Nr. 24/2021 vom 17.06.2021

Falsche Jobversprechen

Von Benjamin von Wyl

Noch bis Ende Monat können sich abgewiesene Asylsuchende für die sogenannt freiwillige Rückkehr mit dem neuen IT-Fernarbeitsprogramm des Staatssekretariats für Migration (SEM) bewerben. Das SEM hofft, dass sich vor allem EritreerInnen und ÄthiopierInnen melden. Menschen anderer Nationalität «werden auf eine Warteliste gesetzt», so ein Sprecher. Diese besteht jedoch erst theoretisch: Denn Anfang Juni gab es noch gar keine «offiziellen Anmeldungen».

Der Flyer zum Angebot verspricht ein «Package» aus drei Monaten Ausbildung in der Schweiz und danach «mindestens ein Jahr» «zugesicherte IT-Fernarbeit» für eine Schweizer Firma vom Herkunftsland aus. TeilnehmerInnen müssen vor Antritt der Ausbildung ein Dokument unterzeichnen, in dem sie zusichern, «freiwillig» zurückzukehren und dem SEM bis spätestens zum Kursende ein entsprechendes Reisedokument zuzustellen. Damit unterzeichnen sie auch die Aussage, ihnen sei bewusst, «dass die Kosten für diese Berufsausbildung (…) Teil» ihrer «künftigen individuellen Rückkehrhilfe» seien. Zum Arbeitsverhältnis steht nichts auf dem Formular. Wohl auch, weil die versprochene Arbeit bloss ein Praktikum oder ein leeres Versprechen sein kann, wie neue Recherchen zeigen.

Die sonst in der Integration tätige Organisation Powercoders setzt das SEM-Programm um. «Ein Praktikum / eine Anstellung wird während der Ausbildung gesucht», sagt Powercoders-CEO Bettina Hirsig. Nur wenn die Ausbildung «erfolgreich» beendet wird und sich TeilnehmerInnen gegenüber einer Firma haben «bewähren» können, werde «ein Praktikum oder ein befristeter Arbeitsvertrag ermöglicht».

In einem Interview mit der Kaderorganisation SKO schwärmte Powercoders-Gründer Christian Hirsig kürzlich vom Start-up-Ansatz hinter Powercoders, die den Fachkräftemangel in der IT-Branche mitbeseitigten und das «Berufsintegrationsproblem der Kantone» lösten. «Bei der Wirtschaftlichkeit ist es unglaublich wichtig, dass man Probleme löst», so sein Kernsatz.

Da stellt sich die Frage: Wessen Probleme löst die missverständlich präsentierte Rückkehrhilfe? Falls sich niemand bewirbt, noch nicht einmal die von Karin Keller-Sutter.

Nachtrag zum Artikel «Mit einem Laptop zurück in die Diktatur» in WOZ Nr. 17/2021.

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