Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

Die Enteignung der EnteignerInnen

Von Rahel Locher

In einer kapitalistisch organisierten Welt sind die Vielen mit dem Eigentum einiger Weniger konfrontiert, um die eigenen Grundbedürfnisse zu sichern – auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt, beim Zugang zu Land oder dem Erwerb von Waren. Wie vollziehen sich Enteignungs- und Akkumulationsprozesse – in der Entstehungsgeschichte des Kapitalismus, aber auch aktuell? Mit welchen Strategien lassen sich die gegenwärtigen Eigentumsverhältnisse aufbrechen, um eine grössere gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen? Diesen Fragen widmet sich unter dem Titel «Enteignen fürs Gemeinwohl» die neue Ausgabe des «Widerspruchs».

Viele Beiträge stellen Enteignung im Kontext verschiedener Konzepte vor, wobei meist auf marxistische Theorien und Begriffe verwiesen wird. Auf die «ursprüngliche Akkumulation» zum Beispiel, die von Marx im «Kapital» am Beispiel der Vertreibung der bäuerlichen Bevölkerung von vorher gemeinschaftlich genutztem Land im Zuge der Landprivatisierung beschrieben wird. Bis heute unterwirft die kapitalistische Dynamik immer neue Bereiche der Eigentumslogik, die ihr vorhin entzogen waren. Verschiedene Aufsätze des «Widerspruchs» widmen sich der Privatisierung von Wasser oder Saatgut, aber auch von immateriellen Gütern wie dem öffentlichen Raum oder im Internet hinterlassenen Datenspuren. Dabei wird auch zum Thema, wie diese Enteignungen – also der Übergang von kollektiv zu nutzenden Dingen in Privateigentum – jeweils vollzogen und legitimiert werden.

Wie aber gelingt es, gegen Enteignungsprozesse anzugehen, also die EnteignerInnen wieder zu enteignen? Leider bietet der aktuelle «Widerspruch» dieser Frage nur wenig Raum. Zwar gibt es mit den Auflehnungen gegen die Arbeitsbedingungen bei Amazon oder bei der Bildung von «Worker Cooperatives» durch migrantische SorgearbeiterInnen in New York einen Bezug zu aktuellen Kämpfen beziehungsweise Organisierungsprozessen von unten. Diese Aufsätze sind jedoch klar in der Unterzahl, ausserdem geben sie durch die (akademische) Betrachtung von aussen den kämpfenden Subjekten nur bedingt eine Stimme.

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