Nr. 26/2021 vom 01.07.2021

Hoffnung der Faschisten

Die Chefin der postfaschistischen Fratelli d’Italia hat schon den Rechtspopulisten Matteo Salvini überholt – und sie will noch mehr: Italien regieren.

Von Jens Renner

Ihre AnhängerInnen sähen in ihr eine moderne Jeanne d’Arc, sagt Giorgia Meloni. Foto: Alberto Lingria, Reuters

An Machtbewusstsein mangelt es ihr nicht. Die heute 44-jährige Giorgia Meloni meinte schon vor Jahren, dass sie sich das Amt der Regierungschefin durchaus zutrauen würde – wenn man sie denn rufen würde. Doch man rief sie nicht: Melonis Partei, die postfaschistischen Fratelli d’Italia (FdI), erreichte im März 2018 gerade mal 4,3 Prozent der Stimmen.

Das könnte sich mittelfristig jedoch ändern. Nach aktuellen Umfragen liegt der WählerInnenanteil nun bei zwanzig Prozent und die FdI damit fast gleichauf mit dem Partito Democratico (PD) und knapp vor Matteo Salvinis rechtspopulistischer Lega. Zusammen mit Silvio Berlusconis Forza Italia käme der Rechtsblock auf die Hälfte der Stimmen. Das würde für eine Mehrheit im Parlament reichen, womit eine von Meloni angeführte Regierung mehr als ein Gedankenspiel wäre. Zumal Melonis persönliche Umfragewerte ebenfalls steigen – zum Missfallen ihres Verbündeten und Rivalen Salvini. Eher würden Ausserirdische in Italien landen, als dass Meloni populärer würde als er, meinte er noch unlängst. Nun liegt sie auf einer Beliebtheitsskala sechs Prozentpunkte vor ihm – hinter Premierminister Mario Draghi und dessen Vorgänger Giuseppe Conte auf Platz drei. Salvini hat sich blamiert.

Rhetorisch äusserst flexibel

Im Mai beglückte Meloni ihre Fans mit einem mehr als 300 Seiten starken Buch, das sofort zum Bestseller wurde: «Io sono Giorgia. Le mie radici, le mie idee» (Ich bin Giorgia. Meine Wurzeln, meine Ideen) ist eine Mischung aus Autobiografie und politischem Manifest. Mit «Ich bin» beginnen auch die sechs Kapitelüberschriften – die Autorin ist: Giorgia, Frau, Mutter, rechts, Christin, Italienerin. Geboren 1977 in Rom, trat sie mit 15 Jahren in die Jugendorganisation des neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI) ein; 2006 wurde sie nationale Abgeordnete der aus dem MSI hervorgegangenen Alleanza Nazionale (AN) und nach den Neuwahlen 2008 mit nur 31 Jahren Jugendministerin in der Regierung Berlusconi.

Ende 2011 trat sie zurück und verliess das aus Forza Italia und AN gebildete Rechtsbündnis Popolo della Libertà. Ein Jahr später folgte der Schritt, von dem sie jetzt mit viel Pathos erzählt: die Gründung der Partei Fratelli d’Italia, benannt nach der ersten Zeile der italienischen Nationalhymne. Zuerst als Parteisoldatin gestartet, habe sie 2014 nicht aus persönlichem Ehrgeiz den Parteivorsitz übernommen, sondern um die italienische Rechte – und vor allem das geliebte Vaterland – zu retten. Sie schildert anfängliche Selbstzweifel und Tränen nach Niederlagen, aber auch die heutigen Lobeshymnen glühender AnhängerInnen, die in ihr eine moderne Jeanne d’Arc sähen.

Meloni begegnet ihren politischen GegnerInnen rhetorisch äusserst flexibel. Mal zitiert sie wohlwollend linke Vordenker wie Gramsci, Pasolini und Brecht, dann wieder geisselt sie den linken «Absolutismus» oder den «Fanatismus» von Black Lives Matter. Die Führungskader des Partito Democratico sind für sie «Kollaborateure», die im Auftrag ausländischer Mächte Italiens Souveränität und nationale Identität untergraben. Zu diesem Zweck würden sie massenhaft Fremde ins Land holen, Regenbogendiversität propagieren und so die natürliche Ordnung gefährden. Meloni setzt dem die ultrareaktionäre Formel «Gott, Vaterland, Familie» entgegen.

Faschistische Helden

Die italienische Rechte sieht sie in einer Art Endkampf gegen den fortschreitenden Niedergang der Nation, der zu einer von «Patrioten» erstrittenen nationalen Wiedergeburt führt; für den britischen Historiker Roger Griffin gehört diese Erlösungsvision zum Kern faschistischer Weltanschauung. Auch alte Kämpfer von Benito Mussolinis Sozialrepublik gehören zu Melonis Idolen, allen voran Giorgio Almirante, 1944 Kabinettschef im Propagandaministerium, erklärter Rassist und Antisemit, Mitgründer des MSI und lebenslang Bewunderer von Militärdiktaturen.

Mit ihrer demonstrativen Treue zu faschistischen Helden wurde Meloni auch zur Hoffnungsträgerin noch weiter rechts stehender Kleinparteien. Zwar sehnen sich diese traditionell nach dem starken Mann; da Salvini in ihren Augen jedoch Schwächen zeigt, würden sie Meloni ohne Zweifel folgen, sollte sie das Steuer übernehmen. So weit ist es noch nicht. Bis jetzt gehen die Zugewinne der FdI vor allem zulasten der Lega. Doch es ist vorstellbar, dass die PostfaschistInnen auch in der Mitte weitere Stimmen holen. Mit ihren Tiraden gegen «illegale Einwanderung», «Political Correctness» und «Cancel Culture» sind sie nicht weit vom Mainstream entfernt.

Als selbstbewusste, relativ junge Frau ist Giorgia Meloni prädestiniert, WählerInnen auch ausserhalb des rechten Lagers anzusprechen. Wie ihr Buch zeigt, beherrscht sie zudem unterschiedliche Tonlagen. Sie sei furchtlos, nicht erpressbar und nicht allein, lobt sie sich am Ende des Buches selbst – und: «Immer wurde ich unterschätzt, und das ist letztlich ein grosses Glück.» Diese Warnung sollte ernst genommen werden.

Von Jens Renner erschien kürzlich das Buch «Die Linke in Italien. Eine Einführung». Mandelbaum Verlag. Wien und Berlin 2021. 176 Seiten. 17 Franken.

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