Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

Alligatoren fischen auf der Insel

Von Timo Posselt

Für Grossmutter Cornelia gibt es zwei Typen Menschen: die «Binyas» und die «Comyas». Die Binyas leben seit Generationen auf der Atlantikinsel Sapelo, Comyas sind Ankömmlinge. Als Dorfälteste ist Grossmutter Cornelia eindeutig eine Binya, und ihr Gegenüber, der Zürcher Regisseur Nick Brandestini, ein Comya.

Knapp fünfzig Seelen leben auf der Insel vor der US-Südostküste, darunter der zehnjährige Jonathan und der elfjährige Jermarkest. Die beiden sind Adoptivsöhne von Cornelia, und auf ihren Schultern ruhen die Hoffnungen für den Fortbestand der Schwarzen Community der Insel. Im Film folgen wir den beiden Jungen auf Austernsuche, rattern mit ihnen im Golfbuggy durch Alleen aus flechtenverhangenen Virginiaeichen und trauen unseren Augen kaum, als sie mit einer Angelschnur einen Alligator fischen. Ihre sorglose Jugend zwischen Sümpfen und Salzwiesen, dem fast leeren Schulbus und der Fähre aufs Festland endet im Teenageralter. Dann beginnen auch die Spannungen.

Regisseur Brandestini reiste über Jahre hinweg immer wieder auf die Insel, und das Vertrauen der beiden Jungen, das er dabei gewann, ist in seinem Film fast mit Händen zu greifen. Dennoch bleibt sein Blick wohltuend unaufdringlich. Vielleicht weil Brandestini nicht auf Eindeutigkeit vertraut, sondern auf das suggestive Potenzial einzelner Szenen. So spinnt er zwischen die Fäden des Dorfgeflechts beeindruckende Naturaufnahmen, die mit wogenden Synthesizerklängen unterlegt sind, und der Überwältigungseffekt wirkt, als hätte «Planet Erde» Pate gestanden.

Doch dieses Kreisen der Kamera in der Luft widerspiegelt auch die Erzählweise des Films: Statt die Inselcommunity auf ein Schicksal festzusetzen, umkreist «Sapelo» ihr Leben mit Neugier und Unvoreingenommenheit. Der Preis dafür ist, dass einiges unerzählt bleibt. Am Ende scheint nur etwas sicher: Cornelias Unterscheidung zwischen Comyas und Binyas wird für die nächste Generation eine andere sein.

Streaming: So, 24. Januar 2021, ab 12 Uhr für 72 Stunden auf www.solothurnerfilmtage.ch.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch