Nr. 35/2020 vom 27.08.2020

Dieses Sudoku macht Lärm

Endlich wieder Blockbuster: In «Tenet» von Christopher Nolan wird zwar ganz banal geballert – aber auch ständig der Lauf der Zeit umgedreht, bis das Hirn verknotet. Der Film soll nun die Kinos aus der anhaltenden Pandemiedepression retten.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Und plötzlich ist es doch wieder ein klassischer Agententhriller: John David Washington in einer Szene aus «Tenet». Still: Warner Bros.

Und wer wird die Botschaft dann empfangen? So fragt eine Figur einmal, als sie mit einem Handy durch das komplizierte Zeitgeflecht in diesem Film telefonieren soll. Klare Antwort: «Die Nachwelt.»

Dafür, dass es hier gerade wieder mal gilt, die Vernichtung des Planeten abzuwenden, ist dieser kurze Moment in «Tenet» von cooler Beiläufigkeit. Andererseits kann man hier auch die Grossspurigkeit eines Regisseurs herauslesen, der an dieser Stelle unmissverständlich seine genialischen Ambitionen im Drehbuch untergebracht hat. Die Botschaft wird erst bei der Nachwelt ankommen? So ungeniert wie Christopher Nolan hat schon lange niemand mehr seine Überzeugung kundgetan, dass er mit seinem Werk der Zeit halt weit voraus sei.

Neunmalkluges Überwältigungskino

Während nun die Figuren in «Tenet» den Dritten Weltkrieg abwenden sollen, lastet auf dem Film selber eine ähnlich titanische Last. Er soll die Kinos, nicht zuletzt die Multiplexe, möglichst weltweit aus ihrer anhaltenden Pandemiedepression retten (vgl. «Verschieben – oder direkt ins Heimkino?» im Anschluss an diesen Text). Und von allen grossen Namen des Gegenwartskinos kann man sich gerade niemanden vorstellen, der für diese Mission besser geeignet wäre als der Mainstream-Auteur Christopher Nolan. Erstens, weil er – darin ist er ein eingefleischter Konservativer – bei jeder Gelegenheit die Fackel des Kinos hochhält: Er legt Wert darauf, weiterhin auf Film zu drehen, und es kommt für ihn auch nicht infrage, dass seine Filme anders als auf der möglichst grossen Leinwand starten, etwa auf irgendeiner Streamingplattform. Zweitens aber auch, weil sein neunmalkluges Überwältigungskino zwar für die Multiplexe gemacht ist, aber die Ansprüche der kleineren Independentkinos genauso zu erfüllen vermag.

Kommt hinzu, dass «Tenet» so gut wie unspoilerbar ist: viel zu kompliziert, als dass man zu viel verraten könnte. Gilles Deleuze hatte gewiss nicht Filme wie «Tenet» vor Augen, als er einst schrieb, das Wesen des Kinos bestehe darin, «einen Schock im Denken entstehen zu lassen» und «Vibrationen auf die Gehirnrinde zu übertragen». Was das Denken angeht, so hat es Christopher Nolan mit seinen Filmen auch nie so sehr auf einen Schock angelegt als vielmehr darauf, uns Knoten ins Hirn zu drehen. Gleichwohl baut der fünfzigjährige Engländer seine Blockbuster als generalstabsmässig produzierte Experimentalfilme, in denen Zeit und Raum gestaucht, gefaltet und labyrinthisch ineinander verschachtelt werden. So hat die Kritikerin Jessica Kiang jüngst für Nolans Kino den ebenso drolligen wie präzisen Begriff vom «intellectacle» erfunden, ein Kofferwort aus «Intellekt» und «Spektakel».

Sein neustes Intellektakel kommt daher wie ein krachendes Sudoku, und das Zauberwort im Film lautet: «umgekehrte Entropie». Soll heissen, manche Objekte und bald auch Menschen in «Tenet» bewegen sich auf der Zeitachse rückwärts durch den Raum. Eine Patrone löst sich aus dem Einschussloch und fliegt zurück in den Lauf einer Pistole, solche Sachen. Oder da liegt ein verunfalltes Auto vor dir auf der Fahrbahn, und wie du ihm entgegenfährst, wird es wie von Zauberhand emporgehoben und überschlägt sich rückwärts, bis es wieder intakt ist: ein Crash bei übersetzter Geschwindigkeit, aber unter umgekehrten Vorzeichen.

Ereignisse rückgängig machen, den Zeitverlauf umkehren: Das ist ein Traum, so alt wie die Menschheit, zugleich ist es der älteste Spezialeffekt in der Filmgeschichte. Erst mit dem Kino wurde es möglich, diese Fantasie derart augenfällig ins Bild zu setzen, man musste den Film einfach nur rückwärts abspulen. Die intellektakuläre Wette, die Nolan in «Tenet» wagt, läuft nun darauf hinaus, dass er in entscheidenden Szenen zwei entgegengesetzte Zeitrichtungen in derselben Einstellung ablaufen lässt. Wenn es also in diesem Film einmal heisst, wir müssten einfach aufhören, linear zu denken, so stimmt das gerade nicht: Die Zeit in «Tenet» läuft ja weiterhin linear – nur manchmal halt in beide Richtungen gleichzeitig, wie man ja auch das Palindrom im Titel von hinten wie von vorne lesen kann.

Aber dass die Zeit in einer Szene zugleich vorwärts und rückwärts abzulaufen scheint: Können wir das überhaupt denken? Oder übersteigt das unsere Wahrnehmung? Nicht unbedingt, eine solche Gegenläufigkeit im Gleichzeitigen beobachten wir ja tagtäglich. Die politischen Aushandlungen unserer Gegenwart sind gezeichnet von einer Gleichzeitigkeit zwischen progressiven und reaktionären Kräften. Und auf einer elementaren Ebene ist «Tenet» in diesem Sinn tatsächlich als universelle politische Allegorie für unsere Zeit angelegt. Da gibt es die, die im Film den Lauf der Zeit buchstäblich umdrehen wollen; und es gibt die, die gegen dieses reaktionäre Unterfangen die Zukunft sichern sollen – eine Zukunft allerdings, bei der man sich auch immer fragen muss, ob sie nicht geradewegs in den Kollaps führt.

Nur interessiert sich Nolan natürlich nicht wirklich für solche Implikationen, weil er hinter seinem aufwendig hergeleiteten theoretischen Gerüst dann doch viel zu tief in den abgegriffenen Motiven des Actionkinos feststeckt. Das war ja damals schon bei «Inception» (2010) latent frustrierend: Da warf Nolan eine riesige Imaginationsmaschine aus ineinander verschachtelten Traumebenen an, aber spätestens auf dem dritten Level des Unbewussten lief das Geschehen dann auch nur nach den Codes eines beliebigen Actionfilms ab. Schiessereien, Verfolgungsjagden, Explosionen, das übliche Bubenprogramm halt.

Jetzt, in «Tenet», wird der ganze Überbau zur Umkehrbarkeit der Zeit vollends zum Alibi für einen klassischen Agententhriller samt einschlägiger Materialschlacht. Oder positiv gewendet: Weil der erste schwarze James Bond weiterhin auf sich warten lässt, hat Nolan schon mal vorgegriffen und schickt jetzt John David Washington («BlacKkKlansman») als namenlosen Geheimagenten auf einen bondtypischen Jetset-Stuntparcours zwischen Kiew, Mumbai, Oslo und der Amalfiküste.

Es geht dabei um so althergebrachte Wertstoffe wie Gold und Plutonium und um einen russischen Oligarchen (Kenneth Branagh), der als narzisstischer Selbstoptimierer nach jeder gewalttätigen Anstrengung seine Pulsuhr konsultiert. Nolan versucht also schon auch, die althergebrachten Motive des Spionagefilms mit zeitgenössischer Ökonomie zu verschränken. Eine besonders brachiale Szene spielt in einem Zollfreilager, wo Superreiche steuerfrei ihre Kunstschätze bunkern – aber das gipfelt dann wieder nur in einem Nahkampf in einem Korridor.

Ins Zwerchfell einmassiert

Der Auftakt mit einem Anschlag auf die Staatsoper in Kiew ist noch von virtuos orchestrierter Unübersichtlichkeit. Das temporale Zangenmanöver beim Finale ist dann nur noch unübersichtlich. Und wie so oft bei Nolan wird unterwegs wahnsinnig viel referiert, etwa über die Inversionsschleusen, in denen die Umkehrung der Zeit erfolgt. Aber wozu dieser ganze erklärende Apparat, wo doch die Wissenschaftlerin (Clémence Poésy), die dem Protagonisten anfangs die Sache mit der Entropie erklärt, diesem gleich auch den Rat gibt, er solle gar nicht erst versuchen, das Phänomen zu verstehen: «Don’t try to understand it. Feel it.»

Fühlen wirs also? Wenn, dann liegt das vor allem am bombastisch pulsierenden Soundtrack von Ludwig Göransson, der den Bildern permanent eine Wucht unterstellt, oft auch dort, wo gar keine da ist. Die Vibrationen, von denen Deleuze schrieb, sie werden in «Tenet» vom Soundsystem ins Zwerchfell einmassiert. Die Hirnrinde wird bloss betäubt.

Jetzt im Kino.

Blockbuster

Verschieben – oder direkt ins Heimkino?

Von den drei grössten Blockbustern dieses Jahres, auf deren Zugkraft nicht zuletzt die Multiplexkinos gehofft hatten, ist «Tenet» mit geschätztem Produktionsbudget von 225 Millionen US-Dollar der erste seit Corona, der einen internationalen Kinostart wagt. Der Film hätte schon im Juli in die Kinos kommen sollen, wegen der Pandemie hat Warner den Start gleich dreimal verschoben. Jetzt startet er nicht weltweit mehr oder weniger gleichzeitig, wie das bei Filmen dieser Grössenordnung üblich war, sondern schrittweise überall dort, wo die Pandemie einen Kinostart überhaupt zulässt.

Bereits im Februar hätte Universal den neuen Bond, «No Time to Die» (Budget: 250 Millionen Dollar), in die Kinos bringen sollen. Das Studio hat den Start schon einige Wochen vor Ausbruch der Pandemie zurückgezogen und wurde damals für diese vermeintlich überstürzte Massnahme mit Spott eingedeckt. Der Film wurde zunächst auf April verschoben, kurz vor dem Lockdown im März wurde der Start dann in den November verlegt.

Disney wiederum hat den Start seiner Neuverfilmung von «Mulan» (Budget: 200 Millionen Dollar) bis auf einige Länder kurzerhand auf seinen neuen konzerneigenen Streamingdienst Disney+ verlegt. Für AbonnentInnen in der Schweiz ist der Film nun ab 3. September erhältlich, gegen einen Aufpreis von 29 Franken. Für kleinere Kinos wie das Zürcher Houdini, wo «Mulan» auch hätte laufen sollen, ist dieser Rückzug «wirtschaftlich kein grosser Verlust», wie Res Kessler, Geschäftsführer der Neugass Kino AG, sagt. Auf Anfrage wollten weder Kitag noch der Branchenleader Pathé die damit verbundenen Einbussen kommentieren.

Florian Keller

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