Nr. 23/2021 vom 10.06.2021

Im Tunnel

Stefan Gärtner über eine neue Untergrundbewegung

Von Stefan Gärtner

Der Kolumnentitel ist das, was zuallerletzt aufs Papier kommt, weil ich vorher nicht weiss, was da am Ende steht. Diesmal ist es anders, denn «im Tunnel» befinden sich nicht nur Höchstleistende, die vor Konzentration nichts mehr wahrnehmen, sondern in nicht allzu ferner Zukunft auch die Sachen, die die Leut’ den ganzen Tag so zusammenbestellen und die bislang noch im Lkw durch die Welt gebrummt werden müssen.

Vergangenheit, wie gesagt: Denn per «Cargo Sous Terrain» sollen, so planen es jedenfalls «Migros und Coop, die staatsnahen Betriebe wie SBB, Post und Swisscom, die Finanzunternehmen ZKB, Credit Suisse, Vaudoise und Mobiliar sowie (…) Rhenus Alpina, DSV und Swisslog» («NZZ»), Waren und Güter unterirdisch transportiert werden, in automatisierten Zügen, quasi per Rohrpost. Der Ständerat ist bereits einverstanden, und wir sind es natürlich auch.

Der marxsche «Warenfetisch» bedeutet nämlich nicht, dass uns die Ware scharf macht; er bedeutet, dass die gesellschaftliche Arbeit, die in ihr steckt, unsichtbar wird: Die Ware ist da, und niemanden muss es scheren, wie sie hergekommen ist. Ihre Produktion ist, sofern wir nicht selbst an der Herstellung beteiligt sind, bereits unsichtbar, der Transport ist es nicht, wenn man auf der Autobahn hinter einem Lastzug feststeckt oder zu Hause unter Strassenlärm und Abgasen leidet. Aus den Augen, aus dem Hörsinn, liesse sich das Tunnelprojekt freundlich beschreiben, das einmal von Genf bis St. Gallen und von Basel bis Luzern reichen soll und dessen Finanzierung bereits gesichert ist, als «grosse Vision in der Logistik: Sie soll Güter von A nach B umweltfreundlich und staufrei transportieren» («Berner Zeitung»). Leute, denen man nichts recht machen kann, könnten andererseits finden, dass, je mehr von allem abstrahiert wird, was die Ware (und nämlich ihre Produktion) ausmacht, desto zügelloser alles werden muss, und nur weil die Billigklamotte oder sterbensnötiger Elektrospielkram nicht mehr auf der Strasse zu uns kommt, sondern wie von Geisterhand, heisst das nicht, dass nicht irgendwer irgendwo dafür bezahlt, und zwar nicht mit Kreditkarte.

Wie es im Sinne von Zentrum und Peripherie dann auch so ist, dass da, wo die sogenannten Verteilzentren stehen, der oberirdische Verkehr nicht ab-, sondern zunimmt. Im Zentrum der Pläne steht das Gäu, wo jetzt schon viel Logistik sitzt und drei «Hubs» geplant sind, Knotenpunkte für die Verladung in den Untergrund. «Werden die Hubs bei den bereits heute bestehenden Niederlassungen von Logistikern gebaut, dann verschwindet ein Teil des Verkehrs aus diesen Firmen. Dafür müssen andere Unternehmen ihre Ware dorthinbringen», zitiert die «Berner Zeitung» den Gemeindepräsidenten von Härkingen und fasst zusammen: «Die Güter-U-Bahn verlagert zwar Transporte weg von der Oberfläche, aber an den Einstiegspunkten des Systems kommt es zu Gedränge», wie sich am Mehr und Weiter mit der neuen Untergrundbewegung natürlich nichts ändern wird, vermutlich schon im Gegenteil. Die Wissenschaft spricht vom «Rebound-Effekt»: Ist etwas effizient oder vorgeblich umweltschonend, wird es eher benutzt, und wer sich einen Tesla gekauft hat, der wird nicht einsehen, warum er dann noch Fahrrad fahren soll.

Der Tunnelgüterverkehr wirft die Frage auf, wie sozialdemokratisch wir sein wollen, denn Sozialdemokratie bedeutet, die Dinge erträglicher zu machen, um sie nicht ändern zu müssen. Dass Lkws von der Strasse verschwinden, schön, aber geht es denen, die bislang Lkw gefahren sind, darum besser? Dass es um die Produktion, nicht um die Verteilung der Güter gehen müsse, war die Überzeugung etwa Rosa Luxemburgs, und dass sie bald geräuschlos verteilt werden, unterscheidet Sozialdemokratie von einer Gesellschaft, die vielleicht Tunnel baut, aber nicht in einem steckt.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe. Sein Buch «Terrorsprache» ist im WOZ-Shop erhältlich unter www.woz.ch/shop/buecher.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch