Nr. 21/2021 vom 27.05.2021

Stöberwonne im Mai

Swisscovery, die Suchplattform für Bibliotheken, erhält Konkurrenz von Projekten, die auf offenem Quellcode basieren und unabhängig von Big-Tech-Firmen funktionieren.

Von Benjamin von Wyl

Kaum jemand denkt bei der Macht von Techkonzernen an Bibliothekssoftware. Doch es ist ein umkämpftes Geschäft. Unter den wissenschaftlichen Bibliotheken dominiert seit einigen Jahren die Firma Ex Libris, die ihre Bibliothekssysteme in 90 Länder, an 7500 Verbünde und Bibliotheken, verkauft hat. So auch in die Schweiz: Es steckt Ex-Libris-Technologie in SLSP, der gemeinsamen Plattform von 475 Bibliotheken, und deren Suchoberfläche Swisscovery, die für Frust sorgt (siehe WOZ Nr. 13/2021).

Kaum jemand denkt bei Softwareentwicklung an Rudolf Steiner. Doch im Weltzentrum der Anthroposophie in Dornach kämpft ein einzelner Bibliothekar gegen die Dominanz der Konzerne an: Maxime Le Roux streckt die Hand zum Schütteln aus, vielleicht eine Sekunde lang – bevor er sie doch zurückzieht. Ist er einfach übermüdet? Tagsüber arbeitet Le Roux im Goetheanum als Bibliothekar, nebenbei programmiert er seit einem Jahr jede Nacht acht Stunden an einem eigenen Bibliothekssystem.

Von Island bis Südafrika

Bis zu ihrem Austritt im Sommer 2020 war auch die Goetheanum-Bibliothek bei der SLSP dabei. Aber Le Roux erschien der Nutzen gering, die Gebühr von über 10 000 Franken pro Jahr zu hoch. In der Goetheanum-Bibliothek mit etwa 100 000 Büchern – ein Zehntel davon sind Werke von Rudolf Steiner in Esperanto, Chinesisch etc. – ist Le Roux’ Entwicklung bereits im Einsatz. Momentan sei seine Software noch eine Baustelle, sagt er. Ist sie aber fertig, soll sie die Grundlage für eine Alternative zu SLSP und den weltweiten «Quasimonopolen» schaffen.

Parallel zum Bibliothekssystem arbeitet Le Roux auch an seinem weltweiten Metakatalog OpenCat. Bereits jetzt versammelt OpenCat die Daten von knapp 60 Bibliothekskatalogen von Island bis Südafrika. Damit kann man auch gleichzeitig die Bestände der SLSP-Bibliotheken und der von diesen abgenabelten Bibliotheken wie der Universitätsbibliothek Lausanne durchsuchen. Die bibliografischen Daten, die Le Roux bei seiner Nachtarbeit sammelt und aufbereitet, stellt er allen frei zur Verfügung. Für den Bibliothekar hat das etwas Aktivistisches, der Name OpenCat ist Programm: Gibt es doch WorldCat, den weltweiten Metakatalog der Organisation OCLC, die ihre Daten nur mit Bibliotheken teilt, die Lizenzen kaufen. OCLC war der dominante Player am Bibliotheks-IT-Markt, bevor Ex Libris vorbeizog. OpenCat ist allerdings nicht die einzige Alternative zu WorldCat; auch der Karlsruher Virtuelle Katalog (KVK) versammelt Bibliothekskataloge von Lettland bis Kanada mit einem Klick. Und das schon seit 1996.

Schnell orientiert

Le Roux’ Ausdauer und die Karlsruher Beständigkeit in Ehren – noch nützlicher ist Swisscollections. Der Katalog, der diesen Monat «als Ergänzung zu Swisscovery» online ging, schafft schnell und nachvollziehbar Orientierung in den Beständen alter Handschriften und neuerer Archivmaterialien. Egal ob man historische Ausgaben von «Tristan und Isolde» sucht oder die gesammelten Thesen der «Revolutionären Marxistischen Liga» aus den siebziger Jahren: Auf Swisscollections wird man fündig. Es sind allerdings erst 14 Bibliotheken mit dem System verbunden.

Swisscollections baut auf derselben Open-Source-Software auf wie die hervorragende Swissbib-Suche, die im Zuge des SLSP-Zusammenschlusses leider eingestellt wurde. Dass sich die Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, die Zentralbibliothek Zürich und andere, die alle ebenfalls zu SLSP-Swisscovery gehören, ausgerechnet im Dezember 2020 zum Trägerverein von Swisscollections zusammenschlossen, spricht Bände: Sie erkannten schon beim Start von SLSP-Swisscovery, dass Handlungsbedarf bei der Suche nach historischen Materialien bestand.

Mit memobase.ch kann seit letzter Woche zudem das audiovisuelle Erbe der Schweiz durchforstet werden. Die Plattform, die das IT-Team der Universitätsbibliothek Basel umsetzt, versammelt über 400 000 Bild- und Tondokumente vom Archiv von Schweizer Radio und Fernsehen SRF bis zu Radio Stadtfilter. Memobase.ch bietet einen geradezu süchtig machenden Archivschatz. Die Suche funktioniert intuitiv, und die Plattform basiert ebenfalls auf Open-Source-Technologie. An all diesen Projekten verdient also keine Big-Tech-Firma mit. Und sie führen vor Augen, was Suchplattformen wirklich können.

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