Sprachkritik : Dabeisein ist lecker!

Nr.  8 –

Unser hauseigener Schweiz-Erklärer Stefan Gärtner hat ein Buch über «Terrorsprache» geschrieben. In einem exklusiven Vorabdruck nimmt er den Schlachtruf der deutschen Konsumdemokratie ins Visier.

Man will ja nicht immer alles falsch machen, und also sei auch einmal Hafermilch probiert, denn die ist, steht auf der Packung, «für dich, für die Umwelt, für den leckeren Geschmack», und der Hafer stammt «aus nachhaltigem Anbau von Bio-Landwirten aus Italien»; hat also, eh ich ihn verzehre, tausend Lkw-Kilometer hinter sich. Was zu der ersten Frage führen mag, ob in Norddeutschland kein Hafer mehr wächst, und der zweiten, ob «lokaler Anbau» (nämlich in eben: Italien), wie dick draufsteht, nicht der reine Mumpitz, sogar Betrug ist. Der von uns modernen, auf dümmstes Reizvokabular geeichten Hammeln freilich gern geschluckt wird.

Jedenfalls ist die Hafermilch, wie sie da nun als «echte Alternative» in meiner Küche steht, «pflanzlich lecker & vielseitig einsetzbar», nämlich «besonders lecker im Müsli oder pur als Erfrischung zwischendurch», gehört also durchaus, wie ich in der Broschüre zum vorbildlichen Schulernährungsprojekt «Bio-Brotbox Hannover 2019» erfahre, zu den «gesunden und leckeren Lebensmitteln», ja «köstlichen Durstlöschern», und da möchten wir Bettina Wulff als «Schirmherrin Bio-Brotbox Hannover 2019» doch freundlich ermahnen, nicht allzu eloquent zu werden. «Köstlich», also bitte, in welchem Jahrhundert leben wir denn? Doch im nachweislich besten und leckersten aller Zeiten! Und sie kriegt ja auch sogleich die Kurve: «Damit ihr fit für den Schultag seid, ist ein gesundes Frühstück super wichtig», so super wichtig, wie allzeit super fit zu sein. «Denn nur mit der nötigen Energie im Körper könnt ihr euch konzentrieren und aufmerksam lernen. Und ausserdem schmeckt ein selbstgeschmiertes Vollkornbrot mit Käse, Wurst und Brotaufstrichen einfach leckerer», halt: «leckerer als ein gekaufter Schokoriegel».

Notwendig und hirntot

Und drum versammelt die super wichtige, selbstgeschmierte Broschüre «zahlreiche Anregungen und Tipps für gesunde und leckere Snacks», und alle sind freilich bio, denn, wie es eine Seite zuvor programmatisch geheissen hat: «Bio-Lebensmittel sind lecker und gesund.»

Und also eine super Sache.

Auch der niedersächsische Kultusminister weiss: «Eine leckere und vollwertige Mahlzeit ist eine wichtige Grundlage», und «die Bio-Brotbox und das beiliegende Info-Heft unterstützen Sie dabei, Ihren Kindern eine vollwertige und leckere Mahlzeit mit auf den Weg zu geben», damit sie nämlich konzentriert und aufmerksam lernen, so elaboriert und unformatiert zu plappern wie die Grossen, z. B. Sabine Tegtmeyer-Dette, Erste Stadträtin und Wirtschafts- und Umweltdezernentin der niedersächsischen Landeshauptstadt: Die Bio-Brotbox «ist gefüllt mit frischem Obst und Gemüse, sattmachendem Brot und leckerem Aufstrich», genau; bzw. denn: «Ökologisch angebaute Lebensmittel sind (…) gesund und lecker», haargenauso wie ebenjenes «leckere Müsli aus der Region», das Regionspräsident Hauke Jagau anpreist. Und freilich völlig zu Recht.

«Lecker und gesund: Schweinebraten mit Sosse» ahnte ein längst legendärer «Titanic»-Titel im Jahr 2003, als vermutlich schon sehr vieles sehr lecker war, aber noch nicht alles, und auch Ernährungskinderbücher aus dem Klett-Kinderbuchverlag noch nicht so notwendig wie hirntot «Alles lecker!» hiessen. Für das «charakteristischste Adjektiv unseres Jahrzehnts» hielt, in der Februar-«Titanic» 2009, Max Goldt das ubiquitäre «lecker» und gab die Schuld an der blindwütigen Verbreitung eines im Rheinischen gebräuchlichen Schmuck- und Karnevalswörtleins dem privaten, um «Lockerheit» bemühten und eben in Köln/Luxemburg ansässigen Privatfernsehen; das grimmsche Wörterbuch weist «lecker» – als «was zu lecken ist, köstlich, von vorzüglichem wolgeschmack» (sic) – freilich schon bei Lessing, Goethe, Gottfried August Bürger nach; die es aber vielleicht auch zu ihren populärsten Zeiten nicht ganz so machtvoll, ja frenetisch in die Lande zu pesten verstanden wie später RTL.

Der von Goldt neun Hefte später so bezeichnete «Sexy-Lecker-Geil-Mensch», der fanatisch lebensbegeisterte, an Sportbericht und Ramsch-TV geschulte Kleinbürger, steht jedenfalls voll im Saft und wird «lecker» zum Zentralwort auch des dritten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts machen. «Ein kleiner Kreis sich leicht unwohl fühlender Menschen hat neulich das Wort ‹sexy› zum kleinbürgerlichsten Adjektiv des Hier und Jetzt gekürt, noch vor ‹lecker›» (Goldt a. a. O.); doch während «sexy» an Einfluss verloren hat, ist «lecker», siehe oben, schlechthin alles, leben wir doch in einer Konsumdemokratie, und Konsum ist zuallererst fressen; und wer beides also stimulieren und akklamieren will, dem leuchten diese zwei Silben schon darum ein, weil sie so schön nach Kindermund und -seligkeit klingen, nach leckerem Kakao und leckerem Pudding, also genau jener fröhlichen Regression, die der Mindestpreis der waltenden kapitalistischen Verhackstückung ist.

«Da, ein Spanier!»

Lecker, das ist der Schlachtruf des «sich wohlfühlenden Opfers» (Goldt), und was sich an der Leckerisierung des Landes ablesen lässt, ist dessen Verkleinbürgerlichung und Verspiesserung, wie sie längst auch die Stadtviertel der sich aufgeklärt Wähnenden unter sich begraben hat. Die eben gleichfalls sturheil alles, alles lecker finden. Oder eben nicht so lecker, aber das ist dasselbe.

Folgende kleine Szene hat sich in meinem Gutverdienerquartier haargenau so zugetragen, wie in der in «Titanic» erschienenen Hommage an Ödön von Horváths «Ewigen Spiesser» geschildert:

«Da war er auch schon an der Reihe und verlangte eine gute Flasche Roten für fünfzig Euro. Die Weinverkäuferin war gewiss zehn Jahre jünger als er und wies auf eine Stelle im Weinregal: ‹Da, ein Spanier, der ist lecker!›

Doofler wollte nicht wie einer wirken, der auf eine derart primitive Empfehlung hin einen Fünfzig-Euro-Wein kauft, und tat deshalb so, als müsse es unbedingt ein Italiener sein, ein Brunello oder Barolo. Er wollte schon ‹Montepulciano› sagen, war sich aber nicht sicher, ob es den in teuer überhaupt gab. Die junge Weinverkäuferin wies auf eine andere Stelle im Weinregal: ‹Dann nimm den, der ist auch lecker!›

Doofler spürte einen Luftzug an der Stirn, und hätte er es je mit ein paar Staffeln Lektüre versucht, er hätte auf die Idee kommen können, dies komme vom Flügelschlag der Verblödung. Stattdessen tat er wieder zweifelnd und verlangte einen Franzosen. Die Weinmamsell schien sich über solch überlegenes Expertentum zu freuen. Sie strahlte geradezu, als sie Doofler einen Bordeaux empfahl, denn der sei tatsächlich noch leckerer als die anderen, ja schlechthin ‹superlecker›.

Doofler fühlte sich vom Fachsimpeln derart erledigt, dass er befreit nickte und sogar noch eine unnötige Hipsterschokolade dazupacken liess.»

Und immerhin das mit der Schokolade ist erfunden. –

Mein Lieblingskochbuch stammt aus dem längst aufgelösten Haushalt der Eltern und heisst «Reizvolle Kartoffel-Gerichte», Autorin: Gunhild von der Recke. Das Buch ist 1987 erschienen, und man wird nicht behaupten wollen, unter Kanzler Helmut Kohl, ausgerechnet, sei das Land weniger kleinbürgerlich gewesen. Andererseits gab es, will mir scheinen, immerhin noch ein Bewusstsein dafür, was kleinbürgerlich sei und dass dieses Kleinbürgerliche als Enges, Borniertes, Renitentes nicht als Massstab gelungenen Lebens gelten dürfe. Noch etwas so Profanes wie ein Softcover-Kartoffelkochbuch wollte auf eine gewisse Lebensart weisen, auf etwas, was noch zu erreichen, zu entdecken wäre, verborgene Reize eben, und dass das nicht eine selbstvermarktungssüchtige Fernsehnudel, sondern ehemalige Bühnenschauspielerin unternahm, war der Muskat am Püree. Heute sind Lebensmittel nicht mehr reiz- und nämlich geheimnisvoll, heute sind sie lecker, und was einmal Versprechen war, ist jetzt Parole: lecker. Leckerleckerlecker!

Kopfzerfetzende Hauptrolle

Lecker ist das doppelplusgut unserer Zeit, der Wort gewordene, heillos erigierte Like-Daumen, ist die schier totale Affirmation: «Dabeisein ist lecker!» verrät uns so ungefragt wie aufschlussreich die Edeka-Kundenzeitschrift, und wo es früher, unter Verwendung eines Zeitworts, gut geschmeckt hat, betoniert die prädikative Abkürzung heute den Zustand als solchen. «Spiess Dich fit – Hauptsache lecker – das ist das Geheimnis unserer super Fit-Rezepte» (ebd.) – die Späteren werden einmal hoffentlich den Kopf schütteln über solche äussersten, den Geist ans Nichts verhökernden Gemeinheiten, und vielleicht werden sie dieses Büchlein aus dem Archiv ziehen und befreit durchatmen, weil sie so vieles, womöglich alles überwunden haben, vom quintessenziellen «LÄKAA Bio Jaffa Soft Cake» der perfid massengeschmackssicheren Freiburger Fa. Läkaa («Einfach lecker!») bis zum Rewe-Marktradio, in dessen ölig-gelogenen, entsetzlich gut gelaunten Vorträgen und Kaufempfehlungen «lecker», wie sich denken lässt, die einsame, kopfzerfetzende Hauptrolle spielt. «Wie es auch sei, das Leben, es ist gut» (Goethe)? Nee: Wie es auch sei, das Leben, es ist lecker. «Leckere Linsen mit ausgewählten Gewürzen und Gemüse machen den Allos-Linsenaufstrich so besonders lecker» (Produktinformation).

Das klingt glaubhaft.

Dieser Text ist ein Kapitel aus dem neuen Buch von WOZ-Kolumnist Stefan Gärtner. «Terrorsprache. Aus dem Wörterbuch des modernen Unmenschen» erscheint am 1. März in der Edition Tiamat .