Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

Italiens Exportschlager

Von Sebastian Friedrich

Der englische Historiker Perry Anderson sagte einmal, die politische Situation in Italien sei ein Konzentrat der europäischen. Dieser Auffassung folgt auch der Publizist Jens Renner in seinem neuen Buch über die italienische Rechte. Im Mittelpunkt stehen deren jüngster Aufstieg und die Frage, inwieweit dieser vergleichbar mit jenem Mussolinis ist.

Renner, der regelmässig für die WOZ über Italien schreibt, urteilt abwägend: Es gebe durchaus Überschneidungen – ideologische wie auch hinsichtlich des Zusammenspiels von staatlicher und selbstorganisierter Gewalt. Dennoch bestehe vonseiten der traditionellen Elite aktuell kein grosses Interesse an einer offen faschistischen Diktatur. Mit der Lega und den stärker werdenden Fratelli d’Italia gebe es jedoch das realistische Angebot eines offiziell demokratisch legitimierten, letztlich aber autoritären Regimes.

Ein solches dürfte wohl dem Lega-Politiker Matteo Salvini vorgeschwebt haben, als er die Koalition mit dem Movimento Cinque Stelle (M5S) 2019 aufkündigte. Doch er verzockte sich: Anstatt dass es Neuwahlen gab, fand das M5S mit dem Partito Democratico einen neuen Koalitionspartner. Damit ist die autoritäre Gefahr Renner zufolge zwar nicht verschwunden, doch immerhin hätten linke Gegenkräfte Zeit gewonnen. Diesen widmet Renner ein weiteres Kapitel, dessen Fazit angesichts der schwierigen Lage der Linken nicht gerade euphorisch ausfällt.

Renner informiert kenntnisreich und gibt so einen ausgezeichneten Überblick über die Entwicklungen der vergangenen Jahre. Das Buch ist hochaktuell, selbst die Reaktionen der Rechten auf die erste Welle der Coronapandemie skizziert der Autor in einem kurz vor Drucklegung hinzugefügten Epilog. Zudem hat er seiner Analyse ein aufschlussreiches Kapitel über die Vorgeschichte des jüngsten Aufstiegs der Lega vorangestellt. Darin macht Renner klar, wie dauerhaft der Politikstil Silvio Berlusconis die politische Kultur in Italien geprägt hat. Und nicht nur dort: Der Berlusconismus ist ein Exportschlager der Rechten, weit über Europa hinaus.

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