Weltweites Extremwetter : «Es braucht ein Inventar der Klimaschäden»

Nr.  37 –

Dürren, Überschwemmungen, Hitzewellen – die Klimawissenschaftlerin Friederike Otto erklärt die vielschichtigen physikalischen und sozialen Ursachen für Umweltkatastrophen und will damit der Ohnmacht gegenüber der globalen Klimakrise entgegentreten.

Friederike Otto
«Wenn ich mit der Versicherungsbranche über Hitzewellen diskutieren will, sagen die immer, das interessiert uns nicht, weil das kostet ja nichts»: Friederike Otto. Foto: Andrea Artz, Laif

WOZ: Frau Otto, die sommerliche Hitzewelle in China soll die heisseste seit Messbeginn sein, und auch Europa hat gemäss Wetterdiensten noch nie einen so heissen Sommer erlebt.

Friederike Otto: Das ist nicht überraschend. Solange die globale Mitteltemperatur so stark ansteigt und wir weiter so viel Treibhausgase emittieren, wird es Jahr für Jahr Rekordhitzewellen geben und nur sehr wenige Rekordkältewellen. Was ehemals ein Jahrhundertereignis bei Hitzewellen war, beobachten wir heute jeden zweiten Sommer. Bei der Hitzewelle im Juli in England kann ich sogar sicher sagen, dass diese ohne den Klimawandel so nicht möglich gewesen wäre. Beziehungsweise wäre es 36 anstatt 40 Grad heiss geworden.

Warum wird die Klimakrise noch immer nicht ernst genommen, und warum wird nicht angemessen darauf reagiert?

Es fehlt nach wie vor das Verständnis, dass die Auswirkungen und teilweise die Ursachen der Klimakrise und der anderen Krisen – hohe Energiepreise, die Inflation, Ungleichheit – alle zusammenhängen. Und dass diese Ursachen gemeinsam bekämpft werden müssen, nicht wie bis anhin nur die Folgen.

«Forderungen des globalen Südens nach Reparations­zahlungen sind gerechtfertigt.»

Dabei soll ein Forschungsfeld, das Sie massgeblich entwickelt haben, helfen: die Attributionsforschung. Was steckt hinter diesem Begriff?

Die Attributionsforschung identifiziert Ursachen von Katastrophen und Krisen. Etwa, ob ein Extremwetter ein Ereignis im Rahmen der natürlichen Variabilität war oder hauptsächlich durch den Klimawandel entstanden ist. Mit der gleichen Methode können wir auch berechnen, welche Rolle andere Faktoren – wie etwa die soziale Ungleichheit – für die Verletzlichkeit der Menschen bei einem Unwetter spielen. Dies zu entflechten soll helfen, übergeordnete Zusammenhänge besser zu verstehen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Etwa das Hochwasser im Sommer 2021 in Deutschland und Belgien. Durch den Klimawandel hatte sich die Wahrscheinlichkeit für den damaligen Starkregen zwar etwa verdoppelt, aber es hätte auch ohne die Klimaerwärmung eine katastrophale Überschwemmung gegeben. Eine viel grös­sere Rolle spielte einerseits die natürliche Geografie: Es gibt in der Region viele kleine Flüsse, die schnell volllaufen. Andererseits waren die menschlichen Einflüsse noch wichtiger: Die Gegend ist komplett verbaut und versiegelt, auch gab es keine effizienten Frühwarnsysteme zur Evakuierung.

Die aktuelle Flut in Pakistan gilt gemäss Weltgesundheitsorganisation als die «schlimmste Naturkatastrophe» in der Geschichte des Landes. Können Sie sagen, welche Ursachen zu dieser Katastrophe beigetragen haben?

Wir arbeiten gerade an einer Studie dazu. Generell haben in der Region während der Monsunsaison die moderaten Niederschläge abgenommen und die Extremniederschläge zugenommen. Die Wahrscheinlichkeit dafür dürfte durch den Klimawandel etwa zwei- bis dreimal höher geworden sein, aber konkrete Zahlen für die einzelnen Einflussfaktoren haben wir noch nicht. Aber auch hier ist es eine komplexe Mischung von Ursachen.

Aktuell werden aus Pakistan sogenannte Forderungen für Schäden und Verluste («Loss and Damage») an den Globalen Norden laut. Wie ordnen Sie diese ein?

Auch wenn der Klimawandel die Überschwemmungen «nur» wenig beeinflusst hat, heisst das nicht, dass der Globale Norden wenig mit der Katastrophe zu tun hat. Pakistan hatte bereits unter extremer Hitze zu leiden, und bei Hitze ist der menschen­gemachte Klimawandel – den reiche Industrie­länder mit ihren historisch gesehen hohen CO₂-Emissionen am meisten verantworten – der absolute «Game Changer», also der allerwichtigste Einflussfaktor. Die Hitzewelle von Anfang Jahr in Pakistan und Indien hat die Wetterbedingungen hergestellt, die die krassen Überschwemmungen von heute mitermöglichten.

Haben also die anhaltenden Hitzewellen zum starken Monsun geführt?

Teilweise, aber es ist kein einfacher, unmittelbarer Zusammenhang. Es gilt zwar: Je heisser es ist, desto mehr Wasser verdunstet in die Atmosphäre. Aber ob es da regnet, wo Menschen leben, oder über den Ozeanen, hängt von der chaotischen Variabilität des Wetters ab. Deshalb folgen auf Hitzewellen nicht immer Überschwemmungskatastrophen. Was ich vor allem meinte, ist, dass die klimawandelbedingte Hitzewelle Pakistan bereits zuvor stark belastet hatte: Die Böden sind ausgetrocknet, es gab Ernteeinbussen, die Menschen litten unter Gesundheits­problemen. Und dann kam mit dem starken Monsun bereits das nächste Extrem­ereignis. Zusätzlich haben auch noch strukturelle Probleme – für die der Globale Norden mitverantwortlich ist – damit zu tun, dass die Auffangnetze von Ländern teilweise so schnell an ihre Grenzen kommen. Deshalb sind die Forderungen nach Reparations­zahlungen oder zumindest Hilfen auf alle Fälle ­gerechtfertigt.

Welche strukturellen Ursachen meinen Sie?

Pakistan ist ein Land, in dem der Monsun­regen meist sanft ausfällt, aber manchmal eben auch heftig, und daran ist das Land nicht angepasst. Warum das so ist, kann ich noch nicht abschliessend sagen, wir untersuchen das in unserer aktuellen Studie. Aber ich habe mich zum Beispiel letzten Herbst ausführlich mit der Frage beschäftigt, wa­rum die damalige Dürre­periode in Madagaskar zu einer Hungerkatastrophe geführt hat.

Was haben Sie herausgefunden?

Dürren aufgrund des Klima­wandels werden zwar in Hotspots wie dem Mittelmeerraum, im südlichen Afrika oder in Teilen Südamerikas häufiger, aber in vielen anderen Teilen der Welt spielt der Klima­wandel nur eine sehr geringe Rolle bei den auftretenden Dürren – so auch in Ostafrika und Madagaskar. Auch wenn es also von Natur aus sein kann, dass es nicht regnet, ist die ganze Infrastruktur in Madagaskar doch darauf ausgelegt, dass es das eben tut. Bleibt der Regen dann aus, gibt es eine Katastrophe.

Eine Ursache dafür war, dass es in Südmadagaskar nur eine einzige Strasse gibt. Die wird in der Regenzeit regelmässig überschwemmt und ist dann für lange Zeit nicht benutzbar. Als dann aufgrund der Dürre die Ernte schlecht ausfiel, konnten die Menschen nicht in andere Regionen gehen, um zu arbeiten oder einzukaufen, weil eben die Strasseninfrastruktur so miserabel war. Und so entsteht eine Spirale der Abhängigkeit: Die Menschen haben immer weniger Mittel und können nicht ausweichen. Dabei haben einerseits die lokalen Behörden ihre Verantwortung nicht wahrgenommen, andererseits ist das madagassische Strassennetz – und nach wie vor grosse Teile des Polit­apparates des Landes – ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit, das nie überdacht oder geändert wurde. Deshalb gibt es für die «Loss and Damage»-Forderung nicht nur den Klimawandel als physikalisches Phänomen als Grundlage, sondern eben auch strukturelle Gründe.

An vergangenen Uno-Klimakonferenzen (COP) wurden Entschädigungen für Klimaschäden gefordert, allerdings kam nie ein konkreter Finanzierungsplan zustande. Letzte Woche haben erneut mehr als 400 NGOs gefordert, dass dieses Thema an der kommenden COP, die Anfang November in Ägypten stattfindet, endlich offiziell aufgenommen wird. Warum geht es da nicht vorwärts?

Es ist nicht definiert, was Verlust und Schäden sein sollen: Es gibt kein Inventar der Klimawandelschäden. Viele Länder registrieren zwar Schäden von Natur­katastrophen, aber was genau die gesamten Schäden durch den Klimawandel sind, erfasst bis heute niemand. Mit der Attributionsforschung können wir genau solche Klimaschäden-Inventare erstellen und berechnen, welche Ursachen zu welchen Schäden geführt haben. Wurde ich für diese Idee vor wenigen Jahren noch belächelt, halten dies nun alle für machbar und notwendig.

Vor zwei Wochen veröffentlichte auch der Club of Rome eine Studie, die eine drastische Kehrtwende zur «Rettung des Planeten» forderte. Neben der Umverteilung von Reich zu Arm geht es auch um die Ermächtigung der Frauen. Sie selbst haben für den soeben auf Deutsch erschienenen Sammelband «Unlear­n Patriarchy» ein Kapitel zu patriarchalen Strukturen in der Wissenschaft geschrieben. Wo erfahren Sie diese?

Wissenschaft fällt ja nicht vom Himmel. Das Begutachten von wissenschaftlichen Publikationen und Projektanträgen, also der Kern der wissenschaftlichen Methode, wird zum ganz grossen Teil von weissen Männern gemacht. Dementsprechend gilt als wissenschaftlich, was weisse Männer als wissenschaftlich betrachten. Das muss deswegen nicht falsch sein, aber es bedeutet, dass beispielsweise innerhalb der Klimaforschung diejenigen Themen Gewicht erhalten, die Männern wichtig sind, und umgekehrt die Probleme jener Menschen, die nicht weisse Männer sind, nicht mit der gleichen Dringlichkeit – wenn überhaupt – bearbeitet ­werden.

Wo entstehen dadurch konkrete Wissens­lücken?

Generell fehlt der physikbasierten Klimaforschung die Zusammenarbeit mit der sozialwissenschaftlichen Klimaforschung. Denn um die vielschichtigen Ursachen für verheerende Folgen von Umweltereignissen zu verstehen, braucht es eben beides. Beispiels­weise interessiert sich niemand für kranke, alte Menschen, und es gibt nur sehr wenig Forschung dazu, wie gefährlich etwa gerade Hitzewellen für diese sind. Umgekehrt werden alle Aspekte des Klimawandels, die etwa für die Versicherungsbranche interessant sind – beispielsweise Risiken für Firmen oder Im­mo­bi­li­en­be­sit­zer:in­nen –, rege erforscht.

Werden Hitzewellen generell unterschätzt?

Auf alle Fälle. Es gibt keine einzige Studie, die auch nur mal für eine einzige Hitzewelle die gesamten ökonomischen Kosten zusammengerechnet hat. Wenn ich mit der Versicherungsbranche über Hitzewellen diskutieren will, sagen die immer, das interessiert uns nicht, weil das kostet ja nichts. Aber gemäss unseren berechneten Prognosen zur Übersterblichkeit sind beispielsweise der diesjährigen Hitzewelle in Grossbritannien 600 bis 700 Menschen zum Opfer gefallen.

Abschliessend bleibt doch ein sehr düsteres Bild, und tatsächlich berichten viele Menschen von Ohnmacht gegenüber der Klima­krise und von Zukunftsangst.

Ja, man kann durchaus den Eindruck bekommen, dass alle Wetterkatastrophen, die wir dieses Jahr sehen, alleine auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Das würde bedeuten, die einzige Möglichkeit, dem zu entgehen, wäre, CO₂ aus der Atmosphäre rauszuholen – im Prinzip unmöglich – und sofort keine fossilen Brennstoffe mehr zu verbrennen. Als Individuum kann man diesbezüglich aber relativ wenig tun. Aber der Klimawandel spielt nicht immer eine grosse Rolle, und insbesondere, was lokale Anpassung angeht, hat man durchaus ­Möglichkeiten.

Welche?

Häuser isolieren, Städte begrünen oder vom Arbeitgeber, von Schulen und Kitas fordern, dass sie Netto-null-Betriebe werden und beispielsweise nur veganes Essen anbieten. Dabei sind unsere Einflusssphären natürlich unterschiedlich gross, aber es ist nicht so, dass jemand gar keine hat. Ganz wichtig ist, sich zu informieren und da­rüber zu reden, was die realistischen Gefahren des Klimawandels sind und wie man sich an­passen kann. Und bei Hitzewellen, um abschlies­send nochmals darauf zurückzukommen, hilft es beispielsweise, viel Wasser zu trinken und die Fenster bei 40 Grad tagsüber zu schliessen und abzudunkeln – das kann die Sterblichkeit tatsächlich bereits senken.