Ernesto machen. Wir hören keine Worte, die Kamera fährt nur langsam über ihre vom Leben gezeichneten Gesichter. Mehr braucht es nicht.

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