Nr. 11/2021 vom 18.03.2021

Die Welt des Aussenministers

Von Raphael AlbisserMail an Autor:in

Wie sieht die Welt aus, wenn man sie durch die Brille von Ignazio Cassis betrachtet? Der Aussenminister gewährte einen Einblick, als er vor einem Monat in der «Samstagsrundschau» von Radio SRF zu Gast war. Er war gerade von einer sechstägigen Reise nach Algerien, Mali, Gambia und dem Senegal zurückgekehrt, mit der er die neue Afrikastrategie seines Aussendepartements lanciert hatte. Im Gespräch liess er grosse blinde Flecken erkennen, was die schweizerische Kolonialgeschichte betrifft – und er offenbarte ganz grundsätzlich, von welchem Weltbild er sich bei seiner Aussenpolitik leiten lässt.

Auf die Frage des Moderators, warum die meisten afrikanischen Länder arm seien, antwortete der FDP-Magistrat: Zwar habe der Kolonialismus «eine Wirkung» gehabt, aber auch «das heisse Klima» habe in Afrika «eine ganz bestimmte Rolle» gespielt. Eine bestens bekannte Erklärungsschablone, um die jahrhundertelange Ausbeutung durch transatlantischen SklavInnenhandel, Kolonialismus und ungleiche Handelsbeziehungen zu relativieren. Es folgte ein klassischer Cassis-Moment: Ungefragt erklärte er, «rein die Hautfarbe» sei ja «eine Folge dieser klimatischen Entwicklung, und die ist anders als in den skandinavischen Ländern beispielsweise». Soll heissen: Das Klima ist sowohl für den Wohlstand wie auch für die Hautfarbe der Menschen ausschlaggebend. Der logische Schluss: Es soll irgendwie in der Natur der Sache liegen, dass der Reichtum der Welt zwischen Menschen unterschiedlicher Hautpigmentierung sehr ungleich verteilt ist.

Am Montag hat SP-Nationalrätin Samira Marti eine Interpellation eingereicht, in der sie den Gesamtbundesrat dazu auffordert, für ihren Kollegen geradezustehen. Vor allem auf die Antwort auf eine Frage darf man gespannt sein: «Was unternimmt der Bundesrat, damit das Wissen seiner Mitglieder bezüglich der Schweizer Beteiligung an Kolonialismus, Sklavenhandel und Sklaverei auf den aktuellen Stand des historischen Wissens gebracht wird?» Der Bundesrat sei daran erinnert: Auch eine ausweichende Antwort lässt tief blicken.

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