Nr. 19/2021 vom 13.05.2021

Der Impfstoffnationalismus treibt tödliche Blüten

Während die Impfkampagnen in Industriestaaten voranschreiten, hinken sie in ärmeren Ländern noch hinterher. Von der viel beschworenen internationalen Solidarität ist nichts mehr übrig.

Von Ulrike Baureithel

Ohne weltweite Impfgerechtigkeit drohen weitere dramatische Infektionsausbrüche: Vorbereitung einer Massenkremation in Neu-Delhi Ende April. Foto: Danish Siddiqui, Reuters

Die ständig aktualisierte Karte auf der Internetseite Our World in Data führt täglich vor, wie ungerecht die Verteilung des Coronaimpfstoffs in der Welt gehandhabt wird. Von mittel- bis dunkelblau sind die Länder markiert, von deren Bevölkerung zwischen vierzig bis siebzig Prozent eine erste Dosis Impfstoff erhalten haben: Spitzenreiter hier sind neben Israel, den Seychellen, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bhutan und der Mongolei auch Kanada, die USA, Grossbritannien und einige Länder der Europäischen Union.

Von vereinzelt zartblau angehauchten Flächen abgesehen, ist der afrikanische Kontinent hingegen zu grossen Teilen weiss markiert. In Südafrika etwa wurden bis Anfang Mai gerade einmal 62 von 100 000 EinwohnerInnen erstmals geimpft. Im derzeit vom Virus gnadenlos betroffenen Indien haben bisher lediglich rund zwölf Prozent der BewohnerInnen eine Erstimpfung erhalten – dabei gilt das Land als die Pharmafabrik der Welt.

Sowohl Indien wie Südafrika stehen beispielhaft für das globale Drama um Impfproduktionen, den Handel mit Vakzinen und deren Verteilung. Ursprünglich gab es zwischen dem britisch-schwedischen Impfstoffhersteller Astra Zeneca und dem Serum Institute of India, dem weltgrössten Hersteller von Impfstoffen, ein Kooperationsabkommen mit dem Ziel, einen Teil des in Indien produzierten Lizenzimpfstoffs Covishield über die internationale Covax-Initiative zu verteilen. Covax wurde unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Europäischen Kommission gegründet, um ärmere Länder, insbesondere in Afrika, mit Impfstoff zu versorgen. Im Unterschied zu Impfstoffherstellern wie Biontech in Deutschland oder Moderna in den USA gab Astra Zeneca damit immerhin ein positives Signal in Richtung jener «internationalen Solidarität», die zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 von der WHO und den Industriestaaten ausgerufen worden war.

Gescheiterte Deals

Doch die Pharmanation Indien bekam bald Probleme. Zum einen sind die Ausgangsprodukte für die Herstellung knapp und teuer, zudem zwang ein Brand in einer Anlage im Januar 2021 zur Produktionsdrosselung, und schliesslich entschied sich die nationalistische Regierung von Premierminister Narendra Modi angesichts explodierender Infektionszahlen im März zu einem Exportstopp für Vakzine. Statt der vereinbarten Milliarde Impfdosen konnte Indien nur 64 Millionen ausliefern, 28 Millionen davon gingen an Covax. An die vierzig afrikanischen Länder, die über den Verteilungsschlüssel hätten beliefert werden sollen, gingen bisher nur 25 Prozent der angekündigten Mengen.

Südafrika, das sein Impfprogramm selbst managt, ist mit 1,5 Millionen Infizierten und über 55 000 Toten bei rund sechzig Millionen EinwohnerInnen wiederum das Land auf dem Kontinent, das am heftigsten von der Pandemie betroffen ist. Auch wenn die dritte Welle derzeit gebrochen zu sein scheint, hinkt das Land bei den Impfungen stark hinterher. Nicht nur kaufte die Regierung den Impfstoff zu spät ein, sie verzichtete nach der Lieferung von Astra Zeneca auch darauf, diesen zu verwenden, weil er ungenügend gegen die südafrikanische Mutation schützt. Auch die Impfung mit dem Alternativserum von Johnson & Johnson wurde wegen der Gefahr einer Hirnembolie zeitweise ausgesetzt. Die bereits erstandenen Dosen von Astra Zeneca verkaufte das Land am Kap an die Afrikanische Union, die es an Länder verteilen sollte, die zu einer Impfkampagne in der Lage sind.

Das aber wiederum ist in einigen Staaten ein Problem. In Ländern wie Ruanda, Senegal und Ghana läuft es im Vergleich gut, sie haben inzwischen immerhin zwei Prozent ihrer Bevölkerung geimpft, darunter auch medizinisches Personal. Hingegen hat Kenia diese Marke noch nicht erreicht. Es wäre allerdings in der Lage, mehr zu impfen, wenn genügend Impfstoffdosen verfügbar wären. Weil das Land versucht, die Vakzine gerecht zwischen Stadt und Land zu verteilen, läuft die Impfkampagne aufgrund fehlender Infrastruktur schleppend. In Niger wiederum sind die ersten Impfdosen erst Anfang April eingetroffen, auch Uganda beginnt erst jetzt mit der Immunisierung seiner BewohnerInnen.

Exportstopp aufheben

Umgekehrt haben mehrere Länder, darunter Malawi und der Südsudan, angekündigt, Impfstoff zu vernichten, weil sich die Menschen dort nicht impfen lassen wollen und das Haltbarkeitsdatum abzulaufen droht. Dahinter steht das Misstrauen gegenüber dem Astra-Zeneca-Vakzin, das in den USA und teilweise in Europa verschmäht wird und vorwiegend in den ärmeren Ländern zum Einsatz kommt. «Die Menschen», erklärt der Gesundheitsminister von Sierra Leone, Austin Demby, gegenüber der Deutschen Welle, «fürchten, dass sie Teil eines öffentlichen Experiments werden.»

Dass in den USA und den europäischen Ländern nun auch noch Kinder geimpft werden sollen, obwohl in den 29 ärmsten Ländern der Welt gerade einmal 0,3 Prozent aller verfügbaren Impfdosen verabreicht wurden, hält WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus für nicht akzeptabel. Er warnt vor weiteren dramatischen Infektionsausbrüchen wie in Indien und der Entstehung von immer neuen, gefährlicheren Mutationen.

Dies dürfte auch der Hintergrund der Initiative des US-amerikanischen Präsidenten Joe Biden sein, die Patentrechte vorübergehend auszusetzen und ärmeren Ländern die Möglichkeit zu geben, in die Produktion von Impfstoffen einzusteigen. Eine Forderung, die auch Hilfsorganisationen und Länder der südlichen Hemisphäre stellen.

Das ist ein wichtiges politisches Signal. Doch für die betroffenen Staaten bringt es keine rasche Verbesserung ihrer Situation.Denn laut ExpertInnen fehlen ihnen bislang die Produktionsvoraussetzungen, die erst aufgebaut werden müssen, von den Ausgangsstoffen und sonstigen Materialien über die Technologie bis hin zur Erfahrung mit der Produktion.

Kurzfristig würde es viel mehr helfen, wenn Biden den von seinem Vorgänger Donald Trump erlassenen Exportstopp für den gehorteten Astra-Zeneca-Impfstoff aufheben würde und wenn das Covax-Programm endlich mit den angekündigten finanziellen Mitteln der Industrieländer ausgestattet würde, um schnell genügend Impfstoff zu beschaffen.

Der Impfnationalismus der USA treibt potenziell tödliche Blüten. Dort wird seit Monaten das gar nicht zugelassene Vakzin von Astra Zeneca ungenutzt gehortet. China und Russland gehen dagegen ausgesprochen grosszügig mit ihren Impfstoffvorräten um. Serbien konnte im eigenen Land das russische Sputnik auch an Personen aus den Nachbarländern und selbst aus Deutschland verimpfen. China exportiert an 27 Länder und gibt Impfstoffchargen sogar kostenlos an 53, insbesondere afrikanische und lateinamerikanische, Länder ab. Auch wenn hinter der chinesischen und der russischen Impfdiplomatie wirtschaftliche und politische Kalküle stehen, sind sie aktuell mehr wert als die viel beschworene Impfsolidarität in hiesigen Sonntagsreden.

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