Nr. 26/2021 vom 01.07.2021

Die Stadtpolitik hat sich der Utopie hingegeben, man könne tatsächlich bessere, neue, fertige Städte bauen

Städte sind Gemeingut, nur im Kollektiv können sie erschaffen werden. In Zürich hat die damalige Stadträtin Ursula Koch einst die Bedingungen dafür skizziert, doch die Stadtplanung will davon bis heute nichts wissen. Ein Plädoyer für die unfertige Stadt.

Von Philippe Koch

Wann hat man eigentlich angefangen, fertige Häuser zu bauen und sie nach Ablauf der Nutzung abzubrechen und durch neue fertige Gebäude zu ersetzen? Lange Zeit war das stete Weiterbauen Alltag: Zimmer wurden zusammengelegt, kleine Auf- oder Anbauten vorgenommen, Fensterläden neu bemalt, der Aussenraum wechselnden Nutzungen zugeführt. Heute ist die unfertige Stadt unter Druck und damit die Stadt an sich. Eine neue Politik des Städtischen leistet jedoch Widerstand.

Dass Gebäude und Stadträume abgebrochen und neu gebaut werden, war während Jahrhunderten die Ausnahme. Der Normalfall war die stete Weiterarbeit am Bestand. Damit sind nicht nur bauliche Verschönerungen, Reparaturen oder Umbauten gemeint, sondern auch der tägliche kollektive Gebrauch der Stadt und ihrer Werke. Durch permanente Nutzung und Anpassung wurde der gebaute Raum stetig, beinahe unmerklich transformiert. Damit blieb die Stadt unfertig und lebendig. Ganz im Sinne von Bertolt Brechts Gedicht «Über die Bauart langdauernder Werke»:

Wie lange Dauern die Werke? So lange, Als bis sie fertig sind. Solange sie nämlich Mühe machen, Verfallen sie nicht.

(…)

Die lang dauernden Sind ständig am Einfallen, die wirklich gross geplanten Sind unfertig.

Unfertigen Städten ist symbolische und politische Offenheit eingeschrieben: Die ständige Auseinandersetzung, wofür und für wen die Stadt da sein soll, bleibt Gegenstand des städtischen Alltags. Nur im Kollektiv kann das Städtische erschaffen werden, als Prozess ohne Ablauffrist ist die Stadt dementsprechend immer Gemeingut. Die gegenwärtige Stadtplanung und -entwicklung hingegen bewegt sich in maximaler Distanz zum Unfertigen: Bei den meisten (auch von der Stadt organisierten) Architekturwettbewerben werden Bestandsbauten a priori zu Abbruchobjekten. Verlangt werden fertige Bausteine mit klarer Idee und einprägsamem Bild. Eine Transformation durch Gebrauch ist nicht vorgesehen. Dies ist insofern erstaunlich, als in den 1980er und 1990er Jahren die Grundlage geschaffen wurde, die Stadt wieder als gebautes, aber unfertiges Gebilde zu verstehen.

«Die Stadt ist gebaut.» Das ist der Satz aus Ursula Kochs Rede vor dem Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein (SIA), der sich in das städtische Kollektivgedächtnis eingegraben hat. Im Jahr 1988 skizzierte die damalige SP-Politikerin, Stadträtin und Vorsteherin des Bauamts II (jetzt: Hochbaudepartment) damit einen politischen Horizont, der auch heute noch stadtpolitische Orientierung bietet. Selbstverständlich hatte sie recht: Die Stadt ist gebaut. Ihre prägenden Elemente sind bereits und permanent da: Gewässer, Topografie, Strassennetz, zentrale öffentliche und private Bauten wie Hauptbahnhof, Universitäten, Gleisfelder, Brücken etc. Doch das war nicht Ursula Kochs Punkt. Ihr ging es darum, dass die Stadt eben nicht nach dem Prinzip Tabula rasa neu gebaut werden soll, sondern dass an ihr stets weitergebaut werden muss. In den Worten von Ursula Koch: «Sie muss nicht neu-, sondern umgebaut werden. Umgebaut zu einem lebenswerten Zürich, mit hohen urbanen Qualitäten.»

Aus heutiger Sicht vielleicht überraschend: Damals boten diese Sätze Zündstoff. Die Stadtpolitik war angespannt und polarisiert. Zuvor hatte schon die Achtzigerbewegung eine schwelende kulturelle Krise artikuliert, die in den folgenden Jahren zwar befriedet, aber nie überwunden werden konnte. Deindustrialisierung und Suburbanisierung führten in Zürich zu einem sozialen Wandel, der schliesslich seinen medial verbreiteten Ausdruck in der abschätzigen Bezeichnung «A-Stadt» fand: A für Arme, Alte und AusländerInnen. Die Abwanderung der Industrie aus Zürich vernichtete zahlreiche Stellen, gleichzeitig verstärkte sich die Ausrichtung auf die Finanzwirtschaft. Land als Grundlage für die produzierende Wirtschaft verlor an Bedeutung. Dafür rückten Immobilien als Anlageobjekte in den Fokus. In Stadtplanung und Stadtentwicklung rissen neue Gräben auf.

Wie man Beton zu Gold macht

Die verkehrsgerechte Umgestaltung und der Abbruch und Neubau bedeutender Orte und Knotenpunkte stiess seit den 1970er Jahren zunehmend auf Widerstand. Architekten und Städtebauerinnen forderten einen sorgfältigeren Umgang mit dem Bestand, die historische Stadt sollte wieder als wertvolles räumliches und soziales Gefüge berücksichtigt werden. Die Umweltbewegung, die sich damals ebenfalls zu formieren begann, forderte eine Abkehr vom Automobil und eine umwelt- und lebensgerechte Stadtentwicklung. Die Stadt sollte mit Freiräumen, Grünanlagen und der Förderung des Langsamverkehrs primär jenen Qualität bieten, die dort wohnten. Wie in anderen Städten Europas besetzten auch in Zürich junge Erwachsene leer stehende Gebäude und protestierten damit gegen die Verteuerung des Wohnraums und den Abriss auf Vorrat. Wohnhäuser sollten laufend instand gehalten statt in regelmässigen Zyklen komplett ersetzt werden. Viele urbanistische Positionen und Ziele, die heute wieder aktuell sind, stammen aus dieser Zeit und fanden damals Eingang in den politischen und planerischen Diskurs.

Die Wirkung von Ursula Koch, die am 1. Juli achtzig Jahre alt wird, kann dabei nicht überschätzt werden. «Die Stadt ist gebaut», sie müsse nicht neu-, sondern umgebaut werden: Mit diesen Sätzen machte sie Ende der 1980er Jahre die hiesige Bauwirtschaft nervös. Die Öffnung der Industrieareale schien damals in Griffweite, die Baulöwen erhofften sich davon eine wundersame Vermehrung ihres Vermögens. Aus einem Quadratmeter Industrieboden im Wert von 200 Franken sollten durch Umzonung schon bald 5000 Franken werden – und dies wie von Zauberhand, ohne jegliche Investition oder eigenen Aufwand. Ursula Koch entzauberte diesen Immobilienhokuspokus. Sie sprach aus, was alle dachten: Wieso sollen Immobilienunternehmen den Gewinn einstreichen, den sie dem städtischen Kollektiv zu verdanken haben? Denn hinter der Bodenpreissteigerung steht keine übernatürliche Magie, sondern die Bereitschaft der städtischen Gesellschaft, Mehrnutzungen zuzulassen.

Ursula Koch wollte die Industrieareale nur unter strikten Bedingungen für die Dienstleistung öffnen. Der Stadtrat, darunter auch die GewerkschafterInnen Emilie Lieberherr und Jürg Kaufmann, wandte sich jedoch mehrheitlich von ihren Plänen ab, und die geheimen Verhandlungsergebnisse innerhalb der Exekutive landeten auf den schweren Holztischen der Immobilienwirtschaft und des Gewerbeverbands. Zwei Stadträte, der damalige Stadtpräsident Thomas Wagner (FDP) und Kurt Egloff (SVP), wurden dafür 1989 wegen Amtsgeheimnisverletzung verurteilt. (Wagner trat 1990 nochmals an. Ihm gelang zwar die Wiederwahl in den Stadtrat, als Stadtpräsident aber wurde er abgewählt.)

Die politische Auseinandersetzung um die Zukunft der Stadt war polarisiert und hart. Die Strategie des Um- und Weiterbauens stiess auf eine Logik von Abbruch und Neubau. Beton muss eben immer wieder neu verbaut werden, damit er zu Gold wird. Doch das Ziel des Umbauens und Weiterbauens lag nicht etwa darin, Renditen zu verhindern. Weiterbauen am Bestand verfolgte damals wie heute umwelt- und sozialpolitische Ziele.

Das nachhaltigste Gebäude ist jenes, das stehen bleibt: Denn wenn gebaute Substanz erhalten bleibt, kann der Energieverbrauch reduziert werden, und graue Energie bleibt in Nutzung. Das Bestehende zu transformieren statt abzureissen, muss deshalb Kern jeder klimapolitischen Strategie sein. Bestandsbauten im Stadtraum sind aber nicht bloss angemalte mineralische Artefakte. Weiterbauen bedeutet nicht, die bestehende Bausubstanz einfach zu erweitern. Der Architektursoziologe Lucius Burckhardt hat das bereits in den 1970er Jahren formuliert: Weiterbauen heisst, den Wert des Bauens als Prozess zu verstehen, als Mitwirkung an der Stadt. Denn Gebäude sind nicht fertig, wenn sie bezogen werden. Das Gebaute müsse deshalb «stets Vorrang vor dem noch nicht Gebauten» haben, forderte Burckhardt: «Geplantes, das noch nicht gebaut wurde, kann als inexistent betrachtet werden.» So wird der Neubau zum Ausnahmefall. Denn Gebäude fangen erst nach ihrer Erstellung wirklich an zu leben. Auch wenn sie immer noch als tote Dinge behandelt werden: Gebäude sind alles andere als leblos. Sie fabrizieren und stabilisieren soziale Beziehungen und Infrastrukturen, ohne die die Stadt keine mehr ist.

Die Stadt zum Klingen bringen

In ihrer Rede von 1988 spricht Ursula Koch mit Blick auf die gebaute Stadt von einer Sehnsucht nach Intaktheit, Schönheit und Qualität. Von der Bauherrschaft soll mehr verlangt werden können, als einfach den Bau zu beherrschen: Sie müsse, so Koch, auch eine «kulturelle Verantwortung» wahrnehmen. Schönheit, kulturelle Verantwortung, das klingt in zeitgenössischen Ohren romantisch, wenn nicht gar naiv. Steht nicht hinter jedem schönen Gebäude ein erfolgreicher Immobilienfonds? Aber vielleicht sollten wir, wenn wir von Schönheit und kultureller Verantwortung im Umgang mit der Stadt sprechen, dies nicht als Geschmacksfrage verstehen, sondern ästhetisch: nämlich als Fähigkeit der Gebäude, uns zu berühren, mit den Menschen in Beziehung zu treten. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von Resonanzbeziehungen zwischen den Dingen und den Menschen: Erst wenn wir Menschen mit den Dingen in Resonanz stehen, geht es uns gut. Dies gilt in besonderem Masse für die Umwelt, die uns umgibt: die gebaute Stadt. Schönheit ist dann keine Geschmacksfrage, sondern ein sozialer Prozess und eine kulturelle Leistung.

Die Trennung zwischen Menschen und Dingen wird in der Stadt unscharf. Oder zugespitzt: Urbanität entsteht nur da, wo die Trennung zwischen lebendigen und leblosen Objekten in der Schwebe bleibt. Wie das aussehen könnte, zeigen uns Hausbesetzungen bis heute. Die BewohnerInnen des besetzten Wohlgroth-Areals berichteten nach dem erzwungenen Auszug eindrücklich, wie das vermeintlich unnütze und leer stehende Gebaute in ihren Händen zu klingen begann und damit auch ihr eigenes Leben mit Sinn erfüllte. Durch die Besetzung traten sie in eine Beziehung mit der Stadt. Sie eigneten sich Dinge, Räume, Artefakte an, und die Dinge blickten zurück, begannen ihr eigenes Leben.

Jenseits der simulierten Stadt

Von sprechenden Dingen zu schreiben, klingt erst einmal sonderbar oder gar esoterisch. Dabei ist das Gegenteil durchaus geläufig: «Der Ort sagt mir nichts» ist ein oft geäusserter Satz. Wir alle kennen Orte ohne Charakter, die uns beziehungslos und ohne Präsenz gegenüberstehen. Stumme Gebäude säumen vielerorts die Strasse. Sie erfüllen nur den einen unmittelbaren Zweck, für den sie gebaut wurden – Wohnraum oder Büroflächen zu schaffen, Kapital anzulegen. Darüber hinaus passiert nichts. So überrascht es nicht, dass an vielen Orten die Erdgeschosse und die Aussenräume aktiv kuratiert und mit Zeichen aufgeladen werden. Doch die Zeichen verbergen nur unzulänglich die fehlende Resonanz. Sie zeugen von der Leere, die die Gebäude befällt, und der Unmöglichkeit, mit der realen Stadtgesellschaft in einen kulturellen Austausch zu treten. Die fehlende kulturelle Verantwortung zeigt sich genau darin, dass Urbanität hier nicht tatsächlich erschaffen, sondern vor allem simuliert werden soll.

An einem sonnigen Morgen Ende Mai in der Zürcher Europaallee: Vor einem weissen Gebäude hat sich ein Trupp Menschen auf Spinning Bikes im Aussenraum positioniert. Stramme Waden strampeln an Ort und Stelle. Schweiss tropft auf den Tessiner Cresciano-Gneis. Verhält sich die Europaallee zur Urbanität nicht wie Spinning zum Fahrradfahren? Während Ermüdung und Schweiss beim Fahrradfahren allenfalls lästige Übel sind, um sich aus Musse oder Pflicht fortzubewegen, geht es beim Spinning nur um den Schweiss, die Fahrt wird allenfalls auf dem montierten Bildschirm simuliert. Und während Konsum und Kommodifizierung üblicherweise Nebenprodukte von Urbanität sind, simuliert man an der Europaallee Urbanität, um den Konsum anzuregen und die komplette Kommodifizierung zu kaschieren. In Stein gebaute Stadtsimulation.

Die Ironie will es, dass die Spinningszene an der Europaallee genau am Tag nach der vermutlich grössten Critical Mass, die Zürich je gesehen hat, gespielt wurde. In der Tradition der Achtzigerbewegung und eingeschrieben in eine globale Geschichte städtischer Raumpraktiken verweist die Critical Mass, eine weltweite Bewegung zur nichtmotorisierten Aneignung des städtischen Raums, auf eine andere Politik, ja auf eine andere Realität der Stadt. Dieses spezifisch urbane Verständnis von Politik sucht seinen Ort nicht in Institutionen, sondern in Praktiken, die eng mit dem städtischen Alltag verwoben sind. Die Critical Mass realisiert die Stadt als demokratische Resonanzsphäre, Teilhabe und Mitsprache beschränken sich nicht auf individualisierte Bedürfnisartikulation. Hier wird eine kollektive Praxis realisiert, die die Demokratie räumlich und temporär verortet. In ihr tritt eine vielstimmige städtische Öffentlichkeit in Erscheinung, eine Öffentlichkeit, die nicht unabhängig vom Raum und den physischen Dingen gedacht werden kann, sondern die immer schon mit diesen verstrickt ist. Darin zum Ausdruck kommt ein Ringen um die Stadt, das letztlich auch eines um die Demokratie an sich ist – eine Demokratie, die als Möglichkeit direkt auf die räumliche und soziale Umwelt einwirkt und sich nicht im Zauber städtischer und politischer Simulationen auflöst.

Selbstverständlich baut uns die Critical Mass nicht den günstigen Wohnraum, den wir brauchen, und eine Politik der kritischen Masse wird auch nicht die klimapolitische Wende bringen. Was aber eine solche Politik des Städtischen offenbart, ist die Bereitschaft vieler, an der unfertigen Stadt weiterzubauen und diese als Gemeingut zu verstehen. Damit hätten wir bereits vor dreissig Jahren beginnen können, als Ursula Koch für ein stetiges Weiterbauen plädierte. Stattdessen hat sich die Stadtpolitik seither der Utopie hingegeben, man könne tatsächlich bessere, neue, fertige Städte bauen. Jetzt wissen wir: Fertige Städte sind dem Verfall geweiht.

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