Nr. 26/2021 vom 01.07.2021

Löcher klaffen in Strassen und Kassen

Im Libanon wird derzeit alles gestohlen, was als Rohstoff verkauft werden kann. Viele Menschen sehen darin die einzige Chance, zu überleben.

Von Meret Michel (Text) und Natheer Halawani (Foto), Beirut

Gefährlicher Abfluss: Bereits fehlen im ganzen Land Tausende Schachtdeckel.

Vermutlich ist es ihre Abgeschiedenheit, die die alte Küstenstrasse zwischen Batroun und Chekka zum idealen Tatort macht. Bis zum Bau des Autobahntunnels in den achtziger Jahren war sie die wichtigste Verbindung zwischen der Hauptstadt Beirut und der zweitgrössten Stadt Tripoli im Norden des Libanons. Heute aber sind nur noch wenige Autos auf dem kurvenreichen Abschnitt unterwegs. Auch Häuser stehen dort keine, abgesehen von einem Militärstützpunkt und einem Bauernhof.

Es ist daher erstaunlich, dass es überhaupt etwas gibt, was sich zu stehlen lohnt. Und doch, bereits wenige Hundert Meter nach den letzten Dorfhäusern liegt der erste Autoreifen, von den angrenzenden Gemeinden als Warnung platziert. Dahinter gähnt ein Loch, dort, wo eigentlich der Schachtdeckel sein sollte. Auf den wenigen Kilometern danach fehlen bestimmt vierzig weitere solche Abdeckungen.

Hundert US-Dollar für vierzig Kilo

Vor rund zwei Monaten hat es mit den Diebstählen angefangen; ersetzt worden sind die Schachtdeckel bis heute nicht. Dafür wären nicht die Gemeinden zuständig, sondern das Ministerium für öffentliche Arbeiten und Transport. Doch dem Ministerium fehlt das Geld, der ganze libanesische Staat ist pleite. Und es sind nicht bloss die Schachtdeckel, die nicht ersetzt werden. Benzin und Diesel sind knapp, so dass sich vor den Tankstellen lange Schlangen bilden; die staatliche Stromversorgung droht aufgrund fehlender Finanzierung zusammenzubrechen.

Der Libanon erlebt derzeit die schlimmste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Als vor anderthalb Jahren im ganzen Land Massenproteste ausbrachen, schlossen für kurze Zeit die Banken – um dann mit Kapitalkontrollen wieder zu öffnen. Seither haben die Menschen keinen Zugriff mehr auf ihre Ersparnisse, der Wert des libanesischen Pfunds, das vor der Krise über zwei Jahrzehnte lang mit einem fixen Wechselkurs an den US-Dollar gebunden war, fiel ins Bodenlose, woraufhin sich die Preise für Konsumgüter und Lebensmittel vervielfachten.

Die Kriminalitätsrate hat sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt, auch die Mordrate steigt. Die Schachtdeckel werden nicht nur im Norden gestohlen, sondern überall im Land. Und nicht nur die: Auch Kupferkabel und Stromleitungen verschwinden, in einem Dorf die Metalltüren auf dem Friedhof, in einem anderen die Metallfässer, die als Mülltonnen fungierten. Im Gegensatz zum Pfund ist der Preis von Rohstoffen stabil geblieben. So bekommt man für das Eisen der rund vierzig Kilogramm schweren Schachtdeckel noch immer fast hundert US-Dollar – viel Geld in einem Land, in dem selbst UniversitätsprofessorInnen kaum mehr als das Doppelte davon im Monat verdienen.

Wer die Deckel stiehlt, ist in der Regel nicht klar, und meist richtet sich der Verdacht nach dem Vorurteil des Gefragten. «Einmal haben wir sie erwischt», sagt George Salloum. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Selaata, die am Anfang der Strasse nach Tripoli liegt – ein Mann mit feinem Schnauzbart, der hinter einem mit Papier und Mappen vollgestapelten Schreibtisch sitzt und eine Zigarre raucht. Seit Jahrzehnten sei er hier Bürgermeister, obwohl er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitze und damit den Libanon jederzeit verlassen könne. Doch stattdessen setze er sich jetzt, während der Krise, jeweils sogar selbst an die Tankstelle im Dorf. Im ganzen Land herrscht akuter Mangel an Benzin, und er wolle verhindern, dass jemand von ausserhalb komme und seinen Tank fülle.

Dank der Überwachungskameras, die er vor Jahren im Dorf anbringen liess, hätten sie ein verdächtiges Auto entdeckt. Die Autonummer habe die Polizei zu den Eisendieben geführt: drei Männer, einer aus Tripoli und zwei aus der Gegend. «Klar spielen die Armut und die Krise eine Rolle», erklärt Salloum auf die Frage, warum heute so viel gestohlen werde. «Aber es ist auch die Erziehung.» Er zum Beispiel würde nichts klauen, selbst wenn er vor Hunger sterben würde. In Tripoli aber sei das anders, da herrsche eben eine andere Erziehung.

Auf dem Schrottplatz in Tripoli

Tripoli. Die Hafenstadt im Norden war schon vor der Krise arm, heruntergewirtschaftet durch eine Politik, die die Wirtschaftsförderung über Jahrzehnte auf Beirut konzentrierte. Jetzt, mit der Krise, ist Tripoli wie ein unheilvoller Vorbote dessen, was dem ganzen Land blüht.

Wenn stimmt, was Bürgermeister Salloum sagt, müssten die Schachtdeckel dort landen. Die Schrottplätze befinden sich fast alle an einer breiten Strasse, die zum Hafen führt. Einer davon gehört Ahmad Seif. Auf die Schachtdeckel angesprochen, winkt er ab. «Da musst du nicht zu uns kommen, wenn du wissen willst, wo die hinkommen», sagt er. «Schau doch mal, hier ist überall die Armee. Geklautes wirst du hier nicht finden. Da musst du nach Dahieh oder in den Süden, an die Orte, wo es keinen Staat gibt.» Er meint jene Gebiete, die von der schiitischen Hisbollah-Miliz kontrolliert werden. Vor allem aber will er betonen, dass er mit solchen illegalen Machenschaften nichts zu tun habe.

Seit zwanzig Jahren arbeitet Ahmad Seif schon hier, doch was er in diesen Wochen und Monaten erlebt hat, ist selbst ihm neu. «Gestern zum Beispiel», fängt er an zu erzählen, «gestern ist eine Frau mit einem kleinen Wandkreuz vorbeigekommen. Sie wollte wissen, wie viel sie dafür kriegen würde.» 10 000 Pfund habe er ihr dafür bezahlt, weniger als einen Franken.

Seif geht über den Platz, dessen Boden übersät ist mit Pepsi-Dosen und Joghurtbehältern aus Plastik, Kisten voller Wasserpfeifen. Ständig fahren Autos vor, die Kofferräume voll mit Metallstangen, Platten oder Plastikrohren. Die Menschen, die sie verkaufen, sind seit Monaten ohne Arbeit, haben keine Ersparnisse mehr. Nur noch der Wert ihrer Habseligkeiten zu Hause trennt sie vom Hunger. Viel unmittelbarer als Seif können nur wenige beobachten, wie sich die Krise immer weiter in den Alltag der Menschen frisst.

Ein Auto fährt vor, ein Mann steigt aus und begrüsst Seif – er scheint Stammkunde zu sein. Er öffnet seinen Kofferraum, zieht ein paar Spulen mit aufgerolltem Kupferdraht heraus und legt sie auf die riesige Waage. Die Drähte hat er bei sich zu Hause abmontiert. Jetzt habe er zwar kaum noch Strom – dafür geht er mit 150 000 Pfund, rund zehn Franken, nach Hause, um seinen sechs Kindern Essen zu kaufen. «Am Anfang habe ich noch grössere Sachen gebracht, einen Metalltisch etwa», sagt der Mann. Inzwischen sei aber nur noch die Einrichtung im Schlafzimmer übrig geblieben, vor allem das Metall des Bettgestells.

Das Einzige, was er kaum noch kriege, sagt Seif, seien Fernseher und Kühlschränke. Früher hätten die Leute alle paar Jahre einen neuen Fernseher gekauft und den alten entsorgt. «Das kann sich heute niemand mehr leisten.» Neben dem Eingang steht ein kleiner, aber kompletter Marktstand. Der Besitzer habe ihn einst selbst gebaut, sagt Seif. Doch als er über Wochen hinweg kaum mehr etwas verkaufte, gab er sein Geschäft auf – und brachte den Stand hierher. Gleich davor stehen ein paar Kisten auf dem Boden, gefüllt mit kurzen Rohrstücken. Sie stammen von einem Sanitär, der sein Material verkaufte, um seinen Angestellten den Lohn zu bezahlen. «Jetzt verkaufen die Leute noch das, was sie zu Hause finden», sagt Ahmad Seif. «Aber was tun sie, wenn sie nichts mehr besitzen, was sie verkaufen können?»

Im Hisbollah-Gebiet

Knapp hundert Kilometer weiter südlich, am Südrand von Beirut, sitzt Santo vor seiner Hütte auf einem selbstgezimmerten Sitzplatz aus Holz und blickt über das Meer. Santo ist sein Spitzname – seinen richtigen will er lieber nicht nennen. Der Mann lebt in Ouzai, einem der ärmsten Viertel der Stadt, das heute fest in Hisbollah-Hand ist – also dort, wo laut Schrottplatzbesitzer Seif die Schachtdeckel landen. Auch Santo, der sich hier auskennt, glaubt, dass die Deckel am Ende auf Schrottplätze kämen. Sie würden einfach zuvor in Kleinteile zersägt, um ihren Ursprung zu verschleiern.

Sowieso sei das mit den Schachtdeckeln eine alte Geschichte. «Es gibt Leute, die haben angefangen, im Meer nach Abfall zu tauchen.» Sogar alte Autowracks, die die Fischer als Fallen für ihren Fang einst im Meer versenkt hätten, würden jetzt wieder rausgeholt. Im Viertel selbst werde alles, was sich an Metall oder Plastik finden lasse, gesammelt und verkauft. Und Santo selbst hat sich aus Angst vor Dieben einen Hund zugetan, der nun draussen vor der Tür angekettet ist.

Ein Anzeichen für die Schwere dieser Krise ist, dass sie kaum mehr jemand schönreden mag. Nicht einmal jene, die selbst noch für den Staat arbeiten. Ein Staat, der pleite ist, der seit Monaten ohne Regierung funktionieren muss, der sich selbst kaum noch am Leben halten kann. Das zumindest ist das Bild, das Munir Soboh zeichnet. Er ist Abteilungsleiter im Ministerium für öffentliche Arbeiten und Transport und als solcher zuständig für die Schachtdeckel.

Zwar arbeite sein Ministerium daran, die gestohlenen Deckel zu ersetzen. «Wir sind gerade daran, im ganzen Land zu zählen, wie viele gestohlen wurden», sagt Soboh. Die Hälfte des Strassennetzes hätten sie inzwischen überprüft – es seien jetzt schon Tausende Deckel. Für den Ersatz suchten sie aber nach einem anderen Material: damit sie nicht wieder gestohlen würden, aber auch, weil das Ministerium sich keine Deckel aus Eisen mehr leisten könne. «Unser Budget für Strassenbau lag vor der Krise bei 150 Millionen US-Dollar», sagt Soboh. Jetzt seien es noch drei Millionen. «Wir können nichts mehr bezahlen.»

Die Probleme seines Ministeriums sind allerdings noch existenzieller. Wie das ganze Land hat auch das Ministerium nur noch zwei Stunden am Tag regulär Strom – den Rest müssen sie mit Generatoren überbrücken. Der Diesel, den er brauche, um sie zu betreiben, reiche nur noch für zwei Wochen, sagt Soboh. Ob er danach Geld für den Kauf von neuem Diesel bekomme, wisse er nicht. Und selbst wenn: «Die Tankstellen verkaufen den staatlichen Institutionen nichts mehr, weil diese erst ein Jahr später bezahlen.» Wegen der Inflation fürchteten sich die BetreiberInnen vor dem Verlustgeschäft.

Die Menschen haben Hunger

Es ist die schaurige Momentaufnahme davon, wie ein Staat in der Krise kollabiert: Die Generatoren können die immer längeren Unterbrüche der Stromversorgung kaum noch überbrücken. An den Tankstellen kommte es wegen Benzinmangel zu Streitigkeiten und sogar Schiessereien. Im Beiruter Stadtteil Raoucheh ist im April bei Nacht ein Mann in ein Schachtloch gefallen und musste von der Feuerwehr gerettet werden. Vermutlich habe er das Loch nicht gesehen, weil die Strassenlaternen aus waren, mutmasst der Blog «The961».

Anfang Juni dann meldete die nationale Nachrichtenagentur, zwei Männer, einer von ihnen minderjährig, seien mit vier Schachtdeckeln auf einem Tuk-Tuk im Beiruter Karantina-Viertel erwischt worden. Sie gaben zu, in verschiedenen Quartieren mehrmals Schachtdeckel geklaut zu haben. Das Diebesgut brachten sie zu einem Mann im palästinensischen Flüchtlingslager Sabra, den sie «Qardouhi» nannten und der ihnen auch das Tuk-Tuk zur Verfügung gestellt habe. «Die Menschen klauen die Schachtdeckel, weil sie Hunger haben und sich etwas zu essen kaufen müssen», sagt Abteilungsleiter Soboh. «Ich will sie nicht entschuldigen, aber das ist heute die Situation im Libanon.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch