Nr. 07/2021 vom 18.02.2021

Er ist wieder zurück

Albin Kurti hat sein Leben lang Widerstand geleistet – gegen serbische Polizisten, korrupte Politikerinnen und UN-Gesandte. Jetzt könnte er Regierungschef eines Staates werden, der ihn früher unter Hausarrest stellte.

Von Franziska Tschinderle

Albin Kurtis Worte nach dem Sieg waren versöhnlich und angriffslustig zugleich: «Ich werde mich an niemandem rächen, aber ich werde jeden zur Rechenschaft ziehen», sagte er in der Wahlnacht vor seinen AnhängerInnen.

Mit dem deutlichen Sieg von Kurtis Partei Vetevendosje am vergangenen Sonntag steht der Kosovo vor einer neuen Ära. Dabei wirkt das Programm, das Kurti über 47 Prozent der Stimmen sicherte, nicht revolutionär, sondern völlig selbstverständlich: den Rechtsstaat stärken und Arbeit schaffen. Mit diesem Versprechen für einen grundlegenden demokratischen Wandel konnte der seit über zwanzig Jahren politisch aktive Kurti überzeugen.

Als sich albanische Studierende 1997 gegen das serbische Regime auf‌lehnten, war Kurti, ein junger Mann mit lockiger Mähne und Karohemd, ihr Anführer. «Schon damals», sagt die Journalistin Jeta Xharra, «stand sein Name für Veränderung.» Kurtis Vater arbeitete in einem Verlagshaus, die Mutter war Lehrerin und brachte oft Bücher mit nach Hause – eine Erfahrung, die den Jungen prägte. «Konversationen mit Kurti sind, als würde man permanent Fussnoten setzen», erzählt Xharra.

Die Geburt von Vetevendosje

Wie so viele seiner Generation ging Kurti im Untergrund zur Schule, in Kellerzimmern mit zugeklebten Fenstern. Später arbeitete er im Büro von Adem Demaci, dem Sprecher der albanischen Befreiungsarmee UCK. Im April 1999 wurde Kurti verhaftet und wegen «Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung» zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt. In jener Zeit entstand ein Video, das heute jeder und jede im Kosovo kennt. Es zeigt den 25-Jährigen mit kurz geschorenen Haaren und Strickjacke im Hof des Gefängnisses. Kurti sagt auf Serbisch, dass der serbische Präsident Slobodan Milosevic ein Faschist sei und er weder dessen Land noch dessen Gerichte anerkenne.

Nach dem Krieg kam Kurti 2001 frei und bekämpfte fortan die Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen (Unmik) im Kosovo. Er sprach von einer «Kolonialmacht», die aus dem Land gejagt werden müsse. 2005 sprühten seine AnhängerInnen mit roter Farbe «Keine Verhandlungen, Selbstbestimmung!» an die Mauer des Unmik-Büros: Es war die Geburtsstunde von Vetevendosje – jener Partei, die nun am Sonntag die Mehrheit holte und die noch vor wenigen Jahren die Vereinigung mit Albanien forderte.

2010 trat Vetevendosje erstmals bei Wahlen an und wurde drittstärkste Kraft. Zu diesem Zeitpunkt wurde Cédric Wermuth, damals Vizepräsident der SP, auf Kurti aufmerksam: «Ich bin mit Kosovaren aufgewachsen, und plötzlich haben alle von diesem Kurti geschwärmt», sagt er. Die SP lud Kurti 2012 nach Lugano auf einen Parteitag ein, aber sie stolperte über dessen Grossalbanienvision. Auch Wermuth hatte wenig Begeisterung für Kurtis nationale Ideen. «Gleichzeitig hielt ich die Rhetorik, dass alle, die gegen die UN-Präsenz im Kosovo sind, Nationalisten sein müssen, für ein Missverständnis», sagt er. An den Vorwurf, Kurti könnte eine militärische Konfrontation auf dem Balkan anzetteln, glaubte Wermuth «keine Sekunde».

Establishment statt Strasse

Als der Kosovo 2008 unabhängig wurde, feierte Kurti nicht mit. Er lehnte die Flagge ab, die seinem Land von aussen «aufgezwungen» worden sei. Bei öffentlichen Kundgebungen schwenkte er stattdessen den schwarzen Doppeladler auf rotem Grund, die Flagge Albaniens. Doch allmählich drosselte er seine nationale Identitätspolitik; statt im Kapuzenpulli beim Strassenkampf zeigte er sich fortan im Anzug, was auch sein Image im Ausland beeinflusste. «Mir hat imponiert, dass er ein Programm hat und Politik aus Überzeugung und nicht für wirtschaftlichen Profit macht», sagt Viola von Cramon-Taubadel, EU-Abgeordnete der deutschen Grünen. Kurti hole sich «selbstbewusste Frauen» ins Team, die «gehört werden», und lasse sich etwa bei Umweltthemen von ihnen beraten.

Seine KritikerInnen hingegen behaupten, Kurti zeige autoritäre Züge. Tatsächlich weigerte er sich im Wahlkampf, mit seinen Kontrahenten im Studio zu diskutieren, weil er das als Nummer Eins nicht nötig habe. Ehemalige WeggefährtInnen erzählen, dass sie aus der Partei ausgeschlossen und von Mitgliedern gemieden wurden. «Es war fast wie in einem Kult», sagt einer, der anonym bleiben möchte. Am Ende geben aber selbst Kurtis KritikerInnen zu, dass es keine politische Alternative gibt. Zwar wurde 2017 Vetevendosje zur stärksten Kraft, doch nachdem sich achtzehn Parteien gegen Kurti zusammengeschlossen hatten, musste die Partei in der Opposition verharren. «Damit haben sie sich am Ende selbst geschadet», sagt die Journalistin Xharra, «denn sie haben Kurti zu einem Mythos und Helden gemacht.»

Nun müssen Kurti und sein Team liefern – wenn man sie denn lässt. Kurti war Anfang 2020 schon einmal für 51 Tage Premier. Dann folgte der Sturz per Misstrauensvotum. Nach den Wahlen sitzt er jedoch so fest im Sattel wie noch nie zuvor: Die noch nicht ausgezählten Stimmen aus der Diaspora könnten ihm womöglich die absolute Mehrheit bringen.

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