Nr. 48/2020 vom 26.11.2020

De gross Grabe

Stefan Gärtner weiss, wie es die Welschen tun

Von Stefan Gärtner

Ich besitze, ist mir aufgefallen, bloss zwei Bände «Asterix»; eigentlich sogar nur einen, denn es handelt sich um die hessische und die wienerische Fassung von «Der grosse Graben». Die Schweizer Version fehlt, was schade ist, aber die Überleitung nicht gefährden soll, denn der Röstigraben ist halt doch grösser, als man meinen sollte. Wo er zwischenzeitlich zum «Corona-Graben» geworden ist.

In der Romandie sind nämlich die Fallzahlen, um die gängige Metapher zu benutzen, explodiert, und da das Gewerbe ungern vor einem Rätsel steht, haben sich die Zeitungen der Tamedia am 17. d. M. vier triftige Gründe überlegt, die rasch zu rekapitulieren mir Aussenstehendem hier gestattet sei.

Erster Grund: Die Welschen haben keine Angst. Ihre Lebenslust ist stärker als alle Vorsicht. Die Sonne scheint, der Kaffee schmeckt, da ist denen doch das Virus scheissegal!

Zweiter Grund: Die Welschen feiern einfach gern, wobei «feiern» hier nicht die vulgäre neusprachliche Bedeutung von «ausgehen» hat. Sie feierten im herkömmlichen Sinn, etwa das mehrtägige Sexfestival Caprices in Crans-Montana, wo sich Hunderte Personen in einem Zelt liebten. «Die Menge war in Sektoren unterteilt, aber niemand trug eine Maske, und alle bewegten sich auf engstem Raum. Diverse Festivalbesucher wurden später positiv getestet», so etwa «Tagi» und «Bund» kritisch. Auch die «berüchtigte Walliser Herbstmesse» sei «für die Verbreitung des Virus ideal» gewesen, weil es nämlich nur einen Apéro-Eimer für «jeweils mehrere Dutzend Personen» gegeben habe. Pfui!

Dritter Grund: Die Welschen sind staatsgläubig. Was der Staat nicht vorschreibt, das macht der Welsche nicht, und schreibt der Staat es vor, macht der Welsche es erst recht nicht, je m’en fiche! Da in den welschen Behörden naturgemäss Romands arbeiten, die am Vortag auf einem der ständigen Feste versumpft sind, geschieht staatlicherseits aber auch nicht viel, und dann sind die Intensivstationen eben irgendwann voll.

Vierter Grund: der Todeskuss. Dieses Geküsse die ganze Zeit! Alle werden die ganze Zeit gebusselt: die Serviertochter, der Busfahrer – für Corona eine Art Festival.

Humorlos ist die Frankoschweiz übrigens auch und war nach der füglichen TA-Fehlersuche beleidigt; dabei hatte, wichtig zu wissen, die Analyse drei weitere Gründe sogar übersehen oder aus Gründen der Delikatesse zurückgehalten: Fünftens nämlich sind die Romands dem Wein verfallen. Während in Zürich, Bern und Zug 16 Stunden am Tag stocknüchtern Geld verdient wird, hocken sie in Lausanne und Neuchâtel vor der Bar und lassen sich volllaufen. Dass dabei auf Hygieneregeln nicht mehr geachtet wird, liegt auf der Hand. Sechstens sind sie im Wallis katholisch, glauben, dass der Herrgott es schon richten wird; dass ein gottgefälliges Leben aus Selbstdisziplin, Zucht, ja sogar Askese besteht, ist ihnen fremd. «Et kütt, wie et kütt», sagen sie im katholischen Köln, und das würden sie auch in Fribourg sofort unterschreiben, wenn sie nicht betrunken ihren Stift verloren hätten. Und siebtens sind die Romands, na ja, wohl auch nicht so sauber wie wir. Also schon sauber irgendwie, aber nicht so sauber!

Schön, so ein kulturelles Klischee, das wir hier mit der nötigen Ironie behandelt haben; wobei ja immer es bitzeli was dran ist. Stimmt nun mal, dass die Lateinerin gewöhnlich lebensfroher ist als der Alemanne, für den Lebenslust bedeutet, um fünf Uhr aufzustehen, um erst mal kalt zu du… ah, Moment, neuste Nachrichten: «Die Westschweiz hat das Virus besser im Griff. – Nirgends geht die Zahl der Ansteckungen so stark zurück wie in der Romandie. Die Mini-Lockdowns provozieren zwar Proteste, aber sie nützen. Die Restschweiz kann daraus lernen» («NZZ am Sonntag», 21.11.).

Und wir natürlich auch.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe. Diese Woche springt Gärtner zudem für den unpässlichen Ruedi Widmer ein.

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