Nr. 47/2015 vom 19.11.2015

Die Immunität des Autos gegenüber der Vernunft der Zahlen

Das Auto muss weg, weil es als Verkehrsmittel höchst ineffizient ist. Doch gerade darum brauchen wir das Auto.

Von Hanspeter Guggenbühl

Tesla statt Mercedes? Benzin-, Diesel- oder Elektromotor? Die Frage, wie Autos effizienter und umweltfreundlicher angetrieben werden können, bewegt Fachleute und Medien speziell, seit der Autokonzern VW bei der Manipulation seiner Abgas- und Verbrauchswerte erwischt worden ist. Diesel- oder benzinbetriebene Motoren haben einen lausigen Wirkungsgrad und produzieren viel CO2, argumentieren BefürworterInnen der Elektromobilität. Die Produktion von Elektrizität und von Elektroautos erzeugt ebenfalls CO2 und ist ineffizient, entgegnen die SachwalterInnen des Verbrennungsmotors, weil in Kohle-, Atom- oder Solarkraftwerken viel Primärenergie ungenutzt verpufft.

Wesentlicher als die Frage, welchen Antrieb wir wählen, ist die Frage nach dem Was: Was treiben wir mit der Automobilität eigentlich an? Verkehrsforschung und Statistiken liefern uns dazu eine Fülle von Daten zur Produktivität sowie zum Verbrauch von Ressourcen, Raum, Zeit und Geld:

  • Das Durchschnittsauto in der Schweiz wiegt 1,5 Tonnen. Es befördert im Durchschnitt 1,6 Personen, inklusive Gepäck rund 150 Kilo. Die Verpackung ist somit zehnmal schwerer als der Inhalt.
  • Das Auto kann anderthalb- bis zweimal so schnell fahren, wie das Gesetz erlaubt. Es verfügt im Schnitt über 110 Kilowatt Leistung. Bei einem normalen Fahrzyklus liegt der Grossteil dieser Leistung brach.
    Ob mit Öl, Gas, Strom oder Wasserstoff: Um neunzig Prozent Verpackung mit einem überdimensionierten Motor und tiefem primärenergetischem Wirkungsgrad zu transportieren, ist jede Energie zu wertvoll.
  • Rund 23 von 24 Stunden steht das Auto still auf einem Abstellplatz. Man stelle sich einen Transportunternehmer vor, der einen schweren LKW mit überdimensioniertem Motor beschafft, ihn aber bloss mit einem Zehntel der zulässigen Fracht belädt und nur eine Stunde pro Tag betreibt. Er ginge pleite und käme ins Irrenhaus. Der gleiche Irrsinn aber bildet das Rückgrat des nationalen und globalen Personenverkehrs; in der Schweiz entfallen heute siebzig Prozent der zurückgelegten Personenkilometer (Pkm) aufs Auto.

Rechnen wir zusammen: zehn Prozent Fracht, befördert mit weniger als zwanzig Prozent energetischem Wirkungsgrad bei einer Betriebszeit von vier Prozent. Die Produktivität des Personenautos bewegt sich damit unter der Schwelle von einem Promille.

Weit effizienter sind andere Verkehrsmittel: Ein Elektrovelo wiegt mit 24 Kilo nur ein Drittel der von ihm transportierten Person. Darum benötigt seine Lenkerin auf der Fahrt von Bern nach Bolligen nur etwa ein Zwanzigstel des Stroms, den ein angeblich umweltfreundlicher Tesla-Fahrer benötigt. Bei der Eisenbahn ist das Gewichtsverhältnis zwischen Verpackung und transportierten Personen zwar ähnlich ungünstig wie beim Auto, doch ein Zug liegt weniger lang brach und benötigt pro Person und Kilometer ebenfalls viel weniger Energie als ein Mittelklasseauto.

Jedem Auto ein Loft

Das Auto ist nicht nur unproduktiver als andere Verkehrsmittel, es verschlingt auch besonders viel Naturkapital. Das belegen die folgenden Daten:

  • Der Autoverkehr (ohne Gütertransport) verbrennt ein Fünftel der in der Schweiz verbrauchten Endenergie, und sein Anteil am CO2-Ausstoss beträgt ein Viertel. Damit fördert er die Plünderung von nicht nachwachsenden Ressourcen und den Klimawandel. Sein Anteil an der lokalen Luftverschmutzung mit Stickoxiden, Kohlenwasserstoffen oder Ozon ist rein rechnerisch zwar stark gesunken, seit die Schweiz mit strengen Abgasnormen die Einführung von Katalysatoren durchsetzte. Aufgrund der bekannt gewordenen Abgasmanipulationen dürfte dieser Rückgang in der Praxis allerdings kleiner sein als auf dem Papier.
  • Der Verkehr insgesamt beansprucht im Inland 950 Quadratkilometer Fläche. 840 Quadratkilometer davon entfallen auf den Strassenverkehr (exklusive aller Parkplätze in Gebäuden). Pro Motorfahrzeug (Personen- und Lastfahrzeuge) ergibt das eine Fläche von 140 Quadratmetern. Ein Auto beansprucht damit dreimal mehr Land als eine Person in Form von Wohnfläche.

Effizient und umweltverträglich ist das Auto also keineswegs. Aber dafür viel schneller als die effizienteren Fahrräder? Theoretisch ja: Die meisten Modelle können weit über die erlaubte Geschwindigkeit hinaus beschleunigen. Doch Tempolimits, stockende Blechkolonnen und Staus bremsen die flotte Fahrt. Das belegen wiederum Statistiken, ergänzt mit etwas Arithmetik:

  • Das Durchschnittsauto legt im Jahr 12 500 Kilometer (km) zurück, zeigt die Schweizer Verkehrsstatistik fürs Jahr 2014. Für den Automobilisten, der eine Stunde täglich oder 360 Stunden pro Jahr damit fährt, ergibt das eine mittlere Geschwindigkeit von knapp 35 km/h.
  • Ein 37 000 Franken teurer Mittelklassewagen mit 12 500 Jahreskilometern verursacht Kosten von neunzig Rappen pro Kilometer respektive von 11 250 Franken pro Jahr, zeigen die Berechnungen des Touring-Clubs der Schweiz (TCS). Dafür muss ein Angestellter mit mittlerem Lohn 240 Stunden lang arbeiten.
  • Berücksichtigt man neben den 360 Stunden Fahrzeit im Auto auch die 240 Stunden Arbeitszeit fürs Auto, sinkt das Durchschnittstempo auf rund 20 km/h (12 500 Jahreskilometer dividiert durch 600 Stunden). Da kann ein Velo – mit oder ohne Elektromotor – noch gut mithalten.

«Das Auto muss weg» …

«Das Auto muss weg», schrieb der damalige Journalist und heutige NZZ-Kolumnist Beat Kappeler schon 1984 in der «Handelszeitung»; seither ist der Autobestand in der Schweiz nochmals um siebzig Prozent auf 4,4 Millionen gestiegen. Kappeler hatte und hat recht: Das Auto muss weg, weil es als Massenverkehrsmittel jeder Produktivität spottet. Das Auto muss weg, weil es der Menschheit zu viele Ressourcen, zu viel Raum und Zeit stiehlt. Und weil es mit jährlichen Kosten von 11 250 Franken einen Haufen Geld verschlingt.

Doch hier beginnt der Konflikt zwischen ökologischer Einsicht und ökonomischem Zwang: Die Kosten für die 4,4 Millionen in der Schweiz im Verkehr stehenden Autos summieren sich auf rund 50 Milliarden Franken pro Jahr. Das entspricht einem Anteil von fünfzehn Prozent der privaten Konsumausgaben und von acht Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Automobilität ist damit eine gewichtige Stütze des volkswirtschaftlichen Umsatzes und des wachstumsorientierten Wirtschaftssystems.

Wäre das Auto ein Produktionsmittel, hätte eine auf Produktivität getrimmte Gesellschaft es gar nie eingesetzt – oder aus Effizienzgründen weitgehend ersetzt durch Bahn, Sammeltransport, Elektrovelo, Fahrrad und Telekommunikation. Doch der private Personenverkehr und sein Hauptträger fallen in den Konsumbereich. Hier regiert nicht die Produktivität, sondern das Gesetz der Menge: Je mehr Produkte eine Gesellschaft kauft und je teurer die einzelnen Produkte sind, desto stärker wächst der Konsum und damit auch die Wirtschaft.

Oder umgekehrt: Würden die Menschen so effizient konsumieren, wie sie produzieren, bräche die Wirtschaft zusammen. Denn die reale Wirtschaft hängt am Wachstum wie die Mehrheit der Bevölkerung am Status- und Suchtmittel Auto. Darum bleibt jede Kritik an der Automobilität brotlos.

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