Nr. 09/2021 vom 04.03.2021

Nur an einem interessiert: Mehr

Von Sibylle Berg (Text) und Julius Thesing (Illustration)

Da schwimmt Peter Thiel,
der Datenhändler und Philosoph.

«Ich denke, Erfolg ist das Gefühl, das man bekommt, wenn man seine Arbeit gut gemacht hat, und das Wichtigste ist, die Arbeit zu tun.»*

Willkommen in der Schweiz, dem liberalsten Land der Welt, in dem Steuern und Datenschutz der Entfaltung des persönlichen Eigentums nicht im Weg stehen.

Im beschaulichen Altendorf bauen Herr Thiel und sein Partner Herr Karp nun mit ihren geistigen Händen (?) den CIA-Spionagehub Europa.

Wie konnte es dazu kommen?

Peter Thiel, der Mann mit dem Gesicht, das aussieht wie so ein Gesicht, wurde irgendwann vom Ayn Rand und Tolkien lesenden, schachspielenden Kind zu einem Mann, der Linke hasst, den Sozialstaat verachtet, Trump unterstützte und der NZZ Interviews gibt. Er schaffte es auf die «Forbes»-Liste der Reichen.

(Platz 908, leises Hüsteln.) Und ich weiss, wovon ich rede, wenn ich davon rede, wie man sich fühlt, wenn man als Aussenseiterkind das Licht erblickt. Bei mir war es Arthur Schopenhauer, der mir das Gefühl gab, ein absolutes Genie zu sein. Normalerweise wachsen sich solche Zustände mit dem Wachstum aus. Manche aber scheinen aufgrund mangelnder Fantasie auf der Übermenschenüberholspur zu bleiben.

Sich intelligenter zu wähnen als acht Milliarden, funktioniert am besten in Vermeidung eines direkten Vergleichs. In Stanford zum Beispiel, dem Silicon-Valley-Inkubator, studierte Peter Philosophie und Rechtswissenschaft, während die anderen IT studierten –

die begabten jungen weissen Männer, die «Herr der Ringe» lasen und von Revolution redeten wie Peter, und damit meinten sie: Wir machen alles wie immer nur digital. Wir lassen andere den Content liefern, den eignen wir uns an und werden reich. Und wenn man nicht coden kann, muss man sich ums Finanzielle kümmern. Wir nennen es: Visionen haben.

Herr Thiel investierte in den ersten Zahlungsüberwachungsdienst Paypal, ins CIA-Überwachungsunternehmen Palantir, ins CIA-nahe Überwachungsunternehmen Facebook. Er liess denken. Was vielleicht wirklich genial ist. Zusammen mit den Geheimdiensten reich werden, mit dem Wissen um das Innerste von Milliarden Menschen. Das ist Macht. Ohne jemals kreativ gewesen zu sein. Nicht einmal der Name Palantir stammt von Thiel. Das ist gelebter Friedman, getanzter Hayek.

Willkommen, Palantir, in Altendorf. Sieh nur, wir bauen gerade viele Rechenzentren in der Schweiz, dort könnt ihr Daten lagern, unsere Daten. Denn auch viele Banken arbeiten bereits mit Palantirsdaten und Geldfluss-Analyse-Software. Egal bei Steuerhinterziehung von Family-Offices, unangenehm bei Kreditüberziehung für Paletten voller Gummipuppen mit Hundeköpfen. Palantirs Gotham wird bereits in der EU genutzt, die Software erstellt in Sekundenbruchteilen Profile aus jeder Bewegung, die Menschen im Netz gemacht haben. Nebenbei investiert Peter in Nanotechnologie und Robotik.

«Wenn man ein Unternehmen startet, muss man immer Menschen von etwas überzeugen, was noch nicht existiert», sagte Thiel, der wie alle superreichen Liberalen nur an einem interessiert ist: mehr. Mehr für das Weiterleben der eignen Gigantomanie in Dynastien, und wenn man die nicht hat, dann gibt es eventuell panische Momente der Erkenntnis. Vielleicht noch zwanzig – höchstens dreissig – Jahre bleiben Herrn Thiel, um die Welt zu einem Ort des Elends zu machen. Wenn Unruhen und Verzweiflung um sich greifen, schwimmt er auf seiner künstlichen Insel, von der er träumt. Und wird hoffen, dass sich seine Investitionen in den Autodidakten Aubrey de Grey auszahlen, der zur Unsterblichkeit forscht. Wenn nicht, wird er am Ende auf dem Ozean sitzen. Er wird aufs Wasser sehen, konkurrenzlos sein und um sich blicken, und sieh nur:

Da ist es.

Das Universum nur für dich.

Sibylle Berg lebte in Ostdeutschland, Konstanz, Tel Aviv und seit langem in der Schweiz. Sie brach wie alle Start-up-EntwicklerInnen ihr Studium ab (Ozeanografie) und entwickelte keine Plattform, sondern schreibt Bücher und Theaterstücke.

*  https://www.forbes.com/sites/carolinehoward/2014/09/10/peter-thiel-dont-...

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch