Nr. 19/2021 vom 13.05.2021

Rache in Rosa

Seit Jahrtausenden versuchen Rächerinnen, die Welt geradezurücken – und entfachen Faszination und Furcht. In ihrer schwarzen Komödie «Promising Young Woman» gibt Emerald Fennell der weiblichen Rache eine neue Dringlichkeit.

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Für jedes Opfer ein Strich im Notizbuch: Carey Mulligan als Cassie in «Promising Young Woman». Foto: Imago

Ist Rache weiblich? Ein Blick auf die Kulturgeschichte lässt es zumindest vermuten. Klar gibt es auch männliche Rächer. Aber schon in der antiken Welt sind die namhaften Rachegöttinnen und andere Rachegestalten des Mythos auffallend oft weiblichen Geschlechts: von Nemesis, der Göttin des gerechten Zorns, und Artemis, die als Jägerin und strafende Jungfrau mit Pfeil und Bogen durch den griechischen Götterzoo streift, über Elektra, die zusammen mit ihrem Bruder Orest den ermordeten Vater rächen will, bis hin zu der von ihrem Gatten verstossenen Medea auf ihrem brutalen Rachetrip. Nicht zu vergessen die Furien: wütende Rache- und Schutzgöttinnen, oft als Vollstreckerinnen einer matriarchalen Gegenordnung verstanden, die sittliche Verstösse aller Art ahnden – Meineid, Mord, Verrat.

Schweifen wir nun mit diesen nachtverwandten Furien in die erweiterte Gegenwart, begegnen wir dort der Hausangestellten in Claude Chabrols Film «La Cérémonie», die mit einer Freundin ihren Boss und dessen ganze Familie abknallt; der von schier übermenschlicher Kraft getriebenen «Braut» in Quentin Tarantinos Actionorgie «Kill Bill»; der hochbegabten Hackerin Lisbeth Salander in Stieg Larssons «Millennium»-Krimitrilogie. Deren Racheakte begründet Larsson explizit mit einer unbestreitbar frauenfeindlichen Realität: «46 Prozent der schwedischen Frauen wurden schon Opfer von männlicher Gewalt», lautet eines der Kapitelmottos.

Kein Zweifel, das kulturelle Patriarchat von Homer bis Tarantino verbirgt in diesen so heldenhaften wie geheimnisvollen Rächerinnen ein brisantes Wissen: die offenbar seit Jahrtausenden durchaus vorhandene Einsicht nämlich, dass Frauen viele Gründe haben, eine ungerechte Ordnung in Schutt und Asche zu legen. Das Wissen auch, dass sie sich oft ganz gezielt an einzelnen MissetäterInnen rächen, weil diese von offizieller Seite nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Dabei bleiben diese schillernden Rächerinnen oft unnahbar, nähren unsere Faszination, aber auch Angst, Schrecken und Befremden angesichts ihres unermesslichen, archaisch anmutenden Zorns.

Zerschellt am Vergangenen

Die junge britische Filmemacherin Emerald Fennell schreibt sich also in eine reich verzweigte alte und doch weiterhin aktuelle Tradition ein, wenn sie in ihrem aufsehenerregenden Erstling «Promising Young Woman» nun eine weitere Rächerin losschickt – mit einem zeitgenössischen feministischen Twist. Wie die RezensentInnen nicht müde werden zu betonen und aufzuzählen, ist das nichts grundlegend Neues. Das Rachegenre haben Autorinnen schon längst entdeckt – und sich angeeignet: von Callie Khouris «Thelma and Louise» als mainstreamtauglicher Lebensbilanz zweier Ausbrecherinnen bis zum handfesten Revenge Porn von Virginie Despentes’ «Baise-moi».

Was ist nun das Besondere an «Promising Young Woman»? Viele Besprechungen von Fennells Film setzen ein mit einer Beschreibung «der eindrücklichen Einstiegsszene», wie meist betont wird: Protagonistin Cassie sitzt sturzbetrunken in einem Club, lässt sich dann von einem Mann in ein Taxi bugsieren. Auf halber Strecke fällt ihm ein, dass er ja ganz in der Nähe wohnt; er lädt die Lallende zu einem weiteren Glas ein, um ihr dann an die Wäsche zu gehen. Bis ihn Cassie plötzlich hellwach und überhaupt nicht betrunken fragt: «Was machst du da?» Immer wieder. Was danach kommt, bleibt vorläufig unserer Fantasie überlassen: Hat sie ihn entmannt, getötet oder ihm bloss einen Mordsschrecken eingejagt? Er endet jedenfalls als letzter Strich einer bereits imposanten Strichchenliste in ihrem Notizbuch. Und bald schnappt Cassies Falle ein weiteres Mal zu.

Interessant ist, dass das gar nicht die erste Szene des Films ist. Nach einem kurzen Vorspann beginnt «Promising Young Woman» nämlich mit drei Männern, die sich – schwer alkoholisiert – darüber auslassen, dass ihre Chefin keine Strip- und Golfclubbesuche mit Kunden mehr erlaubt. Dann erblickt einer der drei Cassie. Man könnte eine halbe Proseminararbeit über diese Männerbundminiatur schreiben. Natürlich muss sich keiner der drei Schwankenden Sorgen machen, dass er am Ende dieses Abends vergewaltigt wird. Und überhaupt zeichnet diese so beiläufige wie krasse Einstiegssequenz die Matrix für den ganzen Film.

Die von Carey Mulligan famos gespielte Cassie ist zwar das Zentrum von «Promising Young Woman», aber eigentlich geht es Fennell um die Männer. Oder genauer: um das tödlich asymmetrische Machtgefüge, das die titelgebende vielversprechende junge Medizinstudentin dazu gebracht hat, ihr Studium abzubrechen. Stattdessen jobbt Cassie nun im Coffeeshop und hat sich ganz der Rache für den Selbstmord ihrer Freundin Nina verschrieben, die nach einer ungesühnten Vergewaltigung im College im Leben keinen Halt mehr gefunden hat.

Fennell lässt Cassie in heiklen Situationen stets allein auftreten, die männlichen Figuren dagegen zu zweit oder im Rudel: Man stützt sich gegenseitig – und wird unterstützt vom System. Dieses wird verkörpert durch die Rektorin der Schule, die den Vergewaltiger von damals als Redner einlädt und sich an Tat und Opfer zuerst nicht erinnern mag. Später fragt sie: War diese Nina nicht furchtbar betrunken? Ebenfalls präzise: Cassies Freund, ein junger Kinderarzt, hat im Gegensatz zu ihr sein Studium abgeschlossen. Mit ihm scheint kurz eine Beziehung möglich, bis auch dieses kleine Glück wieder an der Vergangenheit zerschellt.

Welt aus den Fugen

Man kann sich leicht täuschen und womöglich auch abstossen lassen von dieser obsessiven Hauptfigur und von der abgebrühten Entschlossenheit dieses Films, der sich ästhetisch schon mal zwischen Nagelstudio und Schminkvideo bewegt und im Soundtrack locker von Wagners Liebestod zu Paris Hiltons einzigem Hit springt. Aber Fennell, die wie ihre gute Freundin Phoebe Waller-Bridge («Fleabag») auch vor der Kamera Erfolge feiert (jüngst als Camilla Parker-Bowles in «The Crown»), arbeitet in ihrem nun oscarprämierten Drehbuch und auch als Regisseurin bis in die Details der Farbgebung hinein bestechend genau: Man verfolge nur, wie sie die klischierten Mädchen- und Bubenfarben Rosa und Hellblau einsetzt.

Auch wie sie Cassie als widerspenstiges weibliches Subjekt konstruiert, das jede Typologie und manche Sympathie sprengt, ist konsequent bis in die Namensgebung hinein. Cassie steht für Kassandra. Keine Rächerin also, sondern die bekannteste mythologische Seherin, die mit ihren Vorhersagen wenig Gehör findet und ständig in die Bredouille gerät. Entsprechend gestaltet sich das Finale des Films: Seherin Cassie führt vor, wie das Unrecht, das ihr keine Ruhe lässt, durch ein weiteres Opfer gesühnt werden soll.

Womit wir zurück sind bei der Blutlogik der Antike. Aber auch bei den Debatten rund um #MeToo, in denen heute oft geschimpft wird, die weibliche Rachsucht schiesse weit übers Ziel hinaus. Allerdings ist genau das der Punkt: Rache kennt kein Mass und keine Katharsis. Rache reagiert auf eine aus den Fugen geratene Welt. Rächerinnen wie Cassie verlassen diese herrschende Unordnung – und konfrontieren uns mit einem unbequemen Wissen, das mit einem sauber aufgeräumten rechtsstaatlichen Argument nicht in Einklang zu bringen ist.

Es gibt Unrecht, das von der Rechtsordnung kaum erfasst wird; Frauen wissen das besonders gut. Was mit ein Grund dafür ist, dass Frauen in diesen heillosen Rachegeschichten in ihrem Element sind. Dass es uns beim Zuschauen unwohl wird, gehört zu dieser Wahrheit mit dazu. Dieses Unbehagen hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Gerechtigkeit auch mit Rache nicht zu haben ist.

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