Nr. 27/2021 vom 08.07.2021

«Die Klimafrage ist eine Klassenfrage»

In weiten Teilen Afrikas leiden derzeit Zehntausende Menschen Hunger. Solche Katastrophen werden zunehmen, sagt Klimagerechtigkeitsforscher Darrel Moellendorf.

Interview: Natalia Widla

WOZ: Herr Moellendorf, im Süden von Madagaskar leiden derzeit über eine Million Menschen an Nahrungsmittelknappheit, laut Uno droht rund 14 000 von ihnen der Hungertod. Schuld daran ist die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten. Sehen wir hier eine drastische Auswirkung des Klimawandels?
Darrel Moellendorf: Es ist schrecklich, aber Madagaskar ist leider nicht das einzige Beispiel für eine dürrebedingte Hungersnot im südlichen oder östlichen Teil des afrikanischen Kontinents in den letzten Jahren. Die Dürren halten seit Jahren immer länger an – Zyklone, Heuschrecken oder Überflutungen verschärfen die Situation zusätzlich. Fast alle Staaten im südlichen Afrika sind betroffen, allein in Sambia ist die Hälfte der Bevölkerung von Hunger bedroht. Es ist zwar von Fall zu Fall schwierig festzulegen, wie gross der Einfluss des Klimawandels in Bezug auf die einzelnen Hungersnöte ist. Es ist jedoch unbestreitbar, dass er diese Katastrophen weiter verschärft und extreme Wetterphänomene weiter begünstigt – und mit ihnen auch Armut und Nahrungsmittelknappheit.

Was hat das mit Klimagerechtigkeit zu tun, zu der Sie hauptsächlich forschen?
Gewisse Regionen und Menschen leiden mehr unter dem Klimawandel als andere, obwohl sie diesen kaum verantworten: Sie stossen gar kein oder nur marginale Mengen an CO2 aus, und sie sind nur kleine Player in der fossilen Energiegewinnung – sie profitieren also auch finanziell kaum. Es ist offensichtlich, dass hier eine Ungerechtigkeit vorliegt. Das bringt uns zur Frage der internationalen Verantwortung: In vielen internationalen Verträgen, auch in der Agenda 2030 der Uno, ist das «Recht auf nachhaltige Entwicklung» festgeschrieben. Dieses bedeutet, dass auch Entwicklungs- oder Schwellenländer das Recht haben, ihre Entwicklungsstrategie zu verfolgen, ohne dass sie durch externe Faktoren gebremst werden. Sowohl der Klimawandel als auch die Klimapolitik der Industrienationen sind jedoch solch externe Faktoren. Das Recht auf nachhaltige Entwicklung ist in Madagaskar und in anderen Ländern des südlichen Afrika bedroht. Und dafür verantwortlich sind die hochindustrialisierten und wohlhabenderen Länder des Globalen Nordens.

Sie diagnostizieren also eine globale Klimaungerechtigkeit?
Ja. Es existieren zwar internationale Fonds, um die negativen Klimafolgen abzufedern, doch diese sind stark unterfinanziert. Wie mit den besonders stark vom Klimawandel betroffenen Ländern und den dort lebenden Menschen umgegangen wird, ist nicht nur eine Ungerechtigkeit, es ist ein bewusst in Kauf genommenes Versagen.

Darrel Moellendorf Foto: Goethe-Universität

Was meinen Sie damit konkret?
Die Industrienationen müssen die Unterstützung der fossilen Industrie schnellstmöglich einstellen, Subventionszahlungen beenden und keine Ausnahmen mehr zu ihren Gunsten machen. Jedes Land, das die Klimakatastrophe ernst nimmt, müsste genau hiermit anfangen. Auf internationaler Ebene müssen die Fonds zur Bekämpfung der negativen Folgen des Klimawandels aufgestockt werden – heute spenden viele Regierungen stattdessen lieber Almosen für hungerleidende Menschen. Wird der Klimawandel in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten nicht aufgehalten, werden durch Dürren verursachte Hungersnöte zur Norm werden. Was wir jetzt in Madagaskar und am Horn von Afrika sehen, sind keine besonders krassen Ausreisser, sie sind der Anfang einer sich abzeichnenden, verheerenden Tendenz.

Auch in Kanada, Teilen der USA, Skandinavien oder in Griechenland herrschen derzeit Temperaturen von bis zu fast fünfzig Grad Celsius – auch dort sterben Menschen. Trotzdem sprechen Sie von einer Ungerechtigkeit zwischen Nord und Süd?
Die Klimagerechtigkeit hat verschiedene Dimensionen, zum Beispiel jene zwischen den Generationen: Frühere Generationen, die den Klimawandel vorangetrieben haben, tragen eine Verantwortung für jetzige und künftige Generationen, die die Folgen des Klimawandels zu tragen haben, obwohl sie diesen nicht verursacht haben. Gleichzeitig sind ältere Menschen viel stärker von der Hitze bedroht. Eine weitere Dimension der Klimagerechtigkeit innerhalb der Länder selbst ist die Klasse: Reiche stossen wesentlich mehr CO2 aus als ärmere Menschen, gleichzeitig sind Letztere viel verletzlicher.

In Vancouver sind an den Folgen der Hitze und den daraus resultierenden Waldbränden bis Ende letzter Woche mehr als siebzig Personen gestorben, darunter viele Obdachlose.
Ja, die Klimafrage ist in vielerlei Hinsicht eine Klassenfrage. Die Armen sind nicht nur stärker von den Folgen der Klimaerwärmung betroffen und verletzlicher: Ihnen fehlen oft auch die Mittel, um sich vor der Klimaerwärmung zu schützen. Sie sind etwa weniger mobil, und es fehlt ihnen die Möglichkeit, sich abzukühlen – teilweise haben sie schlicht keine funktionierende Wasserversorgung. Gleichzeitig führt die fossile Energieindustrie seit Jahrzehnten eine Kampagne mit dem Ziel, die Klimakrise kleinzureden. Die Industrie hat eine unerreichte Macht innerhalb der politischen Entscheidungsgremien. Ärmere haben umgekehrt kaum politische Mitsprache.

Die Klimafrage ist also nicht nur eine Klassenfrage, weil Ärmere stärker betroffen sind, sondern weil sie nichts zu sagen haben …
Genau. Ohne eine fundamentale Veränderung der Wirtschaftsverhältnisse wird der Kampf gegen den Klimawandel kaum schnell genug Resultate zeigen. Dafür braucht es in erster Linie eine Politik, die die Interessen der arbeitenden Bevölkerung jenen der fossilen Energielobby vorzieht. Klimapolitik muss eine Politik der Menschen sein, keine Politik der Reichen und Konzerne.

Gibt es nebst der Ungerechtigkeit zwischen Regionen, Generationen und Klassen nicht auch eine Ungerechtigkeit zwischen verschiedenen Geschlechtern?
Das Geschlecht spielt vor allem in ärmeren und weniger industrialisierten Ländern eine grosse Rolle. Von der Armut, die durch den Klimawandel verursacht wird, sind in erster Linie Frauen und Mädchen betroffen. Im Fall von Dürren etwa sind es oft sie, die kilometerweite Wanderungen auf sich nehmen müssen, um Wasser zu holen. Die klimabedingte Not schafft oder verschärft oft auch sexuellen Missbrauch oder die Abhängigkeit von Frauen. Zentral ist: Die Klimaerwärmung führt zu Armut, von der vor allem Frauen betroffen sind. Wenn Menschen etwa mit Abfall heizen und kochen müssen, weil sie sich Holz oder Öl nicht mehr leisten können, sind es die Frauen und Kinder, die den giftigen Gasen oft am direktesten ausgesetzt sind.

Die Menschen sind also aus verschiedenen Gründen von der Klimaerwärmung betroffen: weil sie im Süden leben, arm sind oder weiblich.
Ja, in der Sozialwissenschaft spricht man hier von Intersektionalität: Eine Person kann aus zahlreichen Gründen von den negativen Folgen des Klimawandels stärker betroffen sein als andere – wobei sich diese Gründe gegenseitig bedingen und verstärken.

Kann man denn eine armutsbetroffene Familie in Deutschland mit einer Familie aus Madagaskar vergleichen, die an Hunger zu sterben droht?
Natürlich ist es etwas anderes, ob man an Hunger zu sterben droht oder ob man im industrialisierten Norden Mühe hat, sich gegen die aktuellen Extremtemperaturen zu schützen. Beide Familien haben jedoch innerhalb des politischen Systems wenig Macht und sind dadurch verletzlich. Beide haben zudem ein Interesse, dass die fossile Industrie ihr Verhalten schnellstmöglich ändert.

Klimabericht

Tropennächte und Hungersnöte

Am vergangenen Sonntag stiegen die Temperaturen im norwegischen Saltdal auf über 34 Grad und markierten den landesweiten Spitzenwert für das Jahr 2021. Das allein wäre kaum eine Schlagzeile wert, doch Saltdal liegt im höchsten Norden des Landes, nahe dem Polarkreis. Auch in Finnland werden Hitzerekorde gebrochen. Hinzu kommt, dass sich die Luft in vielen Teilen Skandinaviens auch nachts kaum mehr abkühlt. Das führt zu regelrechten «Tropennächten» – ein bisher in diesem Teil der Welt kaum bekanntes Phänomen.

Gemäss dem neusten Klimastatusbericht der Weltmeteorologie-Organisation erwärmt sich das Klima in der Arktis bis zu drei Mal schneller als auf dem Rest des Planeten. Der Anstieg erfolgt zudem schneller als bisher angenommen. Ausserdem werden die Dauerfrostperioden seit Jahren seltener und fallen kürzer aus. Das begünstigt die Eis- und Gletscherschmelze etwa in Grönland weiter. So hat es bereits seit der Jahrtausendwende keine extreme Kälteperiode mehr gegeben, die länger als vierzehn Tage andauerte. Verrückt spielt somit nicht das Wetter, sondern das längerfristige Klima.

Besonders gravierende Folgen für das Leben der Menschen hat die Klimaerwärmung bereits im südlichen Afrika. Seit drei Jahren hat es etwa im Süden Madagaskars nicht mehr geregnet. Über eine Million Menschen sind dort von Hunger bedroht und auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Etwa 14 000 Menschen droht laut dem Welternährungsprogramm der Uno (WFP) der akute Hungertod. Seit 1990 wurde der Inselstaat immer wieder von Dürren und Hungersnöten heimgesucht. Madagaskar ist keine Ausnahme: Dürrebedingte Hungersnöte gab und gibt es in jüngerer Zeit etwa in Simbabwe, Moçambique, Eswatini, Tansania oder Namibia. Bereits Anfang 2020 warnte Lola Castro, die Regionaldirektorin des WFP, vor einer Hungerkrise historischen Ausmasses im südlichen Afrika. Gemäss Schätzungen des WFP dürften dort rund 45 Millionen Menschen auf Nahrungshilfe angewiesen sein.

Natalia Widla

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