Nr. 05/2021 vom 04.02.2021

Lebensmotto: Eigenverantwortung

Von Sibylle Berg (Text) und Julius Thesing (Illustration)

Da läuft Ruth Humbel,

ein Name wie ein sanfter Sommerwind – der ein Bienenjunges von einer Blüte stupst,

hinter dem sich eine gestählte Sportlerin verbirgt.

Geformt das Denken und Handeln vom Prinzip des Wettbewerbs, Kampf und Sieg, das sportliche Gefühl der Überlegenheit dem Verlierer gegenüber. Leistungssport ist Bewegung gewordener Kapitalismus. Darum rennen und hüpfen und schiessen sie alle – die Manager und CEOs und alerten PolitikdarstellerInnen.

Das nur am Rande.

Frau Humbels Lebensmotto ist die: Eigenverantwortung.

Oder auch: «Lüäg du fär du.»

Das Wort, eingeschweisst in die roten Möbel-Pfister-Stahl-Sofas in Humbels Schweizer Zuhause, das schöner ist als jedes Zuhause, denn es ist ein Schweizer Zuhause.

Auf dem Sofa steht sie manchmal, denn sitzen ist für Versager, und hört: Beifall.

Grandios laut und nicht mehr in Dezibel messbar.

In Gedanken klatscht die Welt für sie.

Frau Humbel.

Schweizerin, gesund und Christin.

Wir klatschen für ChristInnen. Den inneren Mantel, den sie theoretisch an Bedürftige reichen.

Frau Humbel ist Mitte-Mitglied (bis Ende 2020 CVP), Vorsitzende der Gesundheitskommission, in der neben ihr noch über zwanzig andere Leute sitzen, die, wie Frau Humbel, den kargen Lohn der Gemeinschaft in diversen Gremien von privatwirtschaftlichen Unternehmen, die irgendwie im Gesundheitsgeschäft operieren, aufbessern müssen.

Wir klatschen für den Einsatz!

Ruth Humbel engagiert sich wie kaum eine gegen alle, die ohne Privilegien sind, ohne Kapital, die krank sind, verzweifelt, fremd und allein darum.

Stichwort: Verschärfung des Asylgesetzes, Stichwort: Masseneinwanderungsinitiative, Stichwort: Sozialspione.

(Die jetzt bald die pandemiebedingt in den Bankrott geratenen Selbstständigen und Kulturschaffenden und Arbeitslosen bespitzeln können, filmen können, die dann wiederum selber Sozialdetektive werden können, was dann wieder ein Ausgleich der Märkte ist. Prost auf die Märkte.)

Sie kämpft mit einer Armee der leistungstragenden SchweizerInnen, also Versicherungen, Privatwirtschaftenden, Gewinnern, gegen jene, die es mit der Eigenverantwortung versaut haben. Denn:

Jeder kann hier alles werden.

Dem Pflegepersonal, das wirklich mehr als genug verdient, steht es frei, sich nach Überstunden in den überbelegten Spitälern zu ChefärztInnen weiterzubilden. Die Spitäler können sich alle in börsennotierte Unternehmen verwandeln.

Jeder kann ein verdammtes börsennotiertes Unternehmen werden, wenn er sich Mühe gibt.

Keiner ist gezwungen, zu den mindestens 60 000 coronaruinierten NeubewerberInnen um Sozialhilfe – Selbstständige, Taxifahrer, Kinobetreiber, Choreografinnen und so weiter – zu werden. Und um Sozialhilfe zu betteln. Und dann von Frau Humbels Sozialdetektiven ausspioniert zu werden.

Wir klatschen für Frau Humbel, die es vielleicht gut meinte, in ihrem Glauben an ein sauberes schönes Land, ohne Glencore und Hetze, ohne wasserprivatisierende Mistfirmen und Autobahnen durch heile Täler. Sie hat das sicher alles nicht gewollt. Die ermatteten Menschen, die einander im kriechenden Wettbewerb am Weg liegen lassen, das ist doch einfach so passiert, dass die KleinbürgerInnen einander Feinde sind im Rennen um ihr Überleben.

Egal, wir klatschen auch dafür mal.

Und für Frau Humbel, die irgendwann die Orientierung verloren hat, im langen Lauf um ihr Leben, im Dienste des Volkes.

Aber sie kämpft weiter.

Stellvertretend für alle, die dazugehören wollen –

zu den zehn Prozent, die über mehr verfügen als der Rest. Mehr Kapital, mehr Vermögen, mehr Macht. Wie gut das klingt, wie weh es tut, zu ahnen, dass man immer nur nach unten treten kann, und austauschbar ist, wie all die Politiker, Managerinnen, die Marathonläufer und Schwimmerinnen und ehemaligen Nationalkader. Ich habe eine traurige Nachricht für euch: Die richtig Reichen machen keinen Sport, sie lassen machen. Und zwar euch!

Sibylle Berg lebte in Ostdeutschland, Konstanz und Tel Aviv und wohnt seit langem in der Schweiz. Sie brach wie alle Start-up-EntwicklerInnen ihr Studium (Ozeanografie) ab und entwickelte keine Plattform, sondern schreibt Bücher und Theaterstücke.

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