Nr. 22/2021 vom 03.06.2021

Selbst die Vögel singen nur in genehmigten Zeitfenstern

Von Sibylle Berg (Text) und Julius Thesing (Illustration)

Da steht Karin Keller-Sutter –

ihr Denkmal glänzt golden am Zürcher Paradeplatz, der Kathedrale des Vermögens, des Eigentums, das in der Schweiz heilig ist. Im Sockel in Gold graviert: «Der Hüterin». Schöne Sache.

Die Bevölkerung reist einmal im Jahr zum Denkmal, um Blumen abzulegen. Sie sind voller Dankbarkeit für dieses schöne Land. Und machen Selfies, beim Blumenablegen. Sie formen ein Herz mit den Fingern. Nach Ablage der floralen Gestecke entfernen sich die Menschen gesittet. Es ist still. Nicht einmal die Trams quietschen mehr.

Die Menschen kontrollieren sich, die Trams dito, selbst die Vögel singen nur in genehmigten Zeitfenstern.

Das ist Frau Keller-Sutters Verdienst.

Die Manifestation ihrer lebenslangen Vision. Der absoluten Abwesenheit von wirtschaftlichen Störfaktoren. Wie zum Beispiel – den unberechenbaren Menschen.

Keller-Sutter hat mit unzähligen Gesetzen, Vorlagen –

vermutlich in solidarischer Zusammenarbeit mit der Industrie, mit Geheimdienst, Polizei, dem Militär, vielleicht den Lobbys des Wirtschaftsstandorts Schweiz – erstritten, erflunkert, was das Land so lebenswert macht.

Hurra. Sicher meinte sie es gut. So wie es ja alle irgendwie gut meinen, selbst wenn die Atombomben auf Länder werfen. Oder Hundebabys ertränken.

Die neugedachte Schweiz, in der Konzerne und Aktionäre die Friedlichkeit feiern. Kein Unternehmen war mehr für Umweltschäden oder sagen wir – für irgendetwas ausser den fairen Wettbewerb verantwortlich. Weder im Ausland noch im eigenen Land. Das fand die Bevölkerung gut. Denn der Wohlstand der Wirtschaft war ihr Wohlstand. Der gesichert werden musste. Sicherheit. Wie gut das klingt.

Nach der Einführung der neuen E-ID kamen die Nanobots. Sie ersetzten Ausweis, Geld, und natürlich war das Antiterrorgesetz ausgebaut worden – zusammen mit der Komplettüberwachung des Denkens, des Handelns in jeder Sekunde. Von jedem. Na ja, fast jedem.

Die Menschen haben sich daran gewöhnt.

Zuerst an die biometrischen Kameras, die nun jeden Winkel vor und in jedem Gebäude erfassten, die Trams, die Züge, die Autos, dann kam die Gotham-Software in die Polizeirechner, die jede Bewegung eines jeden erfasste, den Besuch jeder Seite, jedes Mail, jeden Chat, damit wurden Verbrecherprofile angelegt. Das Predictive Policing erledigte den Rest.

Das Volk wurde zu potenziellen GefährderInnen. Acht Millionen Leute, die irgendwann aus irgendwelchen Gründen eine Straftat begehen würden. Von Steuerhinterziehung bis Überqueren der Strasse bei Rot.

Jährlich werden nun Tausende prophylaktisch in Hausarrest gesetzt, dürfen das Land, ihr Viertel, nicht verlassen. Bekommen keinen neuen Mietvertrag oder keine Hypothek, oder kein Visum oder keine Behandlung im Spital.

Die schweigsamen, kontrollierten, ängstlichen BürgerInnen

treiben Sport, halten sich fit, kontrollieren sich und haben gelernt, allen zu misstrauen. Auch der eigenen Familie. Denn man wusste nie, ob nicht der Mensch, mit dem man gerade Zeit verbrachte, umstürzlerische Absichten hat. Sie haben gelernt, ungerührt an Menschen vorbeizugehen, die vielleicht gestürzt sind, auf der Strasse. Jeder konnte eine Bedrohung sein, jeder Kontakt einer zu viel. Sie zeigten einander an, wenn sie sich nicht mochten. Sie überprüften sich ständig auf ungute Gedanken oder Sätze, sodass sie das Denken irgendwann vollkommen einstellten.

Das erzeugt ein gutes, ein sicheres Gefühl. Und das ist das Land, in dem die Menschen gerne leben,

zusammen mit Firmen oder Leuten ab 100 Millionen Vermögen (Minimum).

Es herrscht so eine Ruhe vor ihren Zäunen und Gittern und Toren.

Keine Hetze im Netz, keine Demonstrationen, keine Aufrufe zum Boykott von Drecksfirmen, keine Referenden, nichts.

Die Märkte lieben Autokratien, Demokratien bringen Chaos, hat Larry Fink, der grosse Blackrock-Vordenker und Millionen-Dollar-mit-falschen-Zinsvorhersagen-Versenker, einst gesagt.

Karin Keller-Sutter hat verstanden.

Sibylle Berg lebte in Ostdeutschland, Rumänien, Tel Aviv und seit langem in der Schweiz. Sie brach wie alle Start-up-EntwicklerInnen ihr Studium ab (Ozeanografie) und entwickelte keine Plattform, sondern schreibt Bücher und Theaterstücke.

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