Nr. 37/2021 vom 16.09.2021

Im Bunker

Stefan Gärtner über Xherdan Shaqiris Villa

Von Stefan Gärtner

Vom Balkon meiner Schwiegereltern hat man einen wunderbaren Blick auf ein weisses Neubaukarree, das so aussieht, wie so was heute aussieht, nur schlimmer, banaler, um den noch letzten Rest dessen gebracht, was man einst vielleicht «Einfall» genannt hat, und wer es lächerlich findet, dass in Immobilienanzeigen auf einmal von «Architektenhäusern» die Rede ist, dem geht ein Licht auf: Ein Architekt, eine Architektin war vorm Balkon von Oma und Opa sichtlich nicht im Spiel. Eher schon ein 3-D-Drucker.

Quadratisch, praktisch, fürchterlich, und es heisst das Bauhaus gerade ehren, seine tausendste Schwundstufe so deprimierend zu finden, diese Mischung aus Flachdach, Schiessscharte und Edelstahlbalkon, wobei es sich im Beispielfall übrigens nicht um Sozialbauten handelt, wo der sogenannte Rotstift naturgemäss immer mitbaut. Nein, wenn in Deutschland gebaut wird, dann Eigentum, und im Rhein-Main-Gebiet fängt die Doppelhaushälfte bei einer halben Million an, wenn man Glück oder keine Ansprüche hat. Am Nordrand Frankfurts, wo mein Bruder lebt, bewirbt die lokale Sparkasse eine kaum weniger forsche Scheusslichkeit für mehr als das Doppelte. Der Porsche steht schon vor der Tür.

Dies muss man wissen, um die Aufregung um die projektierte Rheinfeldner Villa des Fussballers Xherdan Shaqiri für übertrieben, vielleicht sogar Projektion zu halten. Die Villa sieht so aus, wie so was heute aussieht, und im Vergleich sogar erträglich. Nicht dass man selbst in derlei wohnen wollen würde, Gott bewahre; aber dass sich «Xherdans Bunker» («Tages-Anzeiger») überhaupt im Detail kritisieren lässt, wie auf architekturbasel.ch geschehen («Die Volumetrie wirkt im schlechten Sinn zusammengewürfelt. Unzählige verschiedene Fensterformate und gestaffelte Balkonflächen lassen das Haus unruhig erscheinen.»), markiert immerhin die Idee, die noch als schlechte mehr Wink des Menschlichen ist als die Liquidierung des Ideellen schlechthin.

Überhaupt scheint der «Tagi», der über dem Bau einen regelrechten Wutanfall bekommen hat: «In seiner Massivität erinnert er an Kriegsarchitektur. Man kann das auch als Überlebensarchitektur bezeichnen: Ein Rückzugsort in einer Umwelt, die der Bauherr scheinbar vor allem als feindlich erlebt», zwei oder drei Dinge über die Gegenwart und die sie prägende Kleinbürgerkaste nicht mitbekommen zu haben. Die Leistungs- als Konkurrenzgesellschaft bedeutet eben Krieg, und die Metapher vom Panzer, der zum beherrschenden Fahrzeug auf den Strassen geworden ist, kommt ja nicht von ungefähr. Die furchtbarsten Eigenschaften der Kleinbürgerin, schreiben Markus Metz und Georg Seesslen in «Wir Kleinbürger 4.0» (Edition Tiamat. Berlin 2021), sind Angst und Gier, und mit Blick auf Shaqiris Wohntraum, der bislang nur als Computersimulation vorliegt, muss man sagen: Et voilà.

Auf architekturbasel.ch ist man zwar immerhin mehr Fachmann als beim «Tagi», wo der Kollege schon mit dem Unterschied von «scheinbar» und «anscheinend» seine liebe Not hat; aber dumm fragen können Architekten auch: «Darf man von einem Fussballstar baukulturelle Verantwortung erwarten? Das sind selbstredend hohe Ansprüche – und dennoch bedingt Erfolg immer auch eine besondere gesellschaftliche – und damit verbunden eine kulturelle – Verantwortung.» Falsch, ganz falsch, und zwar sogar abgesehen davon, dass 90 bis 98 Prozent dessen, was da, jedenfalls im Reich, in die Landschaft gehauen wird, von nichts so wenig weiss wie von ausgerechnet «baukultureller Verantwortung», der ja schon das blaue Ziegeldach Hohn spricht. Der Fussballstar ist die reine Verkörperung kleinbürgerlicher Ästhetik von der Tätowierung übers schnelle Auto bis hin zur flott restringierten Rede, und man kann von ihm so gut wie alles verlangen, Geschmack aber zuallerletzt. Er will den Bunker, und er kriegt ihn, und das gilt, im höheren Sinne, schliesslich für alle.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

Sein Buch «Terrorsprache» ist im WOZ-Shop erhältlich unter www.woz.ch/shop/buecher.

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