«The Last of Us»: Die Serie : Böse und ungemein attraktiv

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Wenn Videospiele verfilmt werden, sorgt das oft für Spott und Verrisse. Mit «The Last of Us» hat es ein hochkarätiges Team nun geschafft, ein gefeiertes Spiel in eine gelungene Serie zu übersetzen.

Still aus der Serie «The Last of Us»: Joel (Pedro Pascal) eskortiert Ellie (Bella Ramsey)
Auffallend achtsam zerstörte Kulisse: Joel (Pedro Pascal) eskortiert Ellie (Bella Ramsey) quer durch die Vereinigten Staaten. Still: 2021 Home Box Office, Inc.

Was geschieht, wenn alle Menschen vom Erdboden verschwunden sind? Dieser Frage widmete sich der US-Journalist Alan Weisman 2007 in seinem Bestseller «Die Welt ohne uns», der letztes Jahr neu aufgelegt wurde. Manche verschlangen das populärwissenschaftliche Buch wie einen Krimi oder einen Katastrophenfilm.

Wer hätte gewusst, dass Kakerlaken zum Überleben geheizte Räume brauchen und dass New Yorks U-Bahn-Schächte bereits nach wenigen Tagen überflutet wären, weil niemand mehr die Pumpen bedient? Dass Brücken einstürzen, Dämme bersten und die Vorstädte endgültig verwalden, erwartet Weisman dagegen erst 300 bis 500 Jahre nach Ende der Menschheit. Seine so anschaulichen wie unerbittlichen Prognosen zu einer langsam zerfallenden Zivilisation bei gleichzeitiger Rückeroberung durch radioaktiv verseuchte Flora und Fauna fütterten auch die Fantasien vieler professioneller Bildarbeiter:innen. Weismans Angstlustvisionen wanderten in die Untergangsszenarien von Film- und Gameindustrie ein, ohne dass man es dort mit seinen Zeitachsen besonders genau nahm.

Auch die neue HBO-Serie «The Last of Us» zehrt visuell von der malerischen Ruinierung jedes Menschenwerks. Sie beruht auf einem gleichnamigen Playstation-Hit von 2013 – und sowohl der Gameregisseur Neil Druckmann wie auch der Kopf hinter der Serie, Craig Mazin, scheinen Fans von «Die Welt ohne uns» zu sein. Sogar das Personalpronomen «uns» hat es in den Titel geschafft. «Die Letzten von uns»: Der Mensch kann sich die Endzeit so ganz ohne eigene Anwesenheit wohl einfach nicht richtig vorstellen. Den Plot von «The Last of Us» liefert denn auch nicht primär die apokalyptisch beschleunigte Vergänglichkeit, sondern «unser» heldenhaftes Aufbäumen dagegen.

Nach der Zivilisation

Drastisch dezimiert wird die Menschheit diesmal weder von einem Virus noch von Bakterien, sondern von einem Pilz. Das ist perfekt «zeitgeisty», wie es auf Amerikanisch heisst, sind doch Pilze im letzten Jahrzehnt zum wahren Meistergewächs von Anthropozän, Spätkapitalismus, Klimakatastrophe und Foodkrise geworden. Pilze dienen uns als Metaphern und stützen Theoriegebäude, sie verdauen Pestizide und werden als Drogen, Fleischersatz und Baumaterial eingesetzt. Da ist es nur fair, dass sie nun auch einmal böse sein dürfen – böse und ungemein attraktiv. Man soll ja nicht zu viel verraten, aber wie den fatal Infizierten in «The Last of Us» die Pilzsporen aus Mund und Nase spriessen, ist sehr schön anzuschauen – und gibt eine unheimliche Ahnung von einem ganz anderen, ganz unmenschlichen Zustand, der seine eigene Entzückung mit sich bringen könnte.

Die eigentliche Serienhandlung spielt zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen. Joel (Pedro Pascal), ein hart gewordener Überlebender, der als Schmuggler ein Auskommen findet, erhält den Auftrag, ein vorwitziges Teeniemädchen mit einer für den Fortbestand der Menschheit sehr kostbaren Eigenschaft in eine Hochburg des Widerstands zu eskortieren. Diese Menschheit ist in rudimentäre Einheiten eingeteilt: totalitäre Ordnungskräfte und ihre Geknechteten, Schmuggler:innen, die zwischen den Fronten Geschäfte treiben, und Aufständische, die sich «Leuchtkäfer» nennen. Ausserhalb der Siedlungen gibt es Einfamilienhausbesitzer:innen, die sich möglichst autonom im Überleben üben: Prepper, Fallenstellerinnen, Jäger, das klassische Personal menschlicher Wildnisfantasien halt. Dazu versprengte Schwärme von Infizierten, die aus Verstecken über die Menschen herfallen. Das erinnert klar an eine Spielsituation; wobei die DNA des Games vielleicht nirgends so präsent ist wie in der Mission, die wir mit Joel und Ellie (Bella Ramsey) quasi als unseren Avataren absolvieren. Man lässt das ungleiche Paar bedeutungsschwanger gen Westen ziehen. «The Last of Us» dockt mit seinem Kampf- und Hindernislauf also direkt beim Urmythos der USA an – und bei internationalem Seriengoldstandard: Beide Schauspieler:innen hatten Auftritte in «Game of Thrones».

Vom Gesamteindruck her sind wir irgendwo zwischen den Zombieschlachten von «The Walking Dead», der Fortpflanzungsdystopie «Children of Men» und dem Blockhüttenspirit von «Familie Robinson in der Wildnis» – mit der angewucherten Welt als auffallend achtsam zerstörter Kulisse. Schon Craig Mazins Aufbereitung der Reaktorkatastrophe in «Chernobyl» (2019) bestach durch verstörend attraktives Industrial Design – aber auch durch zwischenmenschliche Tiefe. Dazu lässt Mazin in «The Last of Us» Hintergrundgeschichten, Expositionen und andere narrative Seitenarme so eifrig austreiben wie Pilzmyzelien.

Was die Gemüter erregt

«Kann aus einem Videospiel gelungenes Fernsehen werden?», fragte der «New Yorker» fast zwangsläufig. «The Last of Us» liefert überzeugend den Beweis. Aber auch wenn die Serie den bösen Fluch der Gameverfilmung hinter sich gelassen hat, darf sie sich nicht nur an dieser Frage messen. Letztes Jahr zeigte HBO etwa die Verfilmung von Emily St. John Mandels Pandemieroman «Station Eleven» als Miniserie. Hier wurde ein sehr ähnliches Setting wie in «The Last of Us» in eine überraschendere und vor allem auch verspieltere Geschichte übersetzt. Das hatte nicht zuletzt mit der literarischen Vorlage zu tun: Für die filmische Adaption musste diese nicht mit zusätzlichen Hintergrundgeschichten angereichert werden, weil sie schon mehr als genug eigene Ideen zum Verdichten bot. Und die Selbstverständlichkeit, mit der nun «The Last of Us» in einem Nebenstrang von einer homosexuellen Liebe erzählt, ist als Serienstoff kaum noch eine Erwähnung wert – auch wenn das im Gameuniversum weiterhin viele Gemüter in Wallung versetzen mag.

«The Last of Us» läuft in Deutschland und der Schweiz bei Sky. In der Nacht vom 22. auf den 23. Januar 2023 gibts die zweite Folge.