Auf allen Kanälen: Tempo und Trauer

Nr. 3 –

Eine Betrachtung der Schweizer Berichterstattung über Crans-Montana.

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stilisierter Ausschnitt aus der Titelseite der gedruckten NZZ-Zeitung

Zwei Wochen sind seit dem Brand in einer Bar in Crans-Montana vergangen, und vielleicht lässt sich nun die Frage stellen, was all die Liveticker, die Echtzeitberichte, die Sondersendungen, die Splitter an Information und Nichtinformation, mit unserer Wahrnehmung eines solchen Ereignisses machen. Zwischenzeitlich waren auf Schweizer Newswebsites bis zu zehn Beiträge zum Thema gleichzeitig geschaltet. Sie bestanden teils aus nicht mehr als einem Video mit einer dreizeiligen Beschreibung und einem Titel. «Augenzeugin erzählt von Horrornacht» («Watson»). Schon am frühen Nachmittag des 1. Januar konnte man ein Listicle über «die tödlichsten Unfälle der Schweiz» lesen, Oberzeile: «Nach Crans-Montana», als würden nicht in diesen Stunden erst Opfer identifiziert, was man parallel im Liveticker auch lesen konnte (tagi.ch). Es herrschte, wie immer, eine Atmosphäre der totalen Gleichzeitigkeit.

Aktualität statt Aufklärung

Wenn sie nur noch als Aufbereitung von Social-Media-Posts daherkam, wenn abstandslos, ohne eigene Recherchen und im Akkord Beiträge mit grosser Geste rausgeblasen wurden, offenbarte die Berichterstattung die herrschende Strukturkrise der Medien. Der «Blick» listete einen jungen Golfer in einem Artikel über die Opfer auf, ergänzte, dass der Onkel dementiere, und ein paar Stunden darauf, dass der junge Mann tatsächlich tot sei. Ein übermüdeter Reporter von CH Media hielt einen Passanten in Crans-Montana fälschlicherweise für den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino, befragte ihn zur Tragödie und schusterte daraus einen Artikel, der online auf allen Portalen veröffentlicht und in der «Bieler Zeitung» gedruckt wurde. Schlagzeile: «Fifa-Präsident Gianni Infantino war während Barbrand in Crans-Montana».

Die Episode überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass zeitweise rund 200 Journalist:innen aus aller Welt den Ort belagerten; den Wettbewerb auf den Medienmärkten im Nacken, der dazu zwingt, genauso aufgeregt und schnell wie die sozialen Medien zu sein. Die unbedingte Orientierung an Aktualität und Tempo wird hier zur Nachrichtenproduktion ohne Aufklärungswert. Und sie erschwert die Überprüfung des massenhaften Bild- und Stimmenmaterials. Schon kurz nach dem Vorfall kursierten brutale Szenen auf Tiktok, auch gefälschte KI-Videos und -Bilder waren in Umlauf, etwa Aufnahmen aus dem Club oder der Bericht einer jungen Augenzeugin. Der Filter der «alten Medien» funktionierte dagegen weitgehend: Während man im Internet, ob echt oder nicht, Videos von sterbenden Menschen fand, zeigten sie keine verstörenden Aufnahmen. Allerdings sah man sehr wohl unverpixelte Bilder von Opfern, las Namen mutmasslicher Verantwortlicher – beides Persönlichkeitsrechtsverletzungen.

Apolitisches Terrain

Irgendwann lichtete sich die Hochtempoberichterstattung. Nach ein paar Tagen wich bei den Leitartikelschreibern die Ergriffenheit der Empörung, teils auch der wütenden Heimattümelei: «Etwas Urschweizerisches ist zerstört worden» (CH Media). Teils wich sie der irrlichternden Selbstgerechtigkeit: Crans-Montana zeige, «wie krank unsere Spassgesellschaft ist» (Chefredaktor NZZ). Doch daneben wurden auch Beiträge veröffentlicht, die sich auf einer distanzierteren, analytischeren Ebene bewegten: zum Beispiel solche über das Verhalten der Walliser Behörden und die diesem Kanton eigene Unfähigkeit, nach Katastrophen zu Einsichten zu kommen (NZZ). Es gab relevante Erklärtexte zu Flashovers oder zur medizinischen Versorgung von Brandopfern.

Doch blieb der Eindruck, dass sich manche Medien partout nicht von den Tränen, den Emotionen lösen wollten: Mehrere Radio- und TV-Kanäle übertrugen die Trauerfeiern, die SRG-Sender schalteten eine mehrstündige Sondersendung, ohne etwa ein Wort über fehlende Gebäudeschutzversicherungen zu verlieren. Oder der SRF-«Rundschau»-Beitrag von letzter Woche über den Feuerwehrkommandanten, der in der Nacht den Einsatz geleitet hatte: Die Vorschau zeigte die immer gleiche Szene, wie der Mann vor der Kamera in Tränen ausbricht, im Hintergrund Klaviermusik. Als wolle man sich bloss nicht auf politisches, analytisches Terrain begeben: Diese Art der Berichterstattung, das Verharren auf Schicksalen, wirkte im besten Fall pietätvoll, im schlechtesten sensationslüstern. Zur Aufklärung trug sie nicht bei. Die Behörden dürfte sie freuen: Flaggen auf Halbmast statt mühsamer Fragen.