Nr. 07/2021 vom 18.02.2021

Waberndes Grauen

Von Timo Posselt

Blut lässt vermeintlich keine Mehrdeutigkeit zu. Als im Film «Sin señas particulares» eine Mutter an der mexikanisch-amerikanischen Grenze nach ihrem verschwundenen Sohn sucht, wird sie in ein Leichenschauhaus geführt. Dort zeigt man ihr einen Toten, und als sie ihm ins Gesicht blickt, sagt sie: «Das ist nicht mein Sohn.» Die Verantwortliche im Kühlraum widerspricht: Mit ihrer Blutprobe und jener ihres Ehemanns habe man den Toten eindeutig als ihren Sohn identifiziert. Das stellt sich später als Strategie der Behörden heraus, die Hinterbliebenen von Verschwundenen zum Verstummen zu bringen.

Im Debütfilm der Mexikanerin Fernanda Valadez kreuzen sich die Wege von Suchenden: Auch Magdalena sucht nach ihrem Sohn, der sich einige Wochen zuvor in den Norden aufgemacht und seither kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hat. Sie trifft den jungen Miguel, der geschafft hat, worauf Magdalenas Sohn hoffte: Er überquerte die Grenze in die USA. Von dort wurde er jedoch bald wieder ausgeschafft. Nach der Rückkehr sucht Miguel nach seiner Mutter. Magdalena schliesst sich ihm an, weil sie die Wahrheit über den Verbleib ihres Sohnes in Miguels Heimatdorf vermutet: in Ocampo, einem Ort wie die Hölle auf Erden. Der Taxifahrer fährt nur bis zum Ortseingang, niemand traut sich auf die Strasse, kein Bürgermeister überlebt länger als ein halbes Jahr im Amt. In einer finalen Gewaltszene kommt hier die Wahrheit über das Verbleiben von Magdalenas Sohn ans Licht.

Regisseurin Fernanda Valadez inszeniert das alltägliche Grauen in ihrem Heimatland souverän. Doch die Gründe für die seit Jahrzehnten andauernden Mordserien im Norden Mexikos bleiben im Film eigentümlich diffus. Stattdessen lässt Valadez die Kamera über Stauseen und karge Landschaften schweben oder auf den Gesichtern ihrer verzweifelten Figuren ruhen. So wabert die Allgegenwärtigkeit der Gewalt unmerklich ins eigene Wohnzimmer. Dass die Regisseurin schliesslich dennoch auf den simplen Effekt expliziter Gewalt zurückgreift, ist enttäuschend. Man hätte ihr auch ohne das spritzende Blut geglaubt.

Auf filmingo.ch.

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