Nr. 18/2021 vom 06.05.2021

Corona ist ein Klassenvirus

Arme Menschen sind dem Virus deutlich stärker ausgeliefert als reiche, das hat eine aktuelle Studie einmal mehr gezeigt. Doch welche politischen Massnahmen müssen aus dieser Erkenntnis folgen?

Von Anna JikharevaMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Foto)

Wer fährt denn in Zeiten des Abstandhaltens noch Tram? Menschen, die weder im Homeoffice arbeiten können noch ein Auto ihr Eigen nennen – also die eher wenig Begüterten.

Eigentlich ist das, was der Berner Epidemiologe Matthias Egger und sein Team herausgefunden haben, ein veritabler Skandal: Wer in der Schweiz – einem der reichsten Länder der Welt – arm ist, kann sich schlechter vor Covid-19 schützen. Arme Menschen stecken sich öfter an, landen öfter mit schweren Verläufen auf der Intensivstation, sterben häufiger. Das Virus als grosser Gleichmacher, als demokratische Krankheit: Falscher könnte diese gerade zu Beginn der Pandemie weitverbreitete Ansicht nicht sein.

Die ForscherInnen haben über einen Zeitraum von rund einem Jahr 2,5 Millionen Coronatests, Tausende Spitaleinweisungen, Intensiv- und Todesfälle untersucht. Die Daten, zur Verfügung gestellt vom Bundesamt für Gesundheit (BAG), verknüpften sie mit Faktoren wie Miete und Beruf, Bildungsstand und Wohnfläche pro Kopf, auf Basis der Bevölkerungszählung aus dem Jahr 2000 und heruntergerechnet auf Quartiere und Strassen. Dadurch kamen sie für jede Nachbarschaft im Land auf einen Index; je höher dieser ist, desto bessergestellt eine Gegend. So liess sich zeigen, wo sich die Menschen weniger testen lassen konnten, sich häufiger ansteckten und schwer oder tödlich erkrankten.

Kein Rückzug ins Homeoffice

Dass zwischen dem sogenannten sozioökonomischen Status und dem Gesundheitszustand eines Menschen ein Zusammenhang besteht, ist nicht neu. Dank Eggers Studie steht dieser Zusammenhang aber auch für Corona in der Schweiz nun schwarz auf weiss. Unter den zehn ärmsten Prozent der Bevölkerung mussten 28,5 von 100 000 Personen in Intensivpflege, bei den reichsten zehn Prozent waren es 13, weniger als die Hälfte. In der prekärsten Gruppe starben 81 von 100 000 EinwohnerInnen an Corona gegenüber 56 bei der wohlhabendsten.

«Die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung folgt sozioökonomischen Mustern», bestätigt Matthias Egger im Gespräch. Das zeige sich dann natürlich auch während einer Pandemie. Die Spirale fange schon früh im Leben an: Kinder armer Eltern würden schlechter ernährt und weniger gebildet, später seien sie häufiger bei der Arbeit exponiert, litten an Stress und chronischen Krankheiten wie hohem Blutdruck, Diabetes oder Krebs, machten weniger Sport und lebten insgesamt ungesünder. Armut ist offensichtlich ein Gesundheitsrisiko. Und laut dem Bundesamt für Statistik galten schon vor Corona knapp neun Prozent der Bevölkerung als arm, weitere sechzehn Prozent als armutsgefährdet, was im europäischen Vergleich eine der höchsten Quoten ist.

Seither ist die Armut weiter gestiegen. Und Corona ist ein Klassenvirus. Jene, die sich nicht ins sichere Homeoffice zurückziehen konnten, waren ihm stärker ausgeliefert – in Spitälern und auf Baustellen, in Restaurantküchen und an den Supermarktkassen, in engen Asylunterkünften oder winzigen Stadtwohnungen. Diese Menschen sind zudem stärker von Existenzängsten geplagt und entsprechend mehr gestresst, auch das ein Krankheitsrisiko.

Nachgewiesen haben die WissenschaftlerInnen den Zusammenhang aber nicht nur bei den Coronaerkrankungen. «In ärmeren Nachbarschaften wurde weniger getestet: weil der Zugang schlechter war, man genug Zeit haben muss, weil die Informationen schlechter durchdrangen oder sich die Leute bewusst nicht testen liessen aus Angst, in Quarantäne zu müssen und deshalb den Job zu verlieren», sagt Egger, der zu Beginn der Pandemie die wissenschaftliche Taskforce des Bundes leitete.

Wissen über Risikofaktoren

Die Studie aus Bern, vor zwei Wochen veröffentlicht, ist die wohl genauste Kartografie gesundheitlicher Ungleichheiten während der Pandemie in der Schweiz. Anfang Jahr war schon eine Genfer Untersuchung zum Schluss gekommen, dass das Virus ärmere Quartiere stärker und länger betrifft. Der Kanton stellte daraufhin Hotelzimmer für die Isolation zur Verfügung – eine simple wie effektive Massnahme, die aber einzigartig blieb.

Belegt ist diese Ungleichheit auch für andere Länder. Gemäss einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts lag in Deutschland die Sterblichkeit in sozial benachteiligten Quartieren während der zweiten Welle fünfzig bis siebzig Prozent höher als in reichen Gegenden. Mehrere Studien stellten zudem einen «Ischgl-Effekt» fest: Zu Beginn steckten sich überwiegend Wohlhabende an, vermutlich eben beim Skifahren oder auf Geschäftsreisen, und trugen das Virus in ihre Quartiere. Als im Sommer die Ansteckungszahlen sanken, blieben sie in armen Gegenden höher, später infizierten sich dann vor allem die Prekarisierten. Für die Schweiz kann Epidemiologe Egger einen solchen Effekt allerdings nicht bestätigen.

Im angelsächsischen Raum ist der Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit schon lange Thema. In Bezug auf Corona wusste man in den USA schon letzten Frühling, dass Schwarze Menschen doppelt so oft am Virus sterben wie Weisse. In Grossbritannien fand man heraus: Je ärmer jemand ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, ins Spital zu müssen, was ebenfalls überproportional Angehörige von Minderheiten betrifft.

In beiden Ländern werden auf Totenscheinen Ethnie oder Beruf erfasst, weshalb man dort generell mehr über Infektionsketten und Risikofaktoren weiss. Im deutschsprachigen Raum ist das fehlende Problembewusstsein auch der schlechten Datenlage geschuldet – was wiederum kein Zufall ist: «Die Gründe für die Ignoranz liegen auch in der Geschichte, nicht zuletzt in der historischen Entwicklung statistischer Infrastrukturen, durch die Länder wie Grossbritannien einen Vorsprung erhielten», schreibt der Historiker Felix Römer auf dem Blog «Geschichte der Gegenwart» in Bezug auf Deutschland. Ähnliches gilt für die Schweiz. «Ich bedaure sehr, dass diese Daten in der Schweiz nicht erfasst werden», sagt auch Egger. Leider gebe es keine konkreten Schritte, um das zu ändern.

Ein Impfbus fürs Quartier

Armut als gesundheitlicher Risikofaktor ist hierzulande noch immer ein Tabu. Dass die reiche Schweiz eine Klassengesellschaft ist, wollen die wenigsten anerkennen. In Grossbritannien ist das anders, dort ist das Wissen darum Teil der Alltagskultur. Und weil das so ist, führen die Erkenntnisse aus den zahlreichen Studien zu politischen Forderungen: dass man etwa soziale Benachteiligung und ethnische Zugehörigkeit neben dem Alter als Risikofaktoren anerkennt – und diese Menschen dann auch bevorzugt impft.

In Deutschland hatte das Thema lange niemanden interessiert, erst kürzlich ist es in den Abendnachrichten angekommen. In Köln fährt seit dieser Woche ein Impfbus durch die besonders betroffenen ArbeiterInnenquartiere, um den Menschen unkompliziert eine Immunisierung anzubieten. Es gehe um «Solidarität mit denen, die diesen Wohnverhältnissen ausgeliefert sind», begründete Oberbürgermeisterin Henriette Reker den Pilotversuch. Es sei aber auch «ein Akt der Gefahrenabwehr für alle».

Und wie sieht es in der Schweiz aus? Im März fragte SP-Nationalrätin Samira Marti den Bundesrat, ob die Impfstrategie der Tatsache Rechnung trage, dass Menschen in einkommensschwachen Quartieren stärker vom Virus betroffen seien. Die Antwort war ernüchternd: Nach der Impfung der Priorisierungsgruppen werde die Immunisierung für alle anderen freigegeben; eine Priorisierung nach sozioökonomischen Faktoren werde «nicht empfohlen», weil dies den Kantonen die Umsetzung erschweren würde. Stattdessen setze man auf «Informationen in leicht verständlicher Sprache und in den Sprachen der Migrationsbevölkerung». Der Schutz der armen Bevölkerung hat in der Schweiz keine Priorität.

Dass das Thema zu wenig im Vordergrund stand, findet auch Martis Parteikollegin Barbara Gysi. «Die Bürgerlichen haben lieber den Bundesrat angegriffen, statt ihr Augenmerk auf die wirklichen Probleme zu legen: eine wachsende Ungleichheit, die sich jetzt noch verschärft hat», sagt sie. Bei der SP liege der Fokus deshalb auf besserer Grundabsicherung und einer Verbesserung der Lebensumstände: einer vollumfänglichen Kurzarbeitsentschädigung für tiefe Einkommen, Ergänzungsleistungen für Familien oder bezahlbarem Wohnraum für alle. Auch mehr Schutz am Arbeitsplatz, besseren Zugang zu Impfungen und Testmöglichkeiten sowie die bessere Versorgung von Menschen mit chronischen Krankheiten habe man immer wieder gefordert.

Epidemiologe Egger sieht den Schlüssel ebenfalls in einer besseren sozialen Absicherung, ein gutes Gesundheitssystem allein reiche nicht. «Für mich mit meinem Professorenlohn ist es viel einfacher, gesund zu leben, viele müssen aber schauen, dass genug Geld reinkommt, und können ihre Gesundheit nicht in den Vordergrund stellen.»

Wie verkürzt die Debatte darüber in der Schweiz in den vergangenen Monaten war, zeigt eine Episode von letztem Winter. «70 Prozent Migranten in den Spitalbetten», titelte die rechte BAZ, im Text selbst aber fanden sich weder Belege für die Aussage noch der Versuch einer Erklärung, sondern bloss Ressentiments. Dass Menschen mit Migrationsgeschichte überdurchschnittlich oft in prekären Jobs arbeiten, weniger wohlhabend und entsprechend weniger gesund sind, dass es also auch hier in erster Linie um den Zusammenhang zwischen Armut und Erkrankung geht und nicht um angebliche «kulturelle Unterschiede», darüber redete niemand. Stattdessen sprach die SVP von «Spitaltourismus» und wurde für ihre rassistische Hetzkampagne mit einem Auftritt in der «Arena» belohnt.

Gleiche Chancen für alle

Auch jetzt, wo die gravierende gesundheitliche Ungleichheit einmal mehr belegt ist, ist die Empörung ausgeblieben. Auf «Arena»-Sendungen und Leitartikel zum Thema wartet man vergeblich. Immerhin beim BAG haben die Erkenntnisse wohl zu einem Umdenken geführt, wie die Behörde auf Anfrage schreibt: Man denke nun über «mobile Test- und Impfangebote für Menschen in sozial benachteiligten Quartieren oder Lebenssituationen» nach und arbeite «Empfehlungen für niederschwellige Test- und Impfzentren» für die Kantone aus.

Vielleicht schon bald also wird wie in Köln ein Impfbus in der Genfer Hochhaussiedlung Cité du Lignon halten, durch den Jura oder ins Emmental fahren. Beim BAG weiss man aber auch: «Trotz dieser Bemühungen sind wir uns bewusst, dass sich nicht alle gleichermassen schützen können. Mit den Massnahmen wird versucht, die Ungleichheiten abzufedern.»

Der Basler CVP-Regierungsrat Lukas Engelberger, der aktuell der kantonalen GesundheitsdirektorInnenkonferenz vorsteht, kann sich je nach Gebiet ebenfalls mobile Impfequipen vorstellen; und beim Testen habe man grossen Wert auf Kostenbefreiung gelegt. Sehr wichtig sei auch die Kommunikation, damit möglichst viele Menschen erreicht würden: durch Übersetzung der Information in verschiedene Sprachen, Verbreitung auf Social Media, durch die Einbindung von HausärztInnen und Kulturvereinen.

«Wir haben uns bemüht, den Risikofaktor Armut auf allen Ebenen mitzudenken», sagt Engelberger. «Die strukturellen Ungleichheiten lassen sich allerdings nicht von heute auf morgen neutralisieren.» Längerfristig müsse die Chancengleichheit im Gesundheitswesen verbessert werden. «Wir werden versuchen, den Public-Health-Ansatz, wonach Gesundheit eine kollektive Aufgabe der Gesellschaft ist, stärker in die Diskussion zu bringen», sagt SP-Politikerin Gysi. «Gesundheitsversorgung ist schliesslich Service public.»

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