«Es ist kalt in Brandenburg (Hitler töten)» : Die Vergangenheit vergegenwärtigen

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Der Neuenburger Theologiestudent Maurice Bavaud plante 1938 mehrere Attentate auf Hitler. Alle Versuche scheiterten, er wurde verhaftet und im Frühling 1941 mit 25 Jahren in Berlin-Plötzensee hingerichtet, ohne dass die Schweizer Behörden sich für ihn eingesetzt hätten. 1980 ging der Regisseur und Produzent Villi Hermann, Ehrengast der diesjährigen Solothurner Filmtage, mit Niklaus Meienberg und Kameramann Hans Stürm den Spuren Bavauds nach. In ihrem Dokumentarfilm zeigen sie auch auf, wie die Verbrechen des «Dritten Reichs» in Deutschland und der Schweiz zur Zeit der Dreharbeiten wahrgenommen werden.

Zur filmischen Geschichtsschreibung gehört die Zusammenarbeit mit Schauspieler Roger Jendly, der in schlichten Inszenierungen aus Bavauds Briefen und anderen historischen Dokumenten liest. Er fungiert auch als Vermittler, als das Filmteam Bavauds Geschwister besucht, um ihnen ihr Vorhaben, «die Geschichte auf ungewöhnliche Art zu präsentieren», zu erklären. Ob er dem Bruder gleiche, fragt Jendly. «Pas du tout!», antwortet die Familie. Und genau diese Tatsache sollte dazu beitragen, kritische Distanz zu wahren. Immerhin bezieht sich die Recherche zum Teil auf Gestapo-Akten, deren Darstellung hinterfragt werden muss.

Mittels Archivmaterial und in Interviews mit ZeitzeugInnen, aber auch durch ungewöhnlichere Quellen wie Grabinschriften von gefallenen NS-Soldaten gelingt dem Film eine aufwühlende Darstellung der Mentalität während des Nationalsozialismus. Zugleich werden die Spuren jener Zeit auch in der Gegenwart freigelegt: in der Verharmlosung des NS-Regimes, die in Gesprächen mit MitläuferInnen zum Ausdruck kommt, aber auch in der Weigerung der offiziellen Schweiz, sich mit ihrer Rolle im Zweiten Weltkrieg sowie mit dem Militarismus im Kalten Krieg auseinanderzusetzen. Der Film wurde von konservativen Kreisen als kontrovers oder sogar tendenziös gewertet.

Aus heutiger Sicht ist «Es ist kalt in Brandenburg (Hitler töten)» doppelt wertvoll: Der Film zeigt nicht nur, wie die Vergangenheit in der Gegenwart nachwirkt, sondern auch, wie jede Geschichtsschreibung zum Dokument ihrer Zeit wird.

Streaming: Mo, 25. Januar 2021, ab 12 Uhr für 72 Stunden auf www.solothurnerfilmtage.ch.

Es ist kalt in Brandenburg (Hitler töten). Villi Hermann, Niklaus Meienberg und Hans Stürm. Schweiz 1980