Nr. 15/2021 vom 15.04.2021

Blau, blau, blau blüht der Enzian

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Was für eine romantische Geschichte über die enorme Kraft von Lyrik! Das Gedicht «Fragmentary Blue» («Versprengtes Blau») des US-Naturlyrikers Robert Frost soll ein internationales Forschungsteam doch tatsächlich dazu inspiriert haben, das Rätsel um die Seltenheit der Farbe Blau in der Natur zu lösen. «Warum erscheint so manch versprengtes Blau / An Vögeln, Faltern, in geschliffenem Steine, / In Blumen, Augen, Tropfen Taus am Raine, / Da doch verschwenderisch blau der Himmelsbau?», fragt Frost in der ersten Strophe.

Des Menschen unstillbarer «Durst nach Blau» in der zweiten Strophe befriedigte die NaturwissenschaftlerInnen als Antwort natürlich nicht. Das Problem verlangte nach einer systematischen Herangehensweise. Erste Erkenntnis: Auch Bienen sind grosse Romantikerinnen. Sie fühlen sich von blauen Blüten geradezu magisch angezogen, während rote keinerlei Signalwirkung ausüben. Doch ausgerechnet blaue Blüten kommen in der Natur äusserst selten vor. Und der gewiefte Botaniker weiss: Keine von ihnen wird von Wind oder Regen bestäubt – Blaublütler sind für ihre Fortpflanzung auf Insekten angewiesen. Warum aber sorgte diese gegenseitige Anziehung in der Evolution nicht für blaue Blütenmeere?

Mit Faulheit hat es jedenfalls nichts zu tun. Pflanzen stecken extrem viel Aufwand und Energie in die komplexe Produktion von blauem Farbstoff. Nur die Fleissigsten also bestehen im Wettbewerb um die Bestäuberinnen. Wo es für Insekten unwirtlich wird, wie etwa im Hochgebirge, entfaltet der Enzian seine ganze Verführungskraft. Und in der Magerwiese sticht ein scheinbar unscheinbares Pflänzchen seine KonkurrentInnen mit dem Lockruf «Vergissmeinnicht!» aus.

Ganz schön hinterlistig, wie hier die Wissenschaft einmal mehr die Romantik entzaubert, indem sie die Sehnsucht nach Blau auf ein Zusammenspiel chemischer Prozesse reduziert. Da hilft nur noch die Lyrik als Gegengift. Immerhin.

Nicht nur den Bienen zuliebe: Verbannen wir Neonikotinoide und lassen die Kornblumen auch im Garten spriessen.

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