Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

Bis der Server zusammenbricht Das geht an die Substanz: Was die Pandemie für die Schweizer Kinolandschaft bedeutet.

Von Timo Posselt

Als der Kinobetreiber und Streaminganbieter Tobias Faust am 2. April 2020 von der «Tagesschau» interviewt wird, beginnt er zu rechnen. Die SRF-Sendung erreicht im Lockdown über eine Million ZuschauerInnen, und noch während des Interviews überschlägt Faust im Kopf: «Wenn nur jede 1000. Zuschauerin auf unsere Seite geht, explodieren die Zugriffe. Wenn jeder 2000. einen Film streamt, bricht der Server zusammen.» Faust ist Kogeschäftsleiter der Basler Kultkino-Gruppe, die auch das hauseigene Streamingportal Myfilm betreibt. Er vereint zwei Seiten der Schweizer Filmkultur unter Pandemiebedingungen: die erschütternde und die erfreuliche.

Als der Beitrag zum Basler Streamingportal in der Hauptausgabe der «Tagesschau» über die Bildschirme flimmert, schnellen die Klicks von Myfilm noch während der Sendung in die Höhe. Danach tritt ein, was Faust hatte kommen sehen: Sein Server bricht zusammen. Vier Tage später ist Myfilm wieder online, mit massiv ausgebauter Kapazität. Der Publikumssturm aufs Streaming hält an, die Kinosäle bleiben in der ganzen Schweiz geschlossen. Auch jene von Faust.

Als die Schweizer Kinos im Sommer wieder öffnen dürfen, kommt erfreulich viel Publikum. Dennoch wird 2020 zum schlechtesten Kinojahr der jüngeren Geschichte. Im Herbst stolpert die Schweiz in die zweite Welle. Den Kinos werden trotz Schutzkonzepten noch tiefere Kapazitäten verordnet, bis sie im Dezember in der ganzen Schweiz wieder schliessen müssen. Das trifft ihre Hauptsaison: Kinos spielen im Winter jene Reserven ein, von denen sie im Sommer zehren. Normalerweise. Aber was war schon normal im Jahr 2020. Zwar gingen die Eintrittszahlen schon in den Jahren davor stetig zurück, doch der Einbruch im Jahr der Pandemie war brutal: Gegenüber 2019 wurden 65 Prozent weniger Tickets verkauft. So stellt sich die Frage: Was tut Corona der Schweizer Kinolandschaft an?

Auf konkrete Prognosen darüber, wie viele Kinos die Pandemie nicht überleben könnten, mag sich niemand einlassen. Aber egal wen man in der Kinobranche fragt, man hört immer das Gleiche: «Die Pandemie trifft uns alle.» Von den grossen Multiplexen am Stadtrand über die schicken Arthousekinos in den Innenstädten bis zu den Einzelsälen mit Mainstreamprogramm auf dem Land. Die überwiegende Mehrheit dieser Kinos muss im Gegensatz zu Theatern und Museen im Normalbetrieb ohne staatliche Unterstützung durchkommen. Auf der Leinwand funkeln die cineastischen Träume, hinter der Kasse herrscht eiskalt der Markt. Auf den ständigen Publikumsschwund der letzten Jahre reagierten die meisten in der Branche mit einer Flucht nach vorn: Sie bündelten ihre Kräfte und investierten. Während viele Kinos mit nur einem Saal schlossen, eröffneten Multi- und Miniplexe mit mehreren Sälen und zentraler Kasse und Technik. Damit senken sie die Fixkosten und vergrössern zugleich das Filmangebot.

Von der Innenstadt in die Agglo

Das erklärt auch, warum die Zahl der Leinwände in den letzten fünf Jahren gestiegen ist, obwohl immer wieder Kinos verschwanden. So zum Beispiel jene der Firma Blue Cinema (ehemals Kitag), die im Besitz der Swisscom ist: Der Konzern schloss all seine Kinos im Berner Zentrum und alle bis auf eines in den Innenstädten von Basel und St. Gallen. Die Innenstädte verloren so einen Teil ihres Kulturlebens. Sowieso scheint fraglich, wie lange die Swisscom den Kinoblues noch mitspielt. Der Kommunikationskonzern hat keine kinobesessenen Besitzer im Hintergrund, im Gegensatz zu Pathé und Arena, den zwei anderen grossen Playern in der Schweiz. Bei Pathé ist es der französische Milliardär Jérôme Seydoux, der Grossvater der Schauspielerin Léa Seydoux, bei Arena der frühere Pornokinobetreiber und Filmproduzent Edouard Stöckli.

Letzterer nahm sich kürzlich gar des Sorgenkinds der Basler Stadtentwicklung an, als er ins Stücki-Einkaufszentrum investierte: vierzehn Kinosäle, modernste Technik, die grössten Leinwände der Region. Längst ist alles fertig, doch die Pandemie verhinderte die Eröffnung. Bei den Arena Cinemas wollte niemand auf die Fragen der WOZ antworten, eine wäre gewesen: Warum zum Teufel baut einer ein Multiplex in einem Basler Aussenquartier fünfzehn Gehminuten von der Grenze zu Deutschland, wo man für halb so viel Geld die gleichen Filme sehen kann?

Die Antwort liegt wohl irgendwo zwischen kinounternehmerischem Ehrgeiz und traumhaften Mietkonditionen. Denn bis anhin war noch jedes Konzept auf dem ehemaligen Industrieareal dem Untergang geweiht. Entsprechend günstig dürfte sich Stöckli eingemietet haben. Gegenüber der «TagesWoche» hatte er 2017 den Tarif durchgegeben: «Wir werden der unattraktiven Konkurrenz in Deutschland mit Qualität und purer Masse entgegentreten.»

Inzwischen hat sich der Horizont für Multiplexkinos nachhaltig verdüstert: Im Dezember gaben Warner Bros. bekannt, dass sie 2021 ihr komplettes Filmprogramm in den USA gleichzeitig auf dem eigenen Streamingdienst HBO Max und im Kino starten würden – darunter absehbare Blockbuster wie «Matrix 4» und «Dune». Zuvor hatte schon Disney seine Grossproduktionen «Mulan» und «Soul» auf dem hauseigenen Streamingdienst Disney + lanciert, statt auf die Wiedereröffnung der Kinos zu warten. Der Entscheid von Warner Bros. gilt in der Branche als filmpolitische Ursünde. Bis anhin hatten die Kinos ein zeitlich begrenztes Exklusivrecht auf die grossen Studioproduktionen. Trotz der Beteuerung der Konzernleitung, der Entscheid sei eine einjährige Ausnahme – wirklich glauben mag das niemand. So heisst es bei Blue Cinemas stellvertretend für alle: «In einer schwierigen Zeit macht dieser Entscheid für uns Kinobetreiber alles noch schwieriger.»

In der Zürcher Innenstadt passiert derweil das Gegenteil von dem, was in Basel, Bern und St. Gallen geschieht: Statt von Kinosterben spricht man hier von einem «overscreening» rund um die Langstrasse. Mit der Eröffnung des Kosmos 2018 stieg die Anzahl Plätze im Arthousebereich auf einen Schlag um vierzig Prozent – während das Publikum schon seit Jahren schrumpft. Dem Trend zur Verdichtung trotzt die Arthouse Commercio Movie AG, die fünf Kinos übers ganze Niederdorf hält, mit einem Ableger in der Kalkbreite. Ihr Grosskino Le Paris am Bahnhof Stadelhofen ist teuer im Unterhalt und mit seinen über 400 Plätzen nur schwer voll zu bekommen. Trotz der schwierigen Ausgangslage übernahm im Sommer die internationale Verleih- und Produktionsfirma DCM, die schon ein hippes Kino in New York besitzt, die Zürcher Arthouse-Gruppe. Die Firma um Start-up-Millionär Dario Suter und Marc Schmidheiny aus der Schmidheiny-Dynastie integriert damit bis aufs Streaming fast die ganze Vertriebskette und kann ihre Filme direkt in den eigenen Kinos auswerten. Erklärtes Ziel der jungen Besitzer ist es, wieder jüngeres Publikum in die Kinos zu bringen. Die Pandemie durchkreuzte den Plan vorerst, und die Arthouse-Gruppe schloss ihre Kinos noch vor der bundesrätlichen Verordnung.

«Wir sind alle Lokomotiven»

Trotz der verstärkten Konkurrenz in Zürich: Öffentliche Grabenkämpfe sucht niemand in der Branche. Man will die Krise gemeinsam durchstehen. «Wir sind alle in der gleichen Wirklichkeit», sagt etwa Frank Braun von der Neugass Kino AG, die in Zürich das Riffraff und das Houdini sowie in Luzern das Bourbaki betreibt. An den Solothurner Filmtagen wird Braun dieses Jahr mit dem mit 10 000 Franken dotierten Prix d’honneur geehrt. Der Kinobetreiber, Filmemacher und Gründer des Animationsfilmfestivals Fantoche hat früh gelernt, das persönliche Engagement fürs Kino und dessen wirtschaftliche Aspekte zu trennen. Trotzdem sagt er: «Wenn man das mit Haut und Haaren macht, kann es ans Nervenfleisch gehen.» Braun fürchtet, dass in der Pandemie nicht jene Kinos überleben, die gute Arbeit machen, sondern jene mit genügend Mitteln, um eine solche Krise durchzustehen. Dennoch gibt er sich hoffnungsvoll: «Wenn ein Kino lokal verankert ist, ist es nicht gefährdet.»

Die Zuversicht und den Idealismus teilt Frank Braun mit Edna Epelbaum, die als viertgrösste Kinobetreiberin der Schweiz Leinwände in Bern, Biel, Delémont, La Chaux-de-Fonds und Neuchâtel bespielt. Sie sagt: «Jeder Beruf braucht leidenschaftliche Leute, die ziehen. Doch dieser ist ohne Leidenschaft fast nicht machbar.» Epelbaum vereint in ihrer Kette Main- und Offstreamfilme. Für sie muss die Branche zwingend gesamthaft betrachtet werden: «Wir sind alle Lokomotiven, um uns aus dieser Krise herauszuziehen, egal ob Multiplex oder Einzelsaal, Stadt oder Land, Innenstadt oder Peripherie.» Das klingt wie ein Echo auf Tobias Faust von den Basler Kultkinos, der den Arena-Multiplex im Stücki begrüsst, weil dies das Kino wieder stärker ins Bewusstsein der BaslerInnen bringe und so auf alle Säle einen positiven Effekt haben werde. Selbst seinen eigenen Streamingdienst Myfilm will Faust nicht als Konkurrenz zum Kino sehen, sondern als «zeitgemässe Videothek». Er löse zwar keine Zukunftsfragen, schenke jedoch den Kinofilmen ein Leben nach der grossen Leinwand.

Myfilm konnte im letzten Jahr seine Nutzungszahlen auf das Achtfache steigern und halten. Inzwischen ist der Dienst selbsttragend, bei einem durchschnittlichen Monatsumsatz von 20 000 Franken. Ein Bruchteil dessen, was Faust mit dem Kinobetrieb umsetzt: «Wir sind ein Kino und sehr erfolgreich damit. Im Verbund damit ist Streaming ein interessantes Nebengeschäft.» Auch die zwei anderen etablierten Arthouse-Streaminganbieter, Filmingo aus Baden und Cinefile aus Zürich, sehen ihr Angebot nicht als Konkurrenz zur grossen Leinwand. Im Gegenteil: «Die Kinos sind unser allerwichtigster Partner», sagt Meret Ruggle von Filmingo, dem Streamingdienst des Schweizer Filmverleihs Trigon: «Wir wollen mit dem Streaming nicht in Konkurrenz zu den Kinos treten, sondern vielmehr unsere Filme auf lange Dauer zur Verfügung stellen.»

Wie Filmingo erreicht auch Cinefile seit der Pandemie rund sechsmal mehr Publikum als davor. Dabei scheint vor allem die ältere Generation während der Pandemie das Streaming für sich entdeckt zu haben. Die drei Schweizer Arthouse-Streamingdienste treten gegen die Marktmacht grosser Konzernportale wie Disney +, Apple TV und Netflix an. Die einheimischen Alternativen richten sich jedoch an ein ausgewähltes Publikum, und statt auf Serien setzen sie auf eingekaufte Kinofilme, die ihre Auswertung im Kino schon hinter sich haben. Der Boom bei diesen lokalen Streaminganbietern ist deshalb kein Untergangsszenario fürs Kino – sondern ein Hoffnungsschimmer. Schliesslich unterstützen sich hier beide gegenseitig.

Die drei Schweizer Streamingdienste stehen auf unterschiedliche Weise für die einheimische Kinolandschaft ein: Während hinter Myfilm ein Kino steht, können NutzerInnen bei Cinefile ihr Lieblingskino wählen und die Erträge zur Hälfte dorthin schicken. Und bei Filmingo fliesst ein Teil der Einnahmen als Lizenzabgaben zu Schweizer Verleihern, denen mit den Kinoschliessungen ebenfalls das Kerngeschäft weggebrochen ist. Doch trotz der stark gestiegenen Nutzung wirft das Streaming nur einen Bruchteil dessen ab, was ein Film im Kino einspielt. Ein Arthousefilm kostet im Stream nur halb so viel wie ein Kinobillett, zudem bezahlt man nur pro Film, nicht pro Person.

Reich werden mit Streaming nur die mächtigsten Anbieter wie Netflix: Der kalifornische Konzern meldete 2019 einen Jahresumsatz von 21 Milliarden Franken, das liegt in der Grössenordnung des Bruttoinlandsprodukts von Bosnien und Herzegowina. Für 2020 dürfte dieser noch übertroffen werden, Netflix nähert sich nun der Grenze von weltweit 200 Millionen Abos. Wer lieber Arthousefilme streamt, findet bei Filmingo, Myfilm und Cinefile lokale Alternativen, die erst noch regelmässig ihre Steuern zahlen. Doch das Kino retten können auch sie nicht. Das kann langfristig nur das Publikum.

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