Nr. 12/2021 vom 25.03.2021

Kasperlitheater

Michelle Steinbeck über d Häx Nörgeligäx, de Gfröörli und andere

Von Michelle Steinbeck

Zurzeit wird viel berichtet über Frau Zwängeli und Herr Bängeli, die in aller Öffentlichkeit ihre Trotzphase zelebrieren. Zu Tausenden schleichen sich die antiautoritären Schwererziehbaren aus dem Haus, um in der identitätsstiftenden Masse ihr eingängiges Credo herauszukrähen: «Schoggi wotti, use wotti!» Offenbar haben sie in letzter Zeit ein bisschen zu viel von des Teufels Giftpastete schnabuliert. Sonst müssten sie doch merken, dass sie längst draussen sind – und schüüli achtgeben sollten, dass sie auf der ganzen braunen Sosse nicht ausrutschen.

Geblendet vom eigenen hehren Kampf, taub vom Dröhnen ihres Kreuzzugs für Grundrechte und Demokratie, haben sie vergessen, was diese eigentlich bedeuten. Auch dass sie in ihrem Freiheitsfilm diejenigen sind, die den Hausarrest für alle andern verlängern, blenden sie geflissentlich aus. Wer weiss, vielleicht handeln sie ja wirklich aus reiner Nächstenliebe: Der Grossteil der Gesellschaft, der sich voller Begeisterung an die Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie hält, freut sich schliesslich umso mehr. Was ist ein bäumiges Jahr Maskentragen, Berufsverbot und Einsamkeit, wenn es zehn werden können? Danke, Banke!

D Häx Nörgeligäx und de Umemuuli verteilen in Liestal schliesslich nicht nur grosszügig ihre aufgeweckten Aerosole an die anwesenden Gleichquerdenkenden. Sie handeln nicht nach dem Motto «Sälber ässe macht feiss», sondern setzen sich selbstlos für all jene ein, die es seit einem Jahr schüüli schwer haben. Und mit Erfolg: De Gfröörli durfte diesen Winter go Schii fahre! Aber haben sie ihn mal gefragt, ob er das überhaupt möchte?

Den sterbenden Beizen zum Beispiel ist mit ein paar engagierten Superspreader-Events auch nicht geholfen. Im Gegenteil. Wenn sie wirklich etwas fürs Gemeinwohl tun wollten, sollten die aufmüpfigen Geister ein bisschen weniger Märchenstunde konsumieren und sich nicht nur sogenannte Fakten reinziehen. Vielleicht würden sie dann merken, dass sie mal besser beim Giizgnäpper im Pfluumewäldli vorbeigingen und dort Ansprüche anmeldeten. Der Zauberfluch des bösen Bundesrats kann nämlich nicht wundersam rückgängig gemacht werden durch Jammern aus vollen Kehlen. Aber wenn Munggel seinen Edelstein aus dem Keller der Nationalbank holt, ist uns schon eher geholfen.

«Ou, Chaschper, du bisch eifach doch de Schlöischt!» Nein, wie die Eingeweihten wissen, ist die Allergescheiteste seine Schulkameradin Loorli. Sie ruft schon: «Ich weiss es!», wenn der behäbige Lehrer seine Frage noch gar nicht gestellt hat. Aber sie kennt die Antwort eben trotzdem. Warum? «Will ich ebe so gschiid bin.»

Ein ähnliches Zeichen von Intelligenz ist es, während Pandemiezeiten in einem ungeschützten Massenauflauf sein eigenes herausragendes Immunsystem unter Beweis stellen zu wollen. Schliesslich, das weiss ja jeder Joggel und Toggel, hilft gegen jede Invasion – und was ist eine Pandemie anderes? – nur ein gestählter Volkskörper. Wer so schwach ist, sich mit dem Käfer anzustecken, braucht sich aber auch nicht zu sorgen. In Kasperlis Apotheke stehen doch alle sieben Wunderchrüütli bereit. Und wie visionär seine Chinareise in den Neunzigern war, wissen die Eingeweihten heute auch. Denn was könnte besser gegen Corona wirken als di chineesisch Wunderwurzle? Nichts! Ausser vielleicht ein paar Stunden Heileurythmie.

Michelle Steinbeck ist Eingeweihte im Kosmos des Kasperlitheaters.

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