Nr. 38/2021 vom 23.09.2021

Arme Reiche

Michelle Steinbeck erklärt die Brösmeli-Theorie

Von Michelle Steinbeck

Es gibt mehr oder weniger kernige Gründe, die 99-Prozent-Initiative abzulehnen. Der wahrscheinlich langweiligste Vorwurf: Sie sei unpräzise formuliert. Intellektuelle Nasenrümpfer wagen sich da schon weiter aufs Eis, indem sie monieren, die Initiative sei viel zu wenig extrem. Die Juso müsste doch eigentlich zur Enteignung und Enthauptung aller Reichen ins Horn blasen – eine bescheidene Besteuerung der Kapitaleinkommen zu fordern, sei einfach nur spiessig. Wieder anderen ist das Anliegen eigentlich sympathisch, sie zweifeln aber am Branding und der Performance der Kampagne.

Tatsächlich sind das alles Ausreden. Der ausschlaggebende Grund zur Ablehnung wird sein, dass die Schweiz ihre Superreichen liebt. So war es und so bleibt es: Leidenschaftlich und selbstlos kämpft das Schweizer Stimmvolk für die Interessen seiner reichen HeldInnen – in 99 Prozent der Fälle gegen das eigene. Aber warum eigentlich?

Dieses mysteriöse eidgenössische Brauchtum ist noch wenig erforscht. Es basiert auf einem weitverbreiteten kontrafaktischen Volksglauben, der je nach Region anders formuliert wird, in etwa aber lautet: Geht es den Reichen gut, geht es mir gut, geht alles gut. Dieses Gedankengut wird von SoziologInnen in der sogenannten Brösmeli-Theorie zusammengefasst: Herr und Frau Schweizer hoffen, je grösser der Kuchen, desto grösser die Brösmeli, die sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort finden und aufpicken können. Und sollten ein paar Millionen für sie aus dem Himmel fallen, würden sie also sicher keine Steuern darauf zahlen. Das hätten sie sich schliesslich sauer verdient!

Dieses merkwürdige Gebaren lässt selbst Reiche verblüfft zurück. Von ihren hohen Geldbergen aus können sie nicht erkennen, was da unten vor sich geht. Manche raten öffentlich zu einer gerechteren Besteuerung. Dabei geben sie zu bedenken, dass eine solche für die grosse Mehrheit hilfreich sein könnte und dass es nicht nur gemütlich sei, auf so viel Geld zu sitzen. Ja, dass es gar gefährlich sei für die Demokratie, wenn sich der Grossteil von Vermögen und Macht auf einige wenige verteile. Mit dieser Verantwortung könnten die wenigsten umgehen, so warnen jene Reichen von ihren stetig wachsenden Bergen aus.

Aber davon wollen die Leute nichts hören. Sie applaudieren frenetisch und rufen: «Habt keine Angst! Wir beschützen euch vor dem aggressiven Fiskus!» Die Verehrung der Superreichen kennt keine Grenzen. Sie thronen strahlend im Olymp – und wenn du nur genug chrampfst und sparst und Brösmeli frisst – so die volkstümliche Erzählung –, kommst du am Ende, mit ein bisschen selbstverantwortetem Glück, auch dort an.

Um zu erkennen, dass das nicht erstrebenswert ist, brauchen wir kein Tele Blocher. Wie unglücklich und leer Reichsein macht, von schlechtem Gewissen zerfressen, davon können wir schon bei den alten Meisterinnen lesen, etwa in Simone de Beauvoirs «Welt der schönen Bilder». Oder im neusten Roman von Christian Kracht: Da fährt einer seine schwerreiche Mutter auf den Berg, damit sie einen Migros-Sack voller Tausendernoten in den Wind schütteln kann. Das ist die deprimierende Realität; das tun Reiche am Mittwochnachmittag, aus purer Langeweile und Sinnlosigkeit.

Wirklich empathisch und selbstlos handelt also, wer den Reichen hilft, sich zu erleichtern.

Michelle Steinbeck ist Autorin und Studentin der Soziologie.

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