Nr. 18/2021 vom 06.05.2021

Am Rand einer 
unbarmherzigen Gesellschaft
 Flavio ­Steimann zeichnet poetisch ­sensibel die ­Schicksale ­eines ­Mörders 
und seines Opfers.

Von Hans Ulrich Probst

Der Einstieg in die düstere Geschichte ist umwerfend: Ein Bauernhof im Luzerner Hinterland am Ende des 19. Jahrhunderts; eben ist die Bäuerin bei der Geburt ihres Mädchens verschieden, der Dorfarzt namens Widerspan hat alles versucht – vergeblich: «Auch das Kind werde nicht lange leben. Widerspan hat es nur leise gesagt, als sollte man es nicht hören; den Schlauch des Stethoskops hat er verlegen um seine linke Hand geschlungen und legt sie, er muss sich dazu recken, dem Klausert ungelenk auf die breite Schulter. Der grosse Bauer aber, eine Eiche von Mann, ist nur noch ein Schatten und wie betäubt. Er steht, eine halbe Stunde bald, versteinert am hölzernen Pfosten vor der Schindelwand und stiert. Das Mostglas, das ihm der Dorfarzt in der verlassenen Küche randvoll mit Schnaps gefüllt hat, wirft unscharf seinen streifigen Schatten über den hell gescheuerten Tisch. Klausert hat es nicht angerührt.»

Tod durch Nähschere

Wenige Sätze genügen, um Flavio Steimanns sprachliche Kraft und die Verlorenheit seiner Figuren zu ermessen. Der Bauer wird seinen Hof abfackeln und sich erhängen; die kleine Vollwaise Agatha, gehörlos von Geburt an, überlebt. Sie erfährt eine raue Sozialisation in einer «Allg. Armen- und Idioten-Anstalt», verpasst von bigotten und tyrannischen Betschwestern; freudvolle Momente sind selten. Als billige Arbeitskraft kommt die Halbwüchsige in einem «Strick- und Nähwerk» unter, doch dann erkrankt sie an Tuberkulose. Vom Vormund zur Erholung zu einem Verwandten aufs Land geschickt, wird sie im Wald, wo sie täglich stickt, mit ihrer Nähschere erstochen und vergewaltigt.

Dem Urheber der bestialischen Tat, seiner Gefangennahme, Haftzeit und Hinrichtung gilt der zweite Teil von Steimanns kompaktem Roman. Dabei orientiert sich der Autor am Fall des Anselm Wütschert (1881–1915). Dieser hatte 1914 bei Krumbach die (nicht gehörlose) Emilie Furrer ermordet und geschändet – an ihm wurde 1915 zum letzten Mal in Luzern die Todesstrafe vollzogen.

Zenz Torecht, wie der Täter im Roman heisst, entstammt ärmsten Verhältnissen, wird früh ein Tunichtgut, der sich als Knecht an Tieren vergeht, später als Wahrsager auf Märkten sein Glück sucht. Eine Zeit lang wird er von Castor, einem Bildhauer und Alkoholiker, als Modell und zu weit mehr ge- und missbraucht. Er zieht mit Castor nach Paris, sie führen ein Lotterleben, bis der Künstler seiner überdrüssig wird. Torecht geht zurück in die Schweiz, lebt von kleinen Diebstählen und haust verwahrlost im Wald, wo er zufällig auf sein Opfer stösst. Nach der grausigen Tat wird Torecht bald eingefangen; im Mordprozess wird seine Schuldfähigkeit bestätigt. Er zeigt kaum Reue, stellt erst zuletzt – vergeblich – ein Gnadengesuch. Es bleiben ihm ein paar Erinnerungen und Träume (grandios die Schilderung der Bahnreise nach Paris), dann wartet die Guillotine.

Unvergessliche Bilder

Wie schon in «Bajass» (2014) interessiert Flavio Steimann nicht der Kriminalfall selber, sondern die darin verwickelten Menschen am Rande einer unbarmherzigen Gesellschaft. Dieser eigensinnige Autor überzeugt mit seiner dichten, lyrisch aufgeladenen Prosa, die für die Geschehnisse vor langer Zeit einen eigenen Ton und unvergessliche Bilder findet.

Dadurch, dass er Agatha zur Gehörlosen macht, erschwert sich Steimann freilich die Aufgabe. Seine Protagonistin bleibt geheimnisvoll, ihr Fühlen und Denken ist Spekulation des Erzählers. Auch der Mörder behält viel Rätselhaftes, Unfassbares. So bleiben zwei Nebenfiguren am stärksten haften: der machtlose Doktor Widerspan zu Beginn und der humane Gefängniswärter Enigmann im zweiten Teil. «Warum ein schlechter Mensch ein schlechter Mensch sei», fragt Zenz diesen einmal, und in für Steimann typischer indirekter Rede lautet die Antwort: «Es sei nicht einfach, darauf eine Antwort zu geben, (…) er wisse es nicht – genauso wenig, wie er wisse, warum ein guter ein guter sein soll: Vollkommen gelinge das Leben wohl keinem.»

Abgesehen von wenigen etwas überorchestrierten Szenen ist auch das vierte Buch des Luzerner Wenigschreibers ein poetischer Wurf, wie folgende Passage illustriert. Der Arzt fährt im Morgengrauen von der toten Mutter und ihrem wunden Kind nach Hause: «Es muss wohl schon gegen vier Uhr gehen, die Nacht ist kalt. Der späte Maifrost, der über das weite Moorstück gezogen ist, hat den Torf versilbert, gegen das Widerlicht, das im Osten kaum merkbar den Himmel hellt, zeichnet sich über den Weihern wie ein aufgereckter Tellerdolch schwarz der Glockenturm des Klosters ab. Dünn belaubte Bäume, die den Blust verloren haben, stehen als dunkle Skelette am Weg.»

Der Autor liest an den Solothurner am Samstag, 15. Mai 2021, um 16 Uhr.

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