Nr. 04/2021 vom 28.01.2021

Fertig Südstaatenflagge

Warum diverse Schweizer Shops das Symbol von Sklaverei und Rassismus in ihrem Sortiment führen. Und wieso das ein Problem ist.

Von Hans Fässler

Die Anbieter heissen Flaggenplatz, Militärshop, Fahnendiscount oder Ricardo und haben gemeinsam, dass sie im Internet für die Schweiz Südstaatenflaggen anbieten. Diese gibt es in verschiedenen Grössen und Varianten: auf Super-Light-Stoff mit Ösen, als Tischflagge mit Fuss, als Badetuch oder Gürtelschnalle, auf T-Shirts und zusammen mit dem Schweizer Kreuz als «Freundschaftspin Schweiz-Südstaaten» aus Hartemaille. «Kleine Anstecker sagen oft mehr als viele Worte», erläutert ein Anbieter und hat damit erst mal recht.

An ein Dutzend dieser Shops habe ich ein Mail geschrieben. Die letzten Tage von Donald Trump schienen geeignet, der gewählte Ton war drohend: «Auf Ihrer Website bieten Sie die Südstaatenflagge in vielen Varianten an. Ist Ihnen bewusst, dass sie das Symbol für die Sklavenhalter des Südens ist und für die Verteidigung eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit steht? Ich erwarte eine Antwort und bin auch bereit, die Tatsache, dass Sie mit dieser Fahne, mit der auch das Kapitol gestürmt wurde, ein Geschäft machen, zu einem journalistischen Thema zu machen. Auch eine Nicht-Antwort wäre eine Antwort.» Ich erwartete kaum Rückmeldungen, und wenn schon, dann erst nach längerer Zeit und mit allenfalls formaljuristischen Argumenten.

Nach einer Stunde kam schon die erste Antwort: Man vertrete keine politische Meinung zur Südstaatenflagge und werde auch in Zukunft keine politischen Meinungen zu anderen Flaggen wie zum Beispiel jener des Iran oder von Nordkorea vertreten. Eine halbe Stunde später schickte ich meine Replik: «Ihre ‹neutrale Position› kann man natürlich vertreten. Man könnte aber damit auch den Verkauf von Reichsflaggen und Hakenkreuz-Nationalflaggen rechtfertigen. Natürlich werden Sie sagen, diese stünden für ein verbrecherisches Regime. Stimmt. Und dasselbe gilt für die Südstaatenflagge.»

Eine Antwort darauf blieb aus, dafür kamen bald weitere und erstaunliche Reaktionen herein. Drei Anbieter erklärten, dies sei ihnen bisher nicht bewusst gewesen, und sie würden die Artikel aus dem Angebot entfernen. Was dann auch innert Stunden umgesetzt wurde. Ein weiterer versicherte, man wisse, dass diese Fahne negativ assoziiert sei, sie sei aber eben historisch. Trotzdem werde man sie aus dem Sortiment nehmen. Und nochmals zwei Anbieter versprachen, man werde prüfen, wie man diese problematischen Artikel künftig handhaben werde.

Mit einigen Flaggenshops kam es zu interessanten Mailwechseln: über historische Flaggen für Filmaufnahmen und über die Veränderungen auf dem Südstaatenflaggenmarkt nach dem Verbot derselben in vielen US-Bundesstaaten. Auch lernte ich ein neues Wort: «Vexillologie» (die Kunde von Fahnen und Flaggen). Zu gern hätte ich die Anbieter, die die Flagge aus ihrem Sortiment genommen haben, hier lobend erwähnt und etwas Werbung für gebeutelte KMUs gemacht. Allein, sie fanden allesamt, dass sie durch ein solches Lob auf der rechten Seite mehr Kundschaft verlieren als auf der linken gewinnen würden.

Mit einem Anbieter kam es zu einem langen Telefonat, in dem wir herauszufinden versuchten, was denn die Faszination der Südstaatenflagge in der Schweiz ausmacht. Der Herr sprach von Lebensgefühl und Countrymusik, von der Freiheit der Biker und vom Rebellentum. Was halt eben perfekt zum Mythos des rassistischen Südens passt: Der Bürgerkrieg wurde von einer militärischen Auseinandersetzung um die Fortführung eines Menschheitsverbrechens umgedeutet zum Versuch der Konföderierten, ihre Kultur weiterleben zu können. Aber der romantisierte «Lost Cause» war eben nichts anderes als die Herrschaft der Sklavenhalter.

1900 war das Andreaskreuz mit den dreizehn Sternen zum «Blood-Stained Banner», zum Symbol der Jim-Crow-Gesetze, der Lynchjustiz und des Ku-Klux-Klans geworden. 2020 war es untrennbar auch mit dem Massenmörder Dylann Roof, mit weissen Suprematisten und bewaffneten Putschisten verbunden. Schön, wenn man von ihm bald sagen kann: Gone with the wind!

Hans Fässler (66) ist Historiker, Politiker und Kabarettist in St. Gallen. Er setzt sich seit rund zwanzig Jahren mit der Beteiligung der Schweiz an der Sklaverei auseinander.

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