12.08.2004

Tarnfarben-Fassade schärft Bewusstsein

In St. Gallen lautete in den letzten Jahren das Credo der Stadtregierung: Nur ja nicht die wirtschaftliche Entwicklung durch Planungs- und Bauvorschriften hemmen. Ein schnell hochgezogener Bürokomplex hat diese Politik ins Wanken gebracht.

Von René Hornung

Wer von der Autobahn ins St. Galler Stadtzentrum fährt, kann «St. Leopard» nicht übersehen: Das Geschäftshaus heisst eigentlich St. Leonhard, hat aber wegen seiner gefleckten Fassade den tierischen Übernamen bekommen. Den in St. Gallen aufgewachsenen Kunsthistoriker Peter Röllin erinnert der Bau allerdings eher an «gschäggeti Chüe». Kühe – das seien doch die wahren Assoziationen zur Grünzone an den Hängen über der Stadt, frotzelt er.

Kritik und Polemik zu «St. Leopard» führten vor einem Jahr zur Frage, ob sich denn in den St. Galler Baubewilligungsbehörden niemand mehr um Architektur und Ästhetik von Neubauten kümmere. Selbstverständlich kümmere man sich darum, konterte Stadtplaner Mark Besselaar. Für ihn sei Ästhetik «eine der fundamentalen Qualitäten der Stadt», betonte er in einem Zeitungsinterview. Doch angesichts der gebauten Realität kommt die Frage auf, ob sich Ästhetik und Baukultur auch durchsetzen lassen.

Alles ohne Wettbewerb

Offensichtlich viel zu selten, sonst hätte sich darüber in den vergangenen Monaten nicht eine derart breite Debatte entwickelt. Vorab der BSA (Bund Schweizer Architekten) hat sie angestossen und den Fraktionen des Stadtparlaments einen Fragebogen zugeschickt, mit dem die ArchitektInnen den PolitikerInnen ein eigentliches Bekenntnis zur Baukultur abringen wollen. Nicht ohne Wirkung: Bereits wurden parlamentarische Vorstösse von CVP, FDP und SP eingereicht, die einen unabhängigen Gestaltungsbeirat fordern. Nach einer ersten Nein-Trotzrunde zeigt sich die Stadtregierung inzwischen bereit, das Anliegen mindestens zu prüfen.

Dass die Kritik an architektonisch unbefriedigenden Neubauten so massiv geworden ist, haben sich St. Gallens Stadtregierung und die parlamentarische Baukommission selbst eingebrockt. Als nämlich 1997 Franz Eberhard sein St. Galler Amt als Stadtbaumeister verliess und nach Zürich wechselte, packte die Baulobby die Gelegenheit beim Schopf und erreichte, dass die früheren, planerischen Kompetenzen des St. Galler Stadtbaumeisters kastriert wurden. Eberhards Amtsnachfolger, Martin Hitz, ist nur noch für die stadteigenen Gebäude zuständig. Eberhard hatte für die 70000-Einwohner-Stadt noch regelmässig Studienaufträge an die ETH und an Fachhochschulen vergeben und die Resultate jeweils öffentlich präsentiert und so die Stadtentwicklungsdiskussionen am Laufen gehalten. Inzwischen sind Studienaufträge aus St. Gallen rar geworden und die Grundsatzdiskussionen selbst in der Baukommission versiegt.

Die Tatsache, dass das investorenfreundliche Klima zur ersten Priorität erhoben wurde, erstaunt. Vorab in einer Stadt, die seit 24 Jahren von einem sozialdemokratischen Stadtpräsidenten gelenkt wird und die seit vier Jahren erst noch eine SP-Frau als Baustadträtin hat. Das in der Ostschweiz allgegenwärtige Generalunternehmen HRS konnte jedenfalls das nun so umstrittene Geschäftsgebäude St. Leonhard trotz seiner exponierten Lage ebenso ohne Wettbewerb hochziehen wie das Projekt zum neuen Fussballstadion mit Einkaufszentrum am Stadtrand planen. Das sei reine «Baupolitik statt Baukultur», kritisiert Peter Röllin und «vermisst einen personell und fachlich kompetenten Diskurs».

Eine Reihe von Grossprojekten

Nach den Protesten ist wenigstens der Diskurs lanciert: In den vergangenen Monaten fanden mehrere Veranstaltungen zum Thema Baukultur statt, und die Debatten drehen sich nicht mehr nur um Ästhetik und Architektur, sondern auch um strukturelle Fragen der Stadtentwicklung und ihre Steuerung, denn St. Gallen steht vor der Realisierung weiterer Grossprojekte:

⇒ Eben gestartet wurde der Bau des polysportiven Zentrums mit einer gedeckten 400-Meter-Laufbahn. Auf dieses aus einem Wettbewerb hervorgegangene 40-Millionen-Projekt richten sich zurzeit die Augen aller St. Galler Bauinteressierten.

⇒ Zur Disposition stehen die nicht mehr genutzten Gleisfelder nördlich des Bahnhofs, des ehemaligen Güterbahnhofs und des Bahnhofs St. Fiden. Sie sind zur Überbauung frei. Beim Bahnhof soll die neue Fachhochschule mit einem Hochhaus im Talboden gebaut werden. Dessen Schattenwurf erhitzt die Gemüter schon in der Vorprojektphase.

⇒ Direkt neben dem Bahnhof muss der 12-stöckige Rathausturm aus den siebziger Jahren nach einem Brand saniert werden. Bleibt abzuwarten, ob die Stimmberechtigten den 45-Millionen-Kredit bewilligen werden oder ob die Abbruchdiskussion doch noch einmal aufkommt.

⇒ Nach dem Nein zu einem Erweiterungsbau für das Kunstmuseum wird nun als Alternative über einen Neubau für das bisher im gleichen Haus untergebrachte Naturmuseum diskutiert, damit die Kunst auf diesem Weg zu mehr Platz kommt. Parallel dazu hat die Galerie Hauser und Wirth entschieden, ihr Museum in der alten St. Galler Lokremise diesen Sommer vorläufig zum letzten Mal zu bespielen (mit Jason Rhoades). Für die «Kulturstadt», wie sich St. Gallen in der Werbung nennt, ein harter Schlag.

⇒ Auch die Ostschweizer wollen ein neues Fussballstadion. Der VCS hat nach Abschluss einer verbindlichen Vereinbarung mit den Investoren eingelenkt, doch gegen die mit dem Bau verbundenen Verkehrsmassnahmen gibt es noch Einsprachen aus dem Quartier. Die Finanzierung des Projektes ist ebenfalls noch nicht gesichert und kann nur klappen, wenn Jelmoli und Ikea wirklich bei der Stange gehalten werden können.

⇒ Das Bundesgericht wird mit seiner verwaltungsrechtlichen Abteilung nach St. Gallen kommen. Der Neubau wird auf Land der kantonalen Versicherungskasse in Bahnhofsnähe entstehen – diesmal allerdings mit einem Architekturwettbewerb.

⇒ Ein privates Kongresszentrum, eine Investition der Textilindustriellen- und Hotelbesitzerfamilie Kriemler will die Stadt als Tagungsort aufwerten. Doch Quartierverein und Nachbarn bekämpfen den Neubau eines Münchner Architekturbüros – unter anderem wegen der mangelhaften Baukultur. Die Stadtbehörden stehen allerdings kritiklos hinter dem Investor.

⇒ Die Raiffeisenbanken haben für ihren Hauptsitz ein ganzes St. Galler Stadtquartier umgepflügt. Nun sollen Pipilotti Rist und Carlos Martinez mit ihrem Siegerprojekt die Umgebung der Neubauten neu gestalten. Ihr kühner Vorschlag, Strassen und Trottoirs, ja selbst Bänke und anderes Stadtmobiliar mit einer einheitlich roten Gummihaut (Tartan-Sportbahnenbelag) zu überziehen, wird wohl noch zu reden geben – die Einwände der Schneepflugchauffeure jedenfalls sind sicher.

⇒ Auch die immer wieder diskutierte Neugestaltung des Bahnhofplatzes mit dem Busbahnhof steht an, die Erweiterung der Universität ist ein weiteres Millionenprojekt.

Wo bleibt die Diskussion?

All diese Projekte brauchen die öffentliche Diskussion. Denn wer die Bevölkerung in solchen Fragen nicht frühzeitig mit einbeziehe, werde bloss auf Rekurse und in Volksabstimmungen auf eine Neinwelle stossen, sind zum Beispiel die Planungsfachleute in Lausanne überzeugt. Nicht zuletzt deshalb organisieren sie diesen Sommer die «Jardins»-Ausstellung in künftigen Entwicklungsgebieten der Stadt (die WOZ wird berichten).

Stadtentwicklung bedeutet in St. Gallen allerdings nicht nur neu bauen. Auch Nutzungsdiskussionen stehen an: Mit welchem Konzept lässt sich das von der Stadt gekaufte bisherige Kino Palace als Kulturzentrum einigermassen kostendeckend betreiben? Und wie können Palace und die unmittelbar benachbarte Grabenhalle konfliktfrei nebeneinander existieren? Nutzungsdiskussionen stellen sich auch für die 95000 Quadratmeter leer stehender Büro- und Industriefläche. Dazu sind noch einmal 10000 Quadratmeter in Planung. Umgerechnet auf Büroarbeitsplätze hat St. Gallen damit eine Reserve für 3500 MitarbeiterInnen. Dass es in den nächsten Jahren zu einem solchen Wachstum kommen wird, glaubt niemand. Und trotzdem beruhigt die städtische Wirtschaftsförderung: Im Vergleich zu der Million Quadratmeter leer stehender Flächen im Grossraum Zürich sei das doch ein Klacks.

Zu investieren gibt es aber auch im St. Galler Wohnungsbau wenig. Auch für die künftigen MitarbeiterInnen des Bundesgerichtes gebe es genügend Wohnraum, auch noch im Jahre 2010, wenn das Gericht seinen Betrieb aufnehmen werde, meinte der Stadtrat vor den Sommerferien in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage. Tatsächlich weist die Statistik für St. Gallen in den letzten Monaten immer einen Leerwohnungsbestand von einem Prozent und mehr aus: Rund 400 der 40 000 Wohnungen in der Stadt sind ständig ausgeschrieben – mehrheitlich allerdings unattraktive Kleinwohnungen –, dies vor allem nachdem in den letzten beiden Jahren fast 700 neue Wohnungen gebaut worden und weitere Neubauquartiere noch in Planung sind.

Wohnen mit lebendiger Kultur

Trotzdem fehlt es in St. Gallen – wie in fast allen Schweizer Städten – an günstigen und grossen Wohnungen. Die Neubauwelle hat dabei nicht nur billige Wohnungen, sondern auch spannende Kulturexperimente abgewürgt. So stand an der Stelle des eingangs erwähnten Geschäftshauses «St. Leopard» eine Jugendstil-Häuserzeile mit Grosswohnungen. In den Jahren vor dem Abbruch entwickelte sich dort eine lebendige Szene: Von der Veloflicki über Ausländerpartys bis zum Punkertreff Rümpeltum kam hier vieles zusammen, was städtische Subkultur ausmacht. Und im Haus wurde die einzige Spielfilmszene der letzten Jahrzehnte in St. Gallen gedreht: Teile von «Marthas Garten» von Peter Liechti entstanden hier in einer Wohnung.

Auch im Bleicheli, wo die Zentralverwaltung des Raiffeisenverbandes noch ein weiteres Gebäude hochzieht, verschwand ein Mikrokosmos der besonderen Art. In den kleinen Vorstadt-Häuserzeilen konnte man nicht nur günstig wohnen, hier befand sich auch die bereits zur Legende gewordene «Frohegg». In dieser Quartierbeiz herrschte kurz vor dem Abbruch in der ersten Jahreshälfte 2002 ein Kulturleben mit einem Spektrum, wie es seither die St. GallerInnen in dieser Breite vermissen. Danach bot im Sanierungsgebiet nördlich des Bahnhofs, dem künftigen Fachhochschul-Bauplatz, das «Bergrösli» kurzfristig Ersatz, doch nun wartet St. Gallen auf einen neuen, experimentierfreudig betriebenen Kulturraum – das erwähnte Kino Palace nährt die Hoffnung.

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